Gesellschaft

Reden statt scrollen - ins Gespräch kommen

Kleine Gruppen von Menschen sitzen an verschiedenen Tischen. Sie sind ins Gespräch vertieft. Auf den Tischen Getränke, Knabbereien, Blumen und beschriftete Plakate, die das Thema der Diskussion vorgeben, z.B.: Gehört die Brandmauer zur Demokratie. Im Hintergrund ist eine graue Barzeile zu erkennen.
Sabine Allmenröder

Zwischen Kommentarspalten, Empörung und schnellen Meinungen bleibt oft wenig Raum für echte Gespräche. Deswegen gibt es in Bensheim mit der „Diskutier-Bar“ ein Gesprächsformat, das Menschen wieder an einen Tisch bringen soll.

von Dominik Mildner

Wer das Café Klostergarten der Caritas in Bensheim betritt, steht nicht in einem klassischen Veranstaltungsraum. Es ist ein Ort mit einer kleinen Bar, gemütlichen Hockern in einer Sitzecke und mehreren Tischgruppen. Und genau hier spielt in der Diskutier-Bar die Musik.

Wie die Diskutier-Bar aussieht

Die Idee der Diskutier-Bar ist schnell erklärt: Menschen kommen in moderierten Tischrunden zusammen, bringen Themen mit und entscheiden gemeinsam, worüber gesprochen wird. „Wir haben das so geplant, dass pro Tisch ein Thema diskutiert wird“, erklärt Anne Meilicke vom Verein „Fabian Salars Erbe“, einem der Kooperationspartner hinter dem Projekt. Wer möchte, kann auch den Tisch wechseln, etwa „wenn ein Gespräch langweilig wird.“

Ein Versuch gegen Krisen, Konflikte und Kommentare

Hinter dem Format steht eine größere Frage: Wie wollen wir künftig gemeinsam leben und wie gelingt ein Gespräch in einer Zeit, in der viele Diskussionen online stattfinden und schnell polarisieren? Die Diskutier-Bar versteht sich dazu als Gegenentwurf: „Gib Bots und Algorithmen keine Chance – rede mit Menschen!“, heißt es im Konzept.

Vorbild für das Format ist die Kampagne #VerständigungsOrte der EKD, die Dialogmöglichkeiten schaffen will, um sich über gesellschaftliche Krisen und Konflikte auszutauschen. Sie zielt darauf ab, eine breite Bewegung anzustoßen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Laut einer Studie von midi, der Zukunftswerkstatt von Diakonie und evangelischer Kirche, nehmen 80 Prozent der Menschen in Deutschland eine gesellschaftliche Spaltung wahr, gleichzeitig ist nur knapp die Hälfte mit der Demokratie zufrieden. Das Format will keinen direkten Gegenbeweis liefern, aber einen Raum öffnen, in dem wieder gesprochen statt kommentiert wird.

Wie entsteht ein Gespräch ohne festes Thema?

Anders als bei klassischen Podiumsdiskussionen gibt es keinen vorgegebenen Schwerpunkt. Zwar liegen Vorschläge bereit – etwa „Warum hat meine Stadt zu wenig Geld?“ oder Fragen rund um Pflege und Familie, „aber es ist auch möglich, dass Menschen, die gekommen sind, ein ganz anderes Thema mitbringen“, sagt Sabine Allmenröder vom evangelischen Dekanat Bergstraße. 

Die Themen entstehen also im Raum selbst. Nach einer kurzen Vorstellung in großer Runde verteilt sich das Publikum auf die Tische – je nach Interesse.

„Das Gesetz der Füße“

Ein zentraler Gedanke der Diskutier-Bar ist Beweglichkeit. Wer merkt, dass ein Thema nicht passt, darf den Tisch wechseln. „Das ist das Gesetz der Füße“, sagt Allmenröder mit einem Lächeln. „Also man darf mit den Füßen abstimmen.“ 

So entsteht kein festes Gesprächsformat, sondern eine dynamische Gesprächssituation, die sich ständig verändern kann. Damit das aber funktioniert brauch es natürlich auch Regeln.

Die DISKUTIER-BAR

  • Café Klostergarten (Klostergasse 5a, 64625 Bensheim)
  • Eingeladen sind alle Interessierten
  • Teilnahme kostenfrei
  • Platzreservierung per Mail möglich, aber nicht erforderlich
  • Auftakt war am 21. April, mehr Termine sollen folgen

Gesprächsregeln

Damit Gespräche gelingen, setzen die Organisatorinnen auf Moderator*innen an den Tischen und auf einfache Absprachen. „Zum Beispiel offen, respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen“, sagt Allmenröder. 

Es sind eigentlich die klassischen Gesprächsregeln, die vorher auch nochmal klargestellt werden:

  • nicht beleidigen
  • ausreden lassen
  • jede*r soll zu Wort kommen 

Ein kleines Werkzeug soll dabei helfen: ein Gegenstand, der auf jedem Tisch bereitliegt und wie ein „Redestein“ herumgegeben werden kann und die Gesprächsführung sichtbar macht. Und wenn jemand doch mal länger spricht, dann kann man auch „mit ausgestreckter Hand darum bitten, dass man den Stein jetzt mal kriegt”, so Allmenröder.

Die Gesprächsrunden sind auf insgesamt 90 Minuten ausgelegt. Wenn ein Thema eigentlich fertig diskutiert ist, dann ist es Aufgabe der Moderator*innen das anzusprechen, darauf hinzuweisen, dass alles gesagt wurde und ein anderes Thema zu wählen. 

Was soll am Ende bleiben?

Am Ende hoffen die Organisatorinnen auf so etwas wie das Gefühl, eines guten Gesprächs. „Die Teilnehmer sollen zufrieden sein,“ sagt Meilicke. „Sie sollen im Nachhinein sagen können, ich habe jetzt eine Meinung besser verstanden, die ich vielleicht schon mal kannte, aber nicht verstanden habe, wie man diese Meinung vertreten kann.“

Oder ich hatte einfach einen schönen Abend.

Anne Meilicke

Allmenröder ergänzt: „Und ich bin gesehen worden, ich konnte mal meine Sorgen und Gedanken mit jemandem austauschen.“

Im besten Fall, so die Hoffnung, entsteht daraus mehr als ein einmaliger Abend. „Ein ganz toller Erfolg wäre für uns, wenn Menschen sagen, ach, das ist ja cool, da würden wir gerne das nächste Mal wiederkommen.“

Wäre die Diskutier-Bar etwas für dich? Worüber würdest du gerne mal reden? Kennst du ähnliche Formate? Schreib es uns auf Social Media!

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