Keine Trennung von Geschwistern

Geschwisterhaus nimmt Kinder aus Problem-Familien zusammen auf

Kinder malen im Geschwisterhaus
epd-Bild/Thomas Lohnes

Wenn das Jugendamt Kinder aus Familien holt, werden Geschwister oft getrennt. Das ist nicht gut für die Kinder. Zwei Häuser zeigen, dass das auch anders geht.

Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung: Wenn Kinder in einer akuten Notsituation vom Jugendamt aus ihrer Familie geholt werden, dann haben sie oft Furchtbares hinter sich. 

Es bricht einem das Herz.

Peter Büttner

Sehr häufig werden sie dabei aber nicht nur von ihren Eltern getrennt, sondern auch von ihren Geschwistern.

Kinder- und Jugendheim soll mehr als ein Heim sein

Wie Kinder mitten in der Nacht regelrecht auseinandergerissen wurden, hat Peter Büttner schon viel zu oft miterlebt. Er ist Psychotherapeut und Geschäftsführer des Kinder- und Jugendhilfeprojekts „Petra“.

Schutz vor Kindeswohlgefährdung

  • 2020 wurden 60.600 Kinder in Deutschland in Obhut genommen.
  • Ein Drittel der Kinder ist jünger als fünf Jahre.
  • Während Corona sind besonders psychische Misshandlungen stark gestiegen.

„Ihr seid eine Familie, ihr bleibt zusammen.“

Deshalb hat das Projekt „Petra“ in Darmstadt das erste Geschwisterhaus in Deutschland eröffnet. Ein bundesweites Pilotprojekt, das wissenschaftlich begleitet wird. Im Juni folgte auch das SOS-Kinderdorf in Bremen mit einem Geschwisterhaus.

Die Jugendhilfe betrachte Kinder leider viel zu häufig als Einzelfälle, sagt unter anderem der Leiter des Bremer Geschwisterhauses, Lars Becker. „Wir machen von Anfang an klar: Ihr seid eine Familie, ihr bleibt zusammen.“ Denn Famile sorgt für Halt, sagt er.

Kind liest mit Teddy
epd-Bild/Thomas Lohnes
Bett im Geschwisterhaus

Die Einsamkeit der Kinder kommt in der Nacht

Warum das so wichtig ist? Dafür musst du dir nur mal die erste Nacht nach der Inobhunahme vorstellen: Die kleinen Kinder müssen zum ersten Mal in ihrem Leben woanders übernachten und das in einer Krisensituation

Was bietet ihnen Sicherheit?

Alles, was vertraut ist. Der Bruder, die Schwester. Sie vermittelten das Gefühl, nicht alleine zu sein, die Situation gemeinsam durchzustehen.

Becker ist überzeugt: „Geschwister sind eine wichtige Ressource, gerade in so einer schwierigen Zeit.“ Tagsüber flitzt ein Vierjähriger mit anderen Kindern durchs Haus, veranstaltet mit ihnen Wettrennen mit den Bobbycars. Doch wenn er abends ins Bett geht, hat er seinen großen Bruder an seiner Seite, der die Einschlafrituale der Familie kennt. Das bietet Sicherheit. Die könne man gar nicht überschätzen.

Zwei Kinder im Geschwisterhaus in Darmstadt mit Teddys
epd-bild/Thomas Lohnes
Im Geschwisterhaus in Darmstadt

Jedes einzelne Schicksal ist extrem schwierig und belastend“, sagt Büttner. Eigentlich sage einem schon der gesunde Menschenverstand, dass Brüder oder Schwestern für die Krisenbewältigung ganz entscheidend sein könnten. 

Zufall, ob Geschwister zusammen bleiben

Doch die Praxis in Deutschland sieht oft anders aus. der Leiter des Darmstädter Geschwisterhauses Angelo Barba sagt, dass es bisher vor allem vom Zufall abhängt, ob Geschwister gemeinsam untergebracht werden. Eine zentrale Rolle spiele dabei das Alter der Kinder sowie die Kapazitäten in den Einrichtungen: Kleinkinder bis sechs Jahre kommen in der Regel vorübergehend in einer Bereitschaftspflegefamilie unter, ältere Geschwister in einer Einrichtung.

Ein Kinderzimmer im Geschwisterhaus in Darmstadt
epd-bild/Thomas Lohnes
Ein Kinderzimmer im Geschwisterhaus in Darmstadt

Das Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz begrüßt ausdrücklich den Aufbau von Geschwisterhäusern. Eine wissenschaftliche Untersuchung habe gezeigt, dass bei einer Herausnahme von Kindern aus der Familie auf die Geschwisterbindungen oft nicht hinreichend Rücksicht genommen werde. Und das, obwohl es der ausdrückliche Wunsch der jungen Menschen sei, sagt die stellvertretende Institutsdirektorin Monika Feist-Ortmanns. Sie erklärt, der Grund seien bisher fehlende Strukturen für eine gemeinsame Unterbringung

Das bieten Geschwisterhäuser

  • Die Geschwisterhäuser in Darmstadt und Bremen bieten je zehn Plätze.
  • Es gibt Schaukeln, Ruheräme mit Kuscheltieren und ein Plantschbecken.
  • Die Kinder sollen sich während ihrem Aufenthalt wohl fühlen und zur Ruhe kommen.
  • Das Geschwisterhaus ist eine Art Notfallambulanz für die Kinder, sie bleiben nicht länger als zwei Monate.

Die Suche nach einem Ort, an dem Bindungen möglich sind

Die Kinder sollten so schnell wie möglich an einen Ort kommen, an dem sie dauerhafte Bindungen und Sicherheit aufbauen können. Darauf wird auch im Geschwisterhaus in Bremen großer Wert gelegt.

Allerdings kann es Ausnahmen vom Prinzip geben, die Geschwister gemeinsam unterzubringen. Peter Büttner erklärt: „In Einzelfällen könnte das kontraproduktiv sein. Wenn die Schwester zum Beispiel für ihre kleinen Geschwister immer die Mutterrolle übernehmen musste und damit völlig überfordert war.“ Deshalb ist eine gute Diagnostik wichtig. Zum Haus gehört ein Expertenteam, das gemeinsam die Krisensituation analysiert und Perspektiven für die Geschwisterkinder entwickelt.

Psychotherapeut Büttner schätzt, dass Deutschland ungefähr 20 Häuser für eine flächendeckende Versorgung bräuchte. Die Häuser in Darmstadt und Bremen sind ein erster Schritt. Sein Ziel: „Wir wollen aufklären und beweisen, dass es den Kindern so besser geht.“

Zusammenhalt im Geschwisterhaus in Darmstadt
epd-bild/Thomas Lohnes

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