Gesellschaft

Eine Kirche als Zuhause

Collage: Im Hintergrund das Atelier von Forster mit seinen Bildern aka der Altarraum, im Vordergrund steht er und zeigt in den Raum hinein
EMH/Jan Hanicz

Der Künstler Benedikt Forster wohnt in einem Gotteshaus. Der Altar ist jetzt ein Gartentisch und die Sakristei die Küche.

Historische Deckenmalereien im Atelier, ein Schlafzimmer voller Ikonen und christlichen Figuren, eine Treppe aus Kirchenbänken: So lebt Benedikt Forster im Landkreis Karlsruhe. Mitten in einer Kirche. Und der Künstler ist überzeugt, diese Kirche hat er gerettet

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Im 18. Jahrhundert wurde die Barockkirche „Zum Heiligen Kreuz“ erbaut. Schon von Weitem fällt ihr hellgrüner Kirchturm auf. Sie steht mitten in Bretten-Büchig, einem kleinen Ort mit etwas weniger als 30.000 Einwohnern. 

Weiße Mariaskulptur steht betend im Garten
EMH/Jan Hanicz

Im Garten stehen zahlreiche Skulpturen: manche zeigen die heilige Maria, andere erinnern an bunte Fabelwesen. Wer genauer hinsieht, entdeckt einen moosbewachsenen Altar zwischen den Pflanzen. Für diesen ungewöhnlichen Anblick ist Benedikt Forster verantwortlich.

Wenn die eigene Wohnung besichtigt wird

Forster arbeitet als Künstler und gelegentlich auch als Restaurator. Nach seinem Kunststudium suchte er einen Ort, an dem er wohnen und arbeiten konnte. In einem Katalog des Denkmalamts stieß er schließlich auf die leerstehende Kirche.

Die Kirche war der Gemeinde damals schlicht zu klein geworden, erzählt Benedikt Forster. Die neue Kirche steht heute nur rund 100 Meter entfernt. Hin und wieder verirrt sich ein neugieriger Besucher in das Heim des Künstlers.

„Wenn ich die Tür nicht abschließe, stehen plötzlich fremde Menschen in meinem Atelier und bestaunen die Deckenmalerei“, erzählt er lachend.

50.000 Euro für Kirche und Grundstück

Ein paar Schritte durch den dunklen Eingangsbereich und schon steht man im ehemaligen Kirchensaal, der heute als Atelier dient. Die Luft riecht nach altem Gemäuer, Acrylfarbe und Staub. Fast wirkt es, als könnten jeden Moment die Glocken läuten und ein Gottesdienst beginnen.

Doch an diesem Ort wurde schon seit langer Zeit kein Abendmahl mehr ausgeteilt und kein Vaterunser mehr gebetet. Vierzig Jahre ist es her, dass Benedikt Forster, gemeinsam mit seinem Bruder, der als Architekt arbeitet, in die leerstehende Kirche eingezogen ist.

Drohnenaufnahme: Die ehemalige Kirche mitten im Ort
EMH/Jan Hanicz
In Büchig gibt es zwei Gotteshäuser, aber nur noch eines ist eine Kirche

„50.000 Euro haben wir damals für Grundstück und Gebäude bezahlt“, erinnert sich der 72-Jährige. „Ein echtes Schnäppchen“, ergänzt er grinsend und nimmt auf einem bunten Sofa Platz, das mitten im Saal steht. Hinter ihm stapeln sich unzählige Gemälde, manche mehrere Meter hoch.

Kirche sollte respektvoll behandelt werden

Künstler Benedikt Forster auf seiner Couch
EMH/Jan Hanicz

Für die Kosten der Erneuerung der Kirche mussten Forster und sein Bruder nicht aufkommen. „Das Denkmalamt verfügte 1980 noch über genügend Geld und hat die Instandhaltung solcher Objekte unterstützt.Restauriert hat der Künstler das 500 Quadratmeter große Gebäude jedoch selbst. „Unser Anspruch war schon, diese Kirche zu respektieren“, betont er.

Ich lebe hier in einem fantastischen Bau und es wäre sträflich, wenn wir diesen ruiniert hätten

Einige Umbauten waren trotzdem nötig: Die Empore, auf der früher Orgel gespielt wurde, dient heute als Platz zum Farbenmischen, eine große Lehmwand teilt das Kirchenschiff in zwei Bereiche, die Sakristei wurde zur Küche und unter dem Dach entstanden Schlafräume

Besonders aufwendig war allerdings der Bau einer zehn Meter hohen Wendeltreppe.

Eine Treppe aus alten Kirchenbänken

Forster lehnt mit dem Rücken an der Küchenwand und erzählt lächelnd von den Umbauten. In seiner Hand hält er eine selbst gedrehte Zigarette. Dünne Rauchschwaden ziehen nach oben und füllen den Raum mit dem Geruch von verbranntem Tabak. „Die Treppe war schon die heftigste Aufgabe. Wir mussten eben eine Lösung finden, wie wir bestmöglich in unsere Schlafräume kommen.“ 

Für die Treppenstufen nutzten die beiden Brüder damals die Rücklehnen der alten Kirchenbänke. Denn bis auf die Orgel wurde ihnen beim Kauf der Kirche das komplette Inventar überlassen. Dass die pompöse Treppe standhält, mussten Forster und sein Bruder dem Bauamt jedoch erst beweisen. 

Sie legten auf jede Stufe Betonplatten, die dem Gewicht von fünf Personen entsprachen. „Der zuständige Herr war fest davon überzeugt, dass die ganze Treppe wie ein Kartenhaus zusammenfällt und hat sich deshalb am anderen Ende des Raumes dicht an die Wand gestellt“, erinnert sich der Künstler und bläst entspannt den Zigarettenrauch aus. Doch die Treppe hält – wie von Forster erwartet. 

Was Wohnen in alten Kirchen wirklich bedeutet

Benedikt Forster steht vor einigen seiner Gemälde.
EMH/Jan Hanicz

So besonders das Leben in einer Kirche ist — einfach ist es nicht. Nur wenige Räume lassen sich beheizen. Einer davon ist die Küche. „Im Winter verbringe ich fast meine gesamte Zeit hier“, sagt Forster. „Das ist der einzige Raum, in dem ich ohne dicke Jacke arbeiten kann.“

Wie kalt es im Gebäude werden kann, zeigte sich vor einigen Jahren besonders deutlich: Ein Gemälde, das Forster über Nacht im Atelier liegen ließ, fror am Boden fest. Auf der Farbschicht bildeten sich sogar kleine Eiskristalle.

Nicht religiös und trotzdem in einer Kirche wohnen?

Religiös sei er nicht, sagt Benedikt Forster. Trotzdem empfindet er es nicht als Widerspruch, in einer Kirche zu leben.

Nach seinem Einzug führte er sogar den Pfarrer des Dorfes durch das Gebäude. Als dieser eines der Schlafzimmer sah — gefüllt mit Ikonen, Figuren und Masken aus aller Welt — besprengte er den Raum großzügig mit Weihwasser. Forster kann darüber heute nur lachen.

Wichtig ist doch, dass solche Gebäude nicht leer stehen und verfallen“, sagt er. „Warum sollte man sie nicht als Wohnraum nutzen?“

Ein Ort, der verändert

Kannst du dir vorstellen, in einer umgebauten Kirche zu wohnen? Oder welches Gebäude würdest du gerne umwidmen? Schreibe uns deine Gedanken dazu per Social-Media in:

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Früher lebten zeitweise sieben Menschen in der Kirche. Heute wohnt Forster dort allein. Sein Bruder zog vor einigen Jahren aus, seine Frau lebt inzwischen in einer Wohnung im Nachbardorf und übernachtet nur noch selten hier.

An manchen Stellen sieht man dem Gebäude an, dass es nur noch von einer Person bewohnt wird: In einigen Zimmern liegt Staub auf den Bettdecken.

Trotzdem hat Forster dem alten Gotteshaus neues Leben eingehaucht.