Gesellschaft

Rollstuhlrugby: Florians Weg an die Spitze

Rollstuhl-Rugby
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15 Minuten vor dem Training wechselt Florian Bongard das Trikot. Vor zehn Jahren konnte er nicht einmal allein aus dem Bett aufstehen.

Das schwarze T-Shirt mit dem Logo des deutschen Olympiateams wirft Florian lässig auf die Tribüne der Sporthalle. Stattdessen zieht er sich das blaue Jersey der Nationalmannschaft über den Kopf und richtet es zurecht. 

Der offene Reißverschluss seiner Sporttasche verrät, was der 32-Jährige neben den Trikots sonst noch so dabei hat: Sportschuhe, Taktiktafel und eine Sprühflasche.

Sport im Rollstuhl: Warum Schwitzen nicht immer geht

„Viele von uns können wegen ihrer Lähmung nicht richtig schwitzen, die Sprühflasche ist zur Abkühlung“, erklärt Florian. Das ist nur einer der Kniffe, die er sich in zehn Jahren Leistungssport abgeguckt hat.

„Der Austausch mit Leuten, die schon viel länger im Rollstuhl sitzen, hat mir am Anfang unfassbar geholfen.“ Ohne die Tipps seiner Teamkollegen hätte er sich am Anfang nicht einmal selbst anziehen können. Denn Florian sitzt nicht schon sein ganzes Leben lang im Rollstuhl. 

„Koblenz Speedos“

Die „Koblenz Speedos“ sind die Rollstuhlrugby-Abteilung der Rollstuhl-Sportgemeinschaft Koblenz (RSG), einem Sportverein nur für Rollstuhlfahrer.

„Ich hatte 2016 einen Autounfall als Beifahrer. Wir sind unter einen Lkw gefahren und seitdem bin ich querschnittsgelähmt.“ 

Bereits nach wenigen Wochen empfehlen ihm Ärzte und Pflegekräfte, mit Rollstuhlsport anzufangen. Sie leiten ihn an die Rollstuhl-Sportgemeinschaft Koblenz weiter. Florian entscheidet sich dort für Rugby. 

Nach dem Unfall: Wie Rugby Flo in die Nationalmannschaft bringt

Was als eine Art Reha-Sport anfängt, wird für Florian zu einem Hobby, das ihm nicht nur Spaß macht, sondern in dem er auch Leistung bringen will. „Ich hatte nach meinem Unfall wieder ein Ziel vor Augen. Als ich gehört habe, dass es eine Nationalmannschaft gibt, wollte ich unbedingt Teil davon sein.“

Rugby schenkt ihm in den ersten Monaten nach dem Unfall nicht nur wieder Antrieb, auch körperlich macht Florian dank des Sports Fortschritte:

  • Er wird deutlich fitter und dadurch selbstständiger.
  • Er lernt, mit Rückschlägen besser umzugehen.
  • Der Sport ist für ihn ein Ausgleich, um Dampf abzulassen.

Heute ist Florian, den alle nur Flo nennen, Kapitän. Nicht nur bei seinem Heimat-Team, sondern auch in der Nationalmannschaft.

Teamgeist, der über das Spielfeld hinausgeht

Als Flo nach dem Umziehen auf seine Teamkollegen trifft, grinst er. Die Männer begrüßen sich, verteilen Handshakes, es werden Witze gerissen. Insider-Jokes, die nur die Mannschaft und ihre Helfer verstehen. 

Viele Teammitglieder bringen Familie und Freunde mit zum Training. Sie helfen beim Aufbau der Sportrollstühle, drehen die Räder fest und pumpen die Reifen auf.

Florian sitzt in einem Sportrollstuhl umringt von seinen Teamkollegen und schaut fokussiert aufs Spielfeld.
Selina Groß
Florian und sein Team, die „Koblenz Speedos“

„Das Team bedeutet für mich Motivation. Einfach immer weiterzumachen und zusammen besser zu werden. Dafür pushen wir uns gegenseitig“, sagt Flo. 

In seiner Mannschaft spielen unterschiedliche Altersklassen zusammen. Einige sind wie er selbst seit Jahren im Verein, andere sammeln erst noch Erfahrungen. Trainingseinheiten wie die heutige nutzen die Speedos vor allem, um alle auf den gleichen Stand zu bringen und an Spielzügen zu feilen.

Rugby im Rollstuhl – zwischen Taktik und Härte

Besonders wichtig: die Defensive. Um das Blocken bestmöglich zu üben, simulieren Flo und seine Mitspieler einen generischen Angriff. 

Dafür teilen sie sich in kleinere Teams auf und versuchen, sich mit den Rollstühlen zu rammen und den Weg abzuschneiden. 

Es geht dabei natürlich um Kraft, aber auch um Präzision. Denn wie im Regelsport ist Rugby im Rollstuhl zwar ein Vollkontaktsport, aber Fouls gibt es trotzdem und die Regeln sind komplex. Ein Teamkollege von Flo nennt es deshalb auch die „perfekte Mischung aus Autoscooter und Schach“. 

Florian spielt Rollstuhlrugby. erträgt dabei ein Neongelbes Leibchen und greift konzentriert nach dem Ball.
Selina Groß
Trainingsspiel der „Koblenz Speedos“

So funktioniert Rollstuhlrugby im Wettkampf

So funktioniert das Spiel: Im Wettkampf treten je vier Athlet*innen pro Mannschaft gegeneinander an. Gespielt wird mit einem Ball, der einem Volleyball ähnelt und den die Spieler*innen spätestens nach zehn Sekunden dribbeln oder abspielen müssen. Wer mit dem Ball die acht Meter breite Torlinie überquert, holt einen Punkt. 

Seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gehört Rollstuhlrugby zu den Paralympics.

Der Traum von Olympia

Bei den Paralympics 2024 in Paris war Florian auch am Start. „Das war ein Traum, den ich mir da erfüllen konnte“, erzählt er stolz. Sein Ziel: 2028 auch bei den nächsten Spielen in Los Angeles dabei sein. Bis dahin steht für den Nationalspieler aber erst mal die diesjährige Weltmeisterschaft an. Die WM findet vom 15. bis zum 24. August in Brasilien statt, und die Spiele werden per Livestream auf YouTube übertragen.

Parasport sichtbar machen

Kanntest du Rollstuhlrugby schon vor Flos Geschichte? Oder hast den Sport schon einmal live erlebt? Erzähl uns davon auf unseren Social-Media-Kanälen:

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