Sarah Vecera schüttelt den Kopf, als sie von einem ihrer letzten Arztbesuche erzählt. Der war so absurd, dass sie es selbst kaum glauben kann. Die 42-Jährige wollte zum obligatorischen Hautkrebsscreening – das steht ihr ab 35 zu.
Aber statt sie zu untersuchen, schaute der Arzt sie nur an und erklärte ein rassistisches Vorurteil: „Sie können keinen Hautkrebs kriegen. Bei Ihrem Hautbild und Ihrer Herkunft ist das sehr unwahrscheinlich.“ Und schickte sie nach Hause.
Sarah kontaktierte danach die Ärztekammer, die Krankenkasse und die Kassenärztliche Vereinigung. Die zweifache Mutter weiß inzwischen, wie man sich wehrt. Aber sie fragt sich: „Was machen diejenigen, die nicht muttersprachlich Deutsch sind? Die nicht verstehen, was vor sich geht und nicht wissen, wo sie sich melden müssen?“
In den USA sterben Schwarze Menschen statistisch früher – weil sich genau solche Kleinigkeiten summieren.
Ein Wort dafür kannte Sarah damals nicht. In den Achtzigerjahren gab es kaum Sprache für das, was ihr passierte. In den Neunzigern lernte sie, Angst vor Glatzen und Bomberjacken zu haben – das waren die explizit Bösen. „Rassisten war nur die Nazis“, erinnert sich Sarah. Dass die netten Menschen um sie herum auch rassistisch sozialisiert sein könnten, war undenkbar.
Das gelte auch für die Kirche - ein Ort, der eigentlich für alle offen sein will.
Als Kind wuchs Sarah in einer bunten, multiethnischen Innenstadt auf. In der Kirche sah sie aber fast ausschließlich weiße Menschen. „Die Menschen, die so aussahen, wie ich, waren die Bedürftigen auf den Spendenplakaten und nicht die, die als Vorbilder vorne standen.“
Heute ist Sarah Vecera eine der bekanntesten evangelischen Stimmen zum Thema Rassismus im deutschsprachigen Raum und Autorin des Buches „Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus“.
Es ist ein jahrhundertealtes Denken, das unsere Gesellschaft und die Kirche prägt. „Dieses Denken können wir nicht einfach abschütteln, aber wir können uns darüber bewusst werden“, sagt Sarah Vecera.
Ihr Wunsch ist es, dass wir weniger übereinander urteilen und aufhören, uns gegenseitig Schuld zuzuweisen. „Anti-Rassismus-Arbeit ist kein Kampf gegen weiße Menschen. Es ist ein Kampf gegen ein Denkmuster, das uns voneinander trennen will. Aber wenn wir uns näherkommen, wenn wir gegenseitig unsere Geschichten anhören und ehrlich zueinander sind – dann überwinden wir letztendlich auch den Rassismus.“
Vielleicht ein weiter Weg. Aber einer, der sich lohnt, findet Sarah.