Es ist das Jahr 2015. Deutschland diskutiert über Flucht, Migration und die Frage, wie viele Menschen das Land aufnehmen kann. Während einer Bundespressekonferenz prägt Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Satz, der in Erinnerung bleibt:
Wir schaffen das.
Salomo Abbasi war 2015 einer der Flüchtlinge, die über die Balkan- und Mittelmeerroute nach Europa kamen. Seine Flucht führte ihn von Afghanistan über den Iran, die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Heute lebt er seit elf Jahren hier, studiert Theologie und sagt: „Ich habe in Deutschland mein Zuhause gefunden.“
Die Fluchtgeschichte von Salomo beginnt deutlich früher: „Geboren bin ich in Afghanistan. Als ich neun Monate alt war, sind meine Eltern in den Iran geflohen“, erzählt er in flüssigem Deutsch. Grund dafür war die Machtübernahme der Taliban.
Im Iran findet die Familie aber nicht die ersehnte Sicherheit und Zugehörigkeit. Afghanische Geflüchtete erleben dort häufig Ausgrenzung. Bildung und Arbeit sind schwer zugänglich, viele Chancen bleiben verwehrt.
„Ich habe mich lange nach einer Heimat gesehnt“, erzählt Salomo. Sein Geburtsland hat er nie kennengelernt. Im Iran ist und bleibt er ein Ausländer.
Im Sommer 2015 scheint eine ersehnte Heimat plötzlich greifbar. Salomo hat gerade die zwölfte Klasse abgeschlossen, als er von der Möglichkeit hört, nach Europa zu fliehen.
In dieser Situation tritt auch sein Cousin Ali an ihn heran, etwas älter, entschlossener, mit einem konkreten Plan. Er will mit Hilfe eines Schleppers nach Europa fliehen und fragt, ob Salomo sich anschließen möchte.
Um die Flucht zu finanzieren, nimmt sein Vater einen Kredit auf das Familienhaus auf.
„Ich hoffe, dass du es nach Europa schaffst. Mehr kann ich nicht geben“, erinnert sich Salomo an die Worte seines Vaters.
Das Geld trägt Salomo aus Angst vor Diebstahl direkt am Körper, in seine Kleidung eingenäht.
Trotz aller Strapazen erreichen Salomo und sein Cousin Istanbul. Doch die Weiterreise scheitert: Der Schlepper wird von der Polizei gestoppt.
Salomo und Ali landen im Gefängnis, später in einem Flüchtlingslager. Die Bedingungen beschreibt Salomo als entwürdigend. Wer sich weigert, die eigene Abschiebung zu unterschreiben, wird bestraft.
„Viele von uns wurden heftig verprügelt“, erinnert er sich. „Und manchmal wurden 14 oder 15 Männer in eine Arrestzelle gesperrt.“ Die Zelle ist kaum größer als eine kleine Einzimmerwohnung – mit Toilette im selben Raum.
Zwei Monate bleibt Salomo in Haft. Dann wird er freigelassen – und muss zum ersten Mal allein weiter.
Mit einem neuen Schlepper erreicht er die Küste. 50 Menschen drängen sich in ein Schlauchboot.
„In der Mitte saßen die Frauen und Kinder, am Rand wir Männer.“
Das Boot ist überladen, der Motor klein und unzuverlässig. Drei Stunden dauert die Überfahrt. Die griechische Küste ist bereits in Sicht, als das Boot plötzlich platzt. Panik bricht aus. Viele können nicht schwimmen.
„Wir haben die Frauen und Kinder auf unsere Rücken genommen“, erzählt Salomo. „Und dann sind wir um unser Leben geschwommen.“ Sie retten sich an die Küste.
In Griechenland endet die gefährlichste Etappe der Flucht. Von nun an geht vieles schneller. Eigentlich will Salomo nach Schweden, landet aber in Bielefeld. Zunächst kommt er bei einem Verwandten unter.
Bei seiner Registrierung macht er sich drei Jahre jünger, um bessere Chancen im Asylverfahren zu haben. „Damals haben das viele gemacht“, sagt er.
Salomo kommt in eine Pflegefamilie, besucht einen Deutschkurs und findet langsam in den Alltag.
Doch sein Aufenthaltsstatus bleibt jahrelang ungeklärt. Im Falle einer Abschiebung würde er nach Afghanistan geschickt werden – ein Land, dessen Sprache er nicht einmal spricht.
Die Belastung wächst.
„An einem Abend saß ich auf dem Turm der Sparrenburg in Bielefeld und habe darüber nachgedacht zu springen.“ Dass er es nicht getan hat, deutet Salomo als mögliches Wirken Gottes.