Gesellschaft

Naturzustand Gewalt: Seit wann gibt es Krieg – und warum?

Ein bärtiger Mensch in einer steinzeitlich wirkenden Fellkleidung sitzt in einer Höhle und hält einen Stein in der Hand, während er einen weiteren bearbeitet.
gettyimages/gorodenkoff
Krieg oder Friede: Was ist die Natur des Menschen?

Ein kurzer Abstecher in die Geschichte der Menschheit.

Du schaust auf den Bildschirm, liest diese Überschrift und denkst dir zurecht: „Größer hattest du es nicht, oder?“ – Fair. Also machen wir die Sache etwas kleiner und klären gemeinsam folgende vier Fragen:

  • Wie wird Krieg definiert?
  • Wann war die früheste kriegerische Auseinandersetzung, von der wir wissen?
  • Warum gibt es Krieg?
  • Gehört Krieg zur Natur des Menschen? 

Wie wird Krieg definiert?

Bevor wir richtig einsteigen, sollten wir erst mal kurz definieren, was „Krieg“ eigentlich ist. Die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) fasst die Bedeutung des Wortes so zusammen: „Krieg bezeichnet einen organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates.“ 

Die Definition ist wichtig, weil nicht jede Form von Gewalt automatisch Krieg ist. 

Zwischen einem einzelnen Gewaltakt, einem Massaker, einer Fehde, einer Schlacht und einem organisierten Krieg bestehen Unterschiede. Gerade für die Vorgeschichte ist diese Abgrenzung entscheidend, weil archäologische Funde häufig verschiedene Interpretationen zulassen.

Krieg ist nur eine Seite der Geschichte. Menschen haben sich immer wieder organisiert, um sich Gewalt, Aufrüstung und Krieg entgegenzustellen. Ein Beispiel dafür ist die italienische Friedensbewegung: 1961 gingen Tausende beim ersten Friedensmarsch von Perugia nach Assisi auf die Straße. 

Dort wurde auch die siebenfarbige Friedensflagge mit dem italienischen Wort für Frieden „PACE“ bekannt. Sie wurde später zu einem Symbol der Bewegung.

Anzahl Kriege

Im September 2025 zählt die Organisation Evangelische Friedensarbeit89 Kriege in 31 Ländern. Subsahara-Afrika gilt dabei als globales Zentrum der Gewalt, gefolgt vom Nahen Osten und Teilen Asiens.

Eine genaue Auflistung, wie viele Kriege die Menschheit schon vom Zaun gebrochen hat, ist unmöglich. 

Wann war die früheste kriegerische Auseinandersetzung, von der wir wissen? 

Zu den frühen archäologischen Hinweisen auf organisierte kriegerische Gewalt gehört Tell Hamoukar in der Dschazira-Region. Das liegt im heutigen Nordostsyrien, nahe den Grenzen zum Irak und zur Türkei. 

Forschende des damaligen Oriental Institute der University of Chicago (heute Institute for the Study of Ancient Cultures) interpretierten Zerstörungsspuren und zahlreiche dort gefundene Geschosse als Hinweise auf einen gewaltsamen Angriff vor rund 5.500 bis 6.000 Jahren.

Aber selbst ein sehr alter Fund verrät uns nicht, wann Menschen zum ersten Mal Krieg führten. Archäologie kann nur zeigen, welche Spuren erhalten geblieben und bislang entdeckt worden sind. Ein „ältester bekannter Nachweis“ ist deshalb nicht automatisch der Ursprung des Krieges.

Tatsächlich könnten erste Kriege auch noch weiter zurückliegen. Dieselben Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass Kriege zum ersten Mal in der Jungsteinzeit aufkamen. Die Jungsteinzeit ist die Epoche, in der unsere Vorfahren von Nomaden zu sesshaften Siedlern wurden und mit der Landwirtschaft begannen.

Frühe Stadtmauern

Um Jericho im heutigen Westjordanland errichteten die Menschen bereits um 8000 v. Chr. eine Stadtmauer. Das vermeintliche Ziel: Schutz vor Feinden. 

Wann diese Epoche begann, unterscheidet sich nach Region deutlich. In Europa war das erst 4.000 bis 2.200 v. Chr., im Nahen Osten bereits vor 11.600 Jahren. 

Archäologische Funde von domestiziertem Getreide und ganzen Siedlungen zeigen, wie grundlegend sich das Leben vieler Menschen damals veränderte.

Warum gibt es Krieg?

Warum Menschen organisierte Kriege beginnen, hat mehrere Ursachen. Die Jungsteinzeit liefert wichtige Hinweise darauf, welche gesellschaftlichen Veränderungen Konflikte begünstigt haben könnten.

Unsere Vorfahren begannen zu dieser Zeit mit Ackerbau und Viehzucht. Außerdem errichteten sie, anders als die Jäger der Altsteinzeit, dauerhafte Siedlungen. 

Damit veränderte sich auch, was Menschen besitzen und verteidigen konnten. Überschüsse konnten angehäuft werden, Siedlungen wuchsen und Besitz sowie Ressourcen ließen sich ungleicher verteilen. Gleichzeitig erhoben Gruppen dauerhaft Ansprüche auf bestimmte Gebiete.

Expert*innen wie der Archäologe Harald Meller gehen davon aus, dass genau dieser Lebenswandel der Auslöser für größere organisierte Konflikte war. Bei mobilen Jägern und Sammlern hat es keine nachweisbaren Kriege gegeben, sehr wohl aber Gewalt. 

In einem Gespräch mit dem mdr sagt Meller: „Der erste nachweisliche Mord geschah vor 400.000 Jahren.“ Meller berichtet von einem Mann, dem mit einem Faustkeil und zwei kräftigen Hieben der Schädel eingeschlagen wurde.

„Einmal, das kann auch bei einem Jagdunfall passieren, einmal kann man mit dem Kopf an die Höhlenwand schlagen – aber nicht zweimal“, sagt Meller. 

Gewalttaten wie diese betrachten Expert*innen als Folge individueller Wut. Anzeichen für kollektive, geplante und durchgeführte Gewalt fanden Forschende noch nicht. 

Grund dafür sind die deutlich kleineren Gruppen, in denen unsere Vorfahren vor der Sesshaftigkeit lebten. Jäger und Sammler bevorzugten es, bei drohenden Konflikten ihren Rivalen aus dem Weg zu gehen. Dieses Verhalten war die einfachste und sicherste Lösung. 

 „Anders sah es bei den Ackerbauern aus“, sagt Meller. Der Wandel, dass das Land, welches vorher niemandem gehörte, plötzlich von einer Gruppe beansprucht wurde, sorgte für Spannungen. 

Der bekannte Umgang, Konflikten einfach aus dem Weg zu gehen, war hinfällig. 

Als der Mensch seine Lebensgemeinschaften vergrößerte und sein Nomaden-Leben aufgab, verschwand diese Kompromissbereitschaft und es kam zu ersten größeren, geplanten Auseinandersetzungen. 

Genau diese Zusammenhänge – zwischen Sesshaftigkeit, Besitz, sozialer Ungleichheit, Herrschaft und organisierter Gewalt – stehen auch im Zentrum des Buches „Die Evolution der Gewalt“ von Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik. Die Autoren gehen dabei noch einen Schritt weiter und fragen, ob Krieg überhaupt zur menschlichen Natur gehört oder vielmehr ein Produkt bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen ist.

Gehört Krieg zur Natur des Menschen?

Die nachfolgende Bronzezeit hob das Gewaltpotenzial des Menschen auf ein ganz neues Level. Wie der Name dieser Epoche verrät, ist die zentrale Entdeckung der Menschen die Verarbeitung von Metallen wie Kupfer und Zinn zu etwa Bronze. 

Bronze war sehr nützlich für die Herstellung von Werkzeugen und Schmuck. Aber vor allem Waffen konnten mit Bronze effektiver und in höherer Stückzahl produziert werden. Ausgerüstet mit Schwertern wurden Krieger gefährlicher und die Kämpfe in dieser Epoche somit immer  intensiver. 

Ein Beispiel dafür: die erste nachgewiesene Schlacht in Europa im Jahr 1250 v. Chr. Bei der Schlacht vom Tollensetal bekämpften sich bis zu 4.000 Menschen. Zur Einordnung: In dieser Zeit lebten in der Region nur etwa drei bis fünf Menschen auf einem Quadratkilometer. 

Archäolog*innen des Landesamts für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und der Universität Greifswald fanden auf einer Länge von drei Kilometern rund 13.000 Fragmente im Boden und im Fluss. 

Das meiste davon: zertrümmerte Schädel, von Pfeilspitzen durchbohrte Knochen, Reste von Waffen. Die Forschenden gehen davon aus, dass 750 bis 1.000 Menschen in der Schlacht starben. 

Waren die Sesshaftigkeit und die Erkenntnis der Herstellung von Waffen also nur die finalen Trigger, um unser menschliches Gewaltpotenzial ausleben zu können? Ja und Nein – diese Frage beschäftigt Philosophie, Anthropologie, Archäologie und Evolutionsforschung seit Langem. Es gibt vereinfacht zwei große Lager:

Historische Schwarz-Weiß-Darstellung eines Mannes mit langen, schulterlangen Haaren, markantem Schnurr- und Spitzbart sowie einem breiten weißen Kragen. Er trägt eine dunkle, zeitgenössische Kleidung und sitzt mit verschränkten Armen vor einem schraffierten Hintergrund. Die Darstellung ist als fein ausgearbeiteter Stich ausgeführt.
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Thomas Hobbes

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588 – 1679) sagt: „Die Natur des Menschen ist konstante Gewalt.“ Dieser Kriegszustand wird vor allem durch Egoismus angetrieben. Gesellschaftliche Regeln, Normen und Werte sind laut Hobbes nur aus Angst vor diesem Urzustand entstanden.

Schwarz-weißer Kupferstich eines historisch gekleideten Mannes mit gepudert wirkender Lockenfrisur und hellem Halstuch, der leicht seitlich blickend dargestellt ist. Bild 2 – Beschreibung
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Jean-Jacques Rousseau

Der Franzose Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) sagt: „Im Naturzustand sind alle Menschen gleich, glücklich und zufrieden.“ Das bedeutet, die Menschen leben in dieser Annahme vergleichsweise unabhängig voneinander und sie werden von Selbsterhaltung und Empathie angetrieben. Konflikte werden erst durch Eigentum ausgelöst. Dies sorge für Ungleichheit, Misstrauen und sei letztlich Grund für Krieg.

Bis heute sind sich Anthropolog*innen nicht einig, was näher an der Wahrheit ist. Ihre Modelle sind historische Gegenpositionen, an denen sich eine viel breitere wissenschaftliche Debatte bis heute gut veranschaulichen lässt.

Moderne Forschung untersucht stattdessen eine ganze Reihe von Faktoren: biologische Voraussetzungen für Aggression und Kooperation ebenso wie Ressourcenknappheit, soziale Ungleichheit, politische Macht, Gruppengrößen, kulturelle Normen und Institutionen. Dass Menschen zu Gewalt fähig sind, steht außer Frage. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Krieg unvermeidlich oder ein unveränderlicher Teil der menschlichen Natur sein muss.

Welche gesellschaftlichen Bedingungen machen organisierte Gewalt wahrscheinlicher, und welche können sie begrenzen? Was glaubst du: Welche Rolle spielen menschliche Veranlagung und welche gesellschaftlichen Bedingungen? 

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