Gesellschaft

Para-Tischtennis: Janas Weg zu den Paralympics

Jana beim Training an der Tischtennisplatte
EMH

Vom Probetraining zur WM-Medaille in weniger als drei Jahren: Jana Spegel erzählt von Sport, Angst, Ehrgeiz und ihrem Glauben.

von Tim Schumacher

Mit der linken Hand dreht Jana Spegel am Rad ihres Rollstuhls, mit der rechten hält sie ihren Schläger. Als der Ball bei ihr ankommt, bewegt sie ihren Oberkörper blitzschnell nach vorne und schmettert ihn zurück auf die Platte. Ihre Gegnerin auf der anderen Seite kann den Schlag nicht mehr kontern. 

Hier, an der Tischtennisplatte, ist Jana in ihrem Element. Wäre das hier kein Training, sondern ein offizielles Spiel im Para-Tischtennis, hätte sie den Punkt gewonnen.

Nahaufnahme vom Training
EMH

Jana Spegel macht gerne Sport, das war schon früher so. Als Kind spielt sie Handball im Verein, fährt Fahrrad und klettert. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr bemerkt sie keine körperlichen Einschränkungen. 

Eine Erkrankung verändert Janas Alltag

Dann bekommt sie nach längerem Rennen zunehmend Probleme. Das Laufen und Treppensteigen fällt ihr immer schwerer, sodass sie mit der Zeit häufiger den Aufzug nutzt.

Jana geht zum Arzt, erst einmal, dann immer wieder. Nach mehreren medizinischen Untersuchungen wird bei ihr eine neuromuskuläre Erkrankung festgestellt

„Das Hauptproblem ist, dass ich relativ wenig Kraft habe“, erklärt Jana. „Was eben auch dazu führt, dass ich nicht laufen und meine Arme nur eingeschränkt bewegen kann.“ 

Seit etwa sechs Jahren nutzt die heute 23-Jährige dauerhaft einen Rollstuhl.

Wie Jana mit Angst und Unsicherheit umgeht

Ein Foto zeigt Jana bei ihrer Einschulung: In Sandalen und mit einem Schulranzen auf dem Rücken steht sie da, in den Händen hält sie ihre lila-grüne Schultüte. Ein anderes Bild ist bei ihrer Abiturfeier entstanden und zeigt sie im Rollstuhl.

Ihre körperlichen Möglichkeiten verändern sich über mehrere Jahre hinweg. Als Jugendliche spielt sie noch Rollstuhlbasketball. Später reicht ihre Kraft in den Armen dafür nicht mehr aus.

Jana erzählt, dass sie die Situation lange nicht einschätzen konnte. Zunächst dachte sie, die Einschränkungen könnten wieder verschwinden. Ab einem gewissen Punkt habe sie sich überfordert gefühlt und Angst gehabt. Rückblickend sagt sie:

Was man nicht unterschätzen kann, ist natürlich die emotionale Last, die man dadurch hat.

Warum ihr christlicher Glaube Halt gibt

Jana in ihrem Zuhause - ihr gegenüber ein junger Mann
EMH

„Ich glaube“, sagt Jana, „dass es einfach in manchen Situationen allein schon hilft, wenn man eben weiß: Da ist jemand da, der sich dafür interessiert.“

Sie ergänzt: „Da ist ein Gott, der sich dabei was gedacht hat, auch wenn ich das in dem Moment nicht verstehen kann.“

Jana ist christlich aufgewachsen. Ihr Glaube ist für sie auch während der körperlichen Veränderungen eine wichtige Konstante geblieben. Er helfe ihr dabei, zu wissen, „dass ich so richtig bin, wie ich bin“.

Ihr Leben hat sich anders entwickelt, als sie es sich als Kind vorgestellt hatte. Heute verbindet sie ein anspruchsvolles Studium mit einer Karriere im Leistungssport.

Der Weg in den Leistungssport

Jana sitzt vor einem Fenster und erzählt.
EMH

Ende 2019 nimmt Jana an einem Probetraining im Para-Tischtennis teil und merkt schnell: Es macht ihr Spaß. Zunächst spielt sie in einer Schul-AG, später wechselt sie zum Verein „Tischtennis Frickenhausen“.

Nach weniger als drei Jahren Training gewinnt sie 2022 bei der Weltmeisterschaft in Granada in Spanien die Bronzemedaille. Zwei Jahre später nimmt sie an den Paralympischen Spielen in Paris teil. Damit erfüllt sich für Jana ein Traum. Drei Jahre zuvor hatte sie die Spiele in Tokio nachts im Fernsehen verfolgt.

Paralympics: In welcher Klasse spielt Jana Spegel?

Paralympische Spiele

Die Paralympischen Spiele sind ein internationaler Multisportwettbewerb für Athletinnen und Athleten mit bestimmten anerkannten Behinderungen.

In den einzelnen Sportarten werden die Teilnehmenden nach den funktionellen Auswirkungen ihrer Beeinträchtigung auf den jeweiligen Wettkampf klassifiziert. Dadurch sollen möglichst vergleichbare Wettkampfbedingungen geschaffen werden.

Im Para-Tischtennis reichen die Wettkampfklassen für Athletinnen und Athleten, die im Spiel einen Rollstuhl nutzen, von 1 bis 5. Eine niedrigere Klassenzahl bedeutet, dass die für das Tischtennisspiel relevanten Bewegungsfunktionen stärker beeinträchtigt sind. Jana trat in den bei den Paralympics gemeinsam ausgetragenen Klassen 1 und 2 an.

Nach einem deutlichen 3:0-Sieg im Achtelfinaleverliert Spegel ihr Viertelfinale mit 0:3. Mit einem weiteren Sieg hätte sie eine Bronzemedaille gewonnen.

Mit ihrer Leistung ist sie zufrieden, auch wenn sie sich ein anderes Ergebnis erhofft hatte: „Ich hätte mir natürlich trotzdem eine Medaille gewünscht.“

Wenn man nicht gewinnen will, dann ist man im Sport falsch. Und ich will gewinnen, ich kann nicht gut verlieren.

Bei den Paralympischen Spielen 2028 in Los Angeles möchte Jana eine Medaille gewinnen. Auf die Frage nach ihren Zielen sagt sie: „Das Schönste ist natürlich immer, Gold zu gewinnen, möglichst oft.“

Jana und ihr Trainer in der Halle - er zeigt nach vorne auf die andere Seite der Platte, an der sie stehen.
EMH

Auch bei anderen internationalen und nationalen Wettbewerben hat sie bereits mehrere Medaillen gewonnen. Eine Auswahl:

  • 6x Gold bei Deutschen Meisterschaften 2026 im Einzel, Doppel und Mixed
  • 2x Bronze bei der Europameisterschaft 2025 im Einzel und Doppel
  • 1x Silber bei der Europameisterschaft 2023 im Einzel
  • 1x Bronze bei der Weltmeisterschaft 2022 im Einzel

Sport gehört weiterhin fest zu Janas Leben. Heute trainiert sie als Para-Tischtennisspielerin fünf- bis sechsmal pro Woche. Mit schnellen und gezielten Schlägen setzt sie ihre Gegnerinnen und Gegner am Tisch unter Druck.

Wie Jana Studium und Leistungssport verbindet

Auch außerhalb der Sporthalle verfolgt Spegel ihre Ziele. Wegen zahlreicher Arzttermine und wiederkehrender Erkrankungen hat sie in der neunten oder zehnten Klasse zeitweise mehr als die Hälfte des Unterrichts verpasst. Dennoch legt sie ihr Abitur mit der Note 1,0 ab.

Inzwischen studiert sie Medizintechnik an den Universitäten Tübingen und Stuttgart. Ihren Alltag gestaltet sie mit Unterstützung einer 24-Stunden-Assistenz. Ein für sie umgebautes Auto ermöglicht es ihr, selbst zu fahren.

Wie blickst du auf Janas Geschichte? Schreib uns auf Social Media:

Instagram

Facebook

Was Jana Spegel trotz fortschreitender Erkrankung antreibt

Da ihre Erkrankung weiter fortschreitet, beschäftigt Spegel auch die Frage, wie lange sie Tischtennis auf Leistungssportniveau spielen kann. Manchmal habe sie Angst davor, den Sport irgendwann nicht mehr ausüben zu können.

Mit dieser Unsicherheit geht sie bewusst um. Halt geben ihr dabei ihr persönliches Umfeld und ihr christlicher Glaube. Spegel sagt: „Es werden auf jeden Fall Situationen kommen und da werde ich auch irgendwie meinen Umgang damit finden.“