Ein grauer Umschlag mit Christian Sulzbergers Wahlunterlagen liegt auf dem Tisch. Vorsichtig packt der 40-Jährige seinen Stimmzettel und den Wahlschein aus und streicht mit seiner Hand über die Papierbögen.
Ein besonderer Moment, denn Christian darf wegen seiner geistigen Behinderung erst seit 2019 wählen. Eine Frechheit, wie er findet. „Das viele Menschen mit Behinderung so lange nicht wählen durften, ist diskriminierend. Da verliert der Spruch ‚die Menschenwürde ist unantastbar‘ seinen Wert“, betont er.
Ihm geht es nämlich nicht nur um ein Kreuz auf Papier, sondern um Anerkennung. „Ich habe eine eigene politische Meinung“, sagt er.
Ich möchte mit meinen Anliegen ernst genommen und nicht wie ein Baby behandelt werden.
Bis 2019 waren laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Deutschland 84.550 Menschen vom Wahlrecht ausgeschlossen, darunter 6130 in Baden-Württemberg. Einer von ihnen war Christian.
Dadurch blieb Christian jahrzehntelang politisch unsichtbar. Für seinen Frust hat er jedoch ein Ventil gefunden. „Ich schreibe Rap-Texte über Themen, die mich bewegen“, erzählt er. In den meisten seiner Texte geht es um Inklusion, Barrierefreiheit und die Liebe.
Hilfe bei der Wahl bekommt er von Ferdinand Herrmann. Der 27-Jährige ist Wahlassistent bei der diakonischen Einrichtung bhz in Stuttgart, die sich für die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung einsetzt.
„Was macht die Partei BSW?“, fragt Christian und zeigt auf seinen Stimmzettel. Gemeinsam sitzen sie mit Keksen und einer Tasse Tee in einem Besprechungszimmer und gehen die Wahlunterlagen Schritt für Schritt durch.
„Ohne Information kann ich nicht richtig wählen gehen, deshalb ist es so wichtig, dass wir diesen Menschen zur Seite stehen und aufklären“, meint Wahlassistent Ferdinand. Er findet es gut, dass das Wahlrecht mittlerweile allen Menschen, unabhängig von einer Behinderung zusteht.
Auch wenn Christian mittlerweile wählen darf, fühlt er sich von der Politik häufig übersehen. „Ich wünschte, die Politiker würden mal zu uns Kleinen kommen, damit sie sehen und verstehen, wie unser Alltag in den Einrichtungen und Wohngruppen aussieht“, sagt er.
Der 40-Jährige arbeitet im bhz im Bereich der Hauswirtschaft. Täglich leert er bei seiner Müllrunde die Mülleimer in verschiedenen Büros und verkauft anschließend Snacks im Kiosk der Einrichtung.
Außerhalb dieser inklusiven Räume stößt er häufig auf zu hohe Bordsteine, fehlende Rampen oder zu schmale Aufzüge – die unterschiedlichen Barrieren erinnern ihn täglich daran, dass die Welt nicht für alle gleich gebaut wurde. „Viele meiner Freunde sitzen im Rollstuhl und können sich nur schwer fortbewegen.“