von Vivian Mayr
Lisa ist erst seit wenigen Wochen in Mainz, als sie zum ersten Mal einen Gottesdienst der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) besucht. Nach dem Gottesdienst setzt sie sich zu anderen Studierenden. Viele von ihnen sind ebenfalls neu in der Stadt. „Da habe ich mit ein paar Leuten connected, die auch neu waren“, erzählt die 20-Jährige.
Gemeinsam entsteht die Idee, sich regelmäßig zu treffen. Heute kommt die Gruppe alle zwei bis drei Wochen zusammen. Sie kochen, singen und sprechen über alles, was sie gerade beschäftigt.
Lisas Geschichte ist kein Einzelfall. Viele junge Menschen ziehen jedes Jahr fürs Studium oder eine Ausbildung in eine neue Stadt. Der Umzug bedeutet Freiheit, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Familien und Freundeskreise bleiben häufig zurück und neue Kontakte entstehen nicht einfach von allein.
Doch warum können solche Angebote überhaupt dabei helfen, neue Kontakte zu knüpfen?
Genau hier setzen Studierendengemeinden wie die ESG in Mainz an. Gemeinsam mit der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) bietet sie ein offenes Programm für Studierende. Dazu gehören gemeinsames Essen, Gesprächsabende, Gottesdienste oder Freizeitaktivitäten. So lernen sich Studierende kennen und kommen leichter miteinander ins Gespräch.
Viele verbinden Hochschulgemeinden zuerst mit Gottesdiensten oder anderen kirchlichen Angeboten. Für Söderblom ist das jedoch nur ein Teil dessen, was die ESG ausmacht. „Niemand muss religiös sein, um bei uns zu den Gesprächsabenden und Formaten zu kommen“, sagt sie.
Die ESG versteht sich als offener Treffpunkt für alle Studierenden. Menschen sollen dort unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung respektvoll miteinander ins Gespräch kommen.
Ähnlich sieht das auch Christine Schardt, Hochschulseelsorgerin der KHG. „Das Wichtigste ist, dass Studierende sich mit Studierenden verbinden“, sagt sie. Es geht darum, Räume zu schaffen in denen Gemeinschaft entstehen kann.
So einfach entsteht Anschluss allerdings nicht immer. Jonas, der sich selbst in der ESG engagiert, erlebt, dass neue Gesichter nicht nur zu Semesterbeginn auftauchen. Manche entdecken die Hochschulgemeinde erst Monate später und schauen spontan bei einem gemeinsamen Essen oder Gesprächsabend vorbei. „Manche bleiben, manche nicht“, sagt er.
Ein Besuch allein führt nicht automatisch zu neuen Freundschaften. Ein Student aus der KHG erzählt, dass er bei einem Gottesdienst nicht direkt jemanden kennengelernt habe. Seine Kontakte entstanden eher im Wohnheim. Söderblom sagt, dass die ESG noch mehr tun könne, um auf sich aufmerksam zu machen.
Viele Studierende treffen sich später privat. Lisa und ihre Gruppe, die sich zu Beginn ihres Studiums gefunden hat, kommen bis heute regelmäßig zusammen. Eine Studentin aus der Freundesgruppe hat das Format „Faith & Fire“ ins Leben gerufen. Dort treffen sich viele aus der Gruppe einmal im Monat bei Lagerfeuer, Musik und Gesprächen über den Glauben.
Auch Dina suchte nach ihrem Umzug nach Mainz neue Kontakte. Die 24-jährige Theologiestudentin kannte die ESG bereits aus ihrer Studienzeit in Tübingen und schaute nach ihrer Ankunft bewusst nach den Angeboten der Hochschulgemeinde. Dort lernte sie neue Menschen kennen. „Wir haben dann so eine Art Mini-Hauskreis gegründet. Inzwischen treffen wir uns eher privat und unternehmen zusammen etwas“, erzählt sie.
Ob aus einem ersten Kennenlernen eine Freundschaft entsteht, lässt sich nicht planen. Drei Mitglieder des ESG-Rats lernten sich während ihres Studiums kennen und pilgerten später gemeinsam ein Stück auf dem portugiesischen Jakobsweg. Für Kerstin Söderblom zeigt ihre Geschichte, wie weit Verbindungen reichen können, die während des Studiums entstehen: „Da kann man ganz deutlich sehen, dass es weit mehr als nur Bekanntschaften sind.“
Für manche Studierende kann eine Hochschulgemeinde zu einem Ort werden, an dem sie nicht nur andere kennenlernen, sondern sich für die Dauer ihres Studiums zu Hause fühlen. Zu einem „Zuhause auf Zeit“.