Glaube

Judy Bailey kontert Rassismus – mit Musik

Judy Bailey steht im Medienhaus und lächelt in die Kamera.
EMH

Wie reagiert man auf Rassismus? Judy Bailey berichtet von eigenen Erfahrungen und erklärt, warum Musik für sie Widerstand ist.

Judy Bailey stammt aus Barbados, lebt seit vielen Jahren in Deutschland und hat mit ihrer Musik Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Im Podcast HOFFNUNGSMENSCH spricht sie über die verbindende Kraft der Musik, ihre Erfahrungen mit Rassismus – und darüber, warum ihr Glaube sie dazu bewegt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Musik als gemeinsame Sprache

Mehr als eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer, ein Auftritt direkt vor dem Papst – der katholische Weltjugendtag 2008 in Sydney gehört für Judy Bailey zu den Höhepunkten ihrer Karriere. In über 30 Ländern hat sie bereits Konzerte gegeben, von den Philippinen bis nach Tansania.

Entscheidend ist für sie dabei aber nicht die Größe der Bühne, sondern das, was in solchen Momenten zwischen Menschen entsteht

Die Musik bringt verschiedene Generationen, Hautfarben und Kulturen zusammen. 

Sie ergänzt: „Und in diesem Moment sind wir eins!“ 

Das Leben ist nicht schwarz-weiß

Judy Bailey und ihre Gitarre. Sie steht in einem Foto-Studio und schaut mit starkem Blick in die Kamera.
Patrick Depuhl

Doch Judy kennt auch die andere Seite

  • Schubladendenken
  • Ausgrenzung
  • alltäglichen Rassismus

Schon in unserer Sprache, meint sie, steckten Wertungen – „Weiß ist rein, Schwarz ist negativ.“ Spätestens seit ihre in Deutschland geborenen Kinder damit Erfahrungen machen, werde ihr klar, wie tief solche Vorstellungen verankert sind.

Ein Beispiel blieb ihr besonders hängen: Während eines Praktikums in einer Apotheke sprachen einige Kunden mit ihrem ältesten Sohn so deutlich und langsam, als könne er kaum Deutsch – trotz glänzendem Abitur. 

Für Judy macht diese Erfahrung deutlich, wie stark Hautfarbe mit vermeintlichen Defiziten verknüpft wird. Schwarze Haut = schlechtes Deutsch.

Ein anderes Mal wurde einer ihrer Söhne im Zug als Einziger nach Fahrkarte und Ausweis gefragt. Erst der Blick in den Wagen zeigt, dass niemand sonst kontrolliert wurde. Für Judy bringt ihr Sohn die Erfahrung auf den Punkt: 

Einfach wegen deiner Hautfarbe bist du verdächtig.

Patrick und Judy sitzen auf Stühlen im Fotostudio. Er hält ein Buch und sie ihre Gitarre. Beide lachen.
Darius Ramazani

Gemeinsam mit ihrem Mann Patrick Depuhl hat sie deshalb das Programm „Das Leben ist nicht schwarz-weiß“ entwickelt – ein Plädoyer gegen Schubladen und für einen vielfältigen Blick auf die Welt. Das Leben, sagt Judy, „ist bunt. Es gibt so viele Facetten.“

Vorfahren waren Sklaven

Judy wurde in London geboren und wuchs auf Barbados auf. Später kehrte sie zum Psychologiestudium nach London zurück. Heute lebt sie mit ihrer Familie am Niederrhein und besitzt den deutschen Pass. Fun Fact: Den Einbürgerungstest bestand sie mit voller Punktzahl. Mit ihrer Mutter, die noch auf Barbados lebt, telefoniert sie täglich.

Ihre familiären Wurzeln reichen zurück in die Zeit des britischen Sklavenhandels. Millionen Menschen wurden damals aus Afrika nach Amerika verschleppt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen auf Plantagen arbeiten mussten. Für Judy zeigt dieses Kapitel der Geschichte, wie lange Weiße Privilegien das Leben vieler Menschen geprägt haben – und bis heute prägen.

Privilegien nicht falsch - entscheidend ist der Umgang damit

Vielen sei nicht bewusst, wie privilegiert sie sind, findet sie und macht deutlich: Privilegien zu haben sei nicht falsch. Entscheidend sei, was man damit tue – ob man schweige oder zuhöre, ob man die Erfahrungen anderer ernst nehme oder ignoriere.

Judy will eingefahrene Denkmuster aufbrechen – auch im christlichen Glauben. Gemeinsam mit der Autorin und Theologin Sarah Vecera und ihrem Mann Patrick hinterfragt sie auf der Bühne gängige Vorstellungen, etwa warum Jesus in westlicher Kunst fast immer weiß dargestellt wird.

Für Judy ist ihr Glaube an Gott auch Auftrag, sich für Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Menschenwürde einzusetzen. „Rassismus will dagegen Ungleichheit zementieren”, macht sie deutlich. Ein Satz im Grundgesetz berührt sie besonders: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Aufgabe von Kirche: Offen sein

Judy steht am Mikrofon im Tonstudio und lächelt den Host an. Steffen Kern ist nicht im Bild. Im Hintergrund ist ein großer Bildschirm, auf dem steht: HOFFNUNGSMENSCH
EMH

Kirche müsse Hoffnung in die Welt tragen und einen Unterschied machen, findet Judy. Sie erzählt von einem Erlebnis in einer brasilianischen Favela, einem Armenviertel: Dort feierte eine Gemeinde in einer unfertigen Kirche ohne Türen und Fenster ihre Gottesdienste – das Geld hatte nicht gereicht. 

Drinnen hörte man den Lärm der Straße und der Menschen, die mit ihren täglichen Herausforderungen kämpften. Draußen hörte man Lieder und Gebete, die Hoffnung machten. Nachts schliefen Obdachlose in der Kirche. Für Judy wurde dieses Erlebnis zum Symbol: Kirche muss offen sein – ohne Mauern, ohne Ausgrenzung, mitten im Leben.

Überzeugung aus dem Glauben heraus

Was sie antreibt, ist eine klare Überzeugung: Gott liebt jeden Menschen – ohne Ausnahme. Für Judy ergibt sich daraus ein Auftrag, der über religiöse Worte hinausgeht. „Wir müssen andere Menschen lieben“, sagt sie. Dieser Satz ist für sie weniger moralische Pflicht, als Lebenshaltung.

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In ihrer Gemeinde am Niederrhein wird diese Haltung greifbar. Dort hat sie über Jahre hinweg Geflüchtete, Chöre, Menschen mit Behinderung, Vereine und ihre eigene Band zusammengebracht. „Vom Bürgermeister bis zum syrischen Geflüchteten.“ Aus der Vielfalt entstanden gemeinsame Songs, gemeinsame Erfahrungen – und eine Gemeinschaft, die weit über Musik hinausreicht

Für Judy bleibt eine Überzeugung zentral: Gott liebt alle Menschen – und daraus folgt für sie, wie wir miteinander umgehen sollten. Liebe, sagt sie, müsse am Ende das letzte Wort haben, „weil sie das Größte ist“.