Pro & Contra

Gendersternchen und Co.: Brauchen wir eine andere Sprache?

Pro & Contra Sprache
privat

Als kürzlich ein Gesetzestext nur in weiblicher Form formuliert wurde, hielt Innenminister Horst Seehofer das für „höchstwahrscheinlich verfassungswidrig“. Frauen müssen damit leben, dass sie meist „mitgemeint“ werden. In unserem Pro & Contra tauschen Antje Schrupp und Ewa Trutkowski Argumente bezüglich einer geschlechtergerechten Sprache aus.

Gesprochen entsteht eine kleine Kunstpause, wenn Fernsehmoderator*innen das Gendersternen verwenden. Eine kleine Lücke, die erst einmal ungewohnt klingt und das Hören ins Stocken bringt. Ist dir eine konsequente Gendersprache auch schon begegnet? Unsere Redakteur*innen können das hier auf indeon.de ganz indivuell entscheiden. Aber wie ist das: Sind das einfach nur die Zeichen der Zeit, oder stehen wir vor einem Gendergaga? Die Journalistin Antje Schrupp ist ganz klar pro genderneutrale Sprache, die Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski hält dagegen. 

Antje Schrupp
Laurent Burst
Antje Schrupp ist Journalistin in Frankfurt am Main

PRO: Das Männliche ist die Norm, das Weibliche die Abweichung oder?

Kennen Sie die zehn Gebote? Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen, falsch Zeugnis reden, heißt es da. Ganz geschlechtsneutral, gerichtet an alle Menschen. Bis dann plötzlich kommt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.

Wie bitte? Sind die zehn Gebote etwa für Lesben geschrieben?

Natürlich nicht.

Das männliche ist die Norm

Frauen müssen sich selbst zurechtdenken, ob sie gemeint sind oder nicht. So ist das nun mal: Das Männliche ist die Norm, das Weibliche die Abweichung. Ob Frauen beim „allgemeinen Wahlrecht“ mitgemeint sind, hängt davon ab, ob es um vor oder nach 1919 geht, ob unter Jesu Jüngern auch Jüngerinnen waren, hängt davon ab, wen man fragt.

Das generische Maskulinum – also die Regel, dass ein grammatikalisch männlicher Begriff Frauen „mitmeint“ – ist nur ein konsequentes Abbild dieser Kultur. Im Rahmen einer männerzentrierten Gesellschaft ist es logisch, dass eine Gruppe von neunundneunzig Sängerinnen und einem Sänger sprachlich korrekt zu einer Gruppe von „Sängern“ wird.

Frauen werden mitgemeint

Allerdings: Diese Kultur ist seit geraumer Zeit dabei, sich zu verändern. Frauen haben die patriarchale Ordnung kritisiert, sich Positionen in der Politik, in der Wissenschaft, im Journalismus erkämpft, und dort erfolgreich ihre Gleichberechtigung durchgesetzt. Deshalb ist es kein Wunder, wenn es jetzt auch dem generischen Maskulinum an den Kragen geht. Es passt schlicht nicht mehr zu einer Gesellschaft, in der auch Frauen freie, emanzipierte Subjekte sind.

Sprache ist von ihrem Wesen her dynamisch, sie bleibt niemals, wie sie ist, sondern verändert sich kontinuierlich zusammen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Ansonsten wäre sie irgendwann unbrauchbar.

Alternativen zum generischen Maskulinum sind schon längst erprobt: die gemeinsame Nennung weiblicher und männlicher Formen, das große Binnen-I, der Gender*stern oder der Gender_Unterstrich.

Es gibt eine weitere Option

Und für diejenigen, die darüber klagen, wie lang und kompliziert dadurch Sätze würden oder wie unleserlich die Wörter, gibt es nun eine weitere Option: das generische Femininum. Also den Vorschlag, dass nicht mehr die männliche, sondern die weibliche grammatikalische Form alle Geschlechter bezeichnen soll.

Mal entspannt zurücklehnen

Wir würden also pauschal von Politikerinnen im Parlament, Fußballerinnen in der Bundesliga oder den Jüngerinnen rund um Jesus sprechen – Männer sind mitgemeint. Mir gefällt das. Als Frau könnte ich mich mal zurücklehnen, weil ich immer ausdrücklich gemeint bin. Und für Männer wäre es eine Gelegenheit, auch einmal aktiv darüber nachzudenken, wann genau es um sie geht – und wann vielleicht auch mal nicht.

 

Ewa Trutkowski
privat
Ewa Trutkowski ist Sprachwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Bozen.

CON: Genderstern ist unnötig

Ich benutze keinen Genderstern („Lehrer*innen“) oder Unterstrich/Gap („Lehrer_innen“), um darauf aufmerksam zu machen, dass ich alle Geschlechteridentitäten meine. Der Grund hierfür ist, dass die deutsche Sprache zu diesem Zweck das geschlechtsabstrahierende generische Maskulinum bereithält. Damit können Menschen unabhängig von ihrem biologischen oder sozialen Geschlecht bezeichnet und angesprochen werden.

Assoziationen sind nicht aussagekräftig

Leider wird von vielen linguistischen Laien angenommen, das generische Maskulinum würde nur männliche Personen abbilden. In diesem Zusammenhang werden oft sogenannte Assoziationsstudien angeführt, die zeigen (sollen), dass bei generischen Maskulina wie zum Beispiel „Lehrer“ überwiegend an männliche Personen gedacht wird. Dies ist nicht unbedingt falsch – allerdings hat dieser psychologische Bedeutungsbegriff, dieses „An-etwas-Denken“, nichts mit der wörtlichen Bedeutung eines Ausdrucks zu tun. Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Urlaub“: Während ich dabei an die Südsee denke, denkt meine Nachbarin vielleicht an die Alpen – doch weder Alpen noch Südsee haben etwas mit der Bedeutung des Wortes „Urlaub“ zu tun, denn Urlaub meint eine arbeitsfreie Zeit, die der Erholung dienen soll. Daran sehen wir, dass Assoziationen nicht nur subjektiv, sondern für die Bedeutung eines Wortes auch irrelevant sind – und demzufolge kaum eine objektive und somit verlässliche Grundlage für die Kommunikation innerhalb einer Sprachgemeinschaft darstellen können.

maskulin ≠ männlich

Es ist eine Eigenheit der Grammatik des Deutschen – die sich historisch entwickelt hat und nicht (wie Gendersprache) auf dem Reißbrett entworfen wurde –, dass das Maskulinum eine generische Bedeutung hat. Und natürlich gibt es Abstufungen – je nach Kontext rückt mal die generische, mal die spezifisch männliche Interpretation in den Vordergrund, siehe: „Gestern traf ich zwei ehemalige Lehrer mit ihren Ehefrauen“, „Lehrer verdienen ganz gutes Geld“, „Hans und Maria sind Lehrer“ oder „Alle neu eingestellten Lehrer sind Frauen“.

Gendern – inklusiv oder exklusiv?

Das bedeutet nicht, dass Mädchen, Frauen und Queers unerwähnt bleiben sollen, sondern dass das generische Maskulinum in Fällen zum Zuge kommt, in denen das Geschlecht schlichtweg irrelevant ist. Genauso wie unsere Religion, Herkunft oder Nationalität im besten Fall irrelevant ist, wenn unsere Maxime Akzeptanz von Diversität lautet. Aber Genderstern und Gap sind nicht nur unnötig und widersinnig, sie sind auch Markierungsstrategien („stances“) einer akademischen Elite, mehr exklusiv als inklusiv – denn nicht jede*r versteht eine*n Mitarbeiter*in, die*der ihre*seine Kolleg*innen so anspricht.

Getty Images / Filmfoto

Was denkst du? Haben wir es mit einem elitären Phänomen unserer Zeit zu tun? Oder ist die „Gendergap“ einfach nur eine konsequente Entwicklung in einer beweglichen Sprache?

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