Neue Lebensfreude

Silke hat mit dem Tod gekämpft und gewonnen

Silke reist mit ihrem Lebensgefährten nach Nepal. Auf einem Ausflug bricht er neben ihr zusammen und stirbt. Sie versucht, in ihr altes Leben zurückzukehren – vergeblich. Während sie noch am Boden liegt, ist sie schon auf einem neuen Weg. Das weiß sie zu dem Zeitpunkt aber noch nicht.

privat

Silke Szymura ist 30 Jahre alt, Informatikerin und lebt in Frankfurt. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis haben sich die ersten Paare gerade entschlossen, eine Familie zu gründen. Silke denkt mit ihrem Lebensgefährten Julian (29) gerade darüber nach, eine Eigentumswohnung zu kaufen. Aber erst mal reist das Pärchen nach Nepal, um Freunde zu besuchen.

Plötzlich bricht der Partner tot zusammen

Nach einer Woche in Katmandu geht es weiter nach Pokhara, wo die befreundete Familie lebt. Nach einigen Tagen unternehmen die beiden einen Ausflug zu einem kleinen Hügel, etwas außerhalb der Stadt. Dort steht eine Pagode, die einen schönen Ausblick bieten soll über einen See und die Berge.

„Da oben sind wir nie angekommen“, sagt Silke Szymura. Denn Julian kippt auf dem Weg dorthin plötzlich um und stirbt. „Er ist von jetzt auf gleich aus meinem Leben herausgerissen worden, mein Leben lag in tausend Scherben vor mir“, erinnert sich Silke an das traumatische Erlebnis.

Bis dahin begegnet sie dem Tod nicht

„Gleichzeitig war es von heute aus gesehen ein großes Geschenk, dass ich dieses Unglück in Nepal erleben durfte. Dort habe ich einen anderen Umgang mit dem Tod, mit Spiritualität erlebt. Das hat meinen Weg geebnet“, sagt sie.

Zum Zeitpunkt des Ereignisses im Jahr 2013 empfindet sie das überhaupt noch nicht so. Bis zu diesem Tag in Pokhara hatte die Frankfurterin sehr wenig Kontakt mit dem Tod oder mit Toten. Ihre Großeltern waren zwar bereits gestorben, „aber da war der Bestatter und die Trauerfeier, wir hatten wenig damit zu tun“.

Die Familien sind selbst für ihre Toten verantwortlich

In Nepal ist das anders. Da gibt es keine Bestatter, auch keine Krematorien. Die Familien sind selber für ihre Toten verantwortlich. Silke hat Glück im Unglück.

Durch die nepalesischen Freunde hat sie familiären Anschluss, wird schnell in die Großfamilie aufgenommen. Der Familienälteste übernimmt das Zepter für die Abschiedsfeier, gibt Anweisung, bezieht die junge Deutsche stets mit ein.

Der Körper ist nur eine Hülle

Für sie sehr bewegend ist der Kontakt mit dem toten Körper ihres Freundes in der Kühlung des Krankenhauses. Ganz in Ruhe verabschiedet sie sich. „Das war der Moment, wo ich begreifen durfte, dass der Körper seine Hülle war. Und dass da noch etwas Anderes ist ­– die Seele oder wie man es nennen mag.“ In Nepal sei es ganz selbstverständlich, dass es mehr gibt als dieses eine irdische Leben.

Sie zündet das Feuer an, um ihn zu verbrennen

„Die Zeremonie der Verbrennung unter freiem Himmel, das war eine Erfahrung, die ich nicht in Worte fassen kann“, sagt sie. „Ich habe das Feuer selbst entzündet, bis in die Nacht an seinem Feuer gesessen und von Julian erzählt“, beschreibt sie das Abschiedsritual.

Noch am Morgen hatte sie eine solche Rolle entschieden abgelehnt. „Auf keinen Fall, das mache ich nicht, das kann ich nicht, das geht nicht“, habe sie dem Initiator beschieden. „Dabei war es so unglaublich wertvoll, dabei sein zu dürfen.“

Hat sie das wirklich so erlebt?

Sie kehrt nach Deutschland zurück. Diese Zeit sei sehr hart gewesen. Über Tod und Trauer habe hier niemand sprechen wollen. „Ich war dann lange nicht sicher, ob ich das alles wirklich so erlebt habe“, erinnert sie sich.

Sie ist zunächst krankgeschrieben, doch dann nimmt sie ihr altes Leben wieder auf. „Er war tot, das war die Veränderung. Aber alles andere sollte so bleiben wie vorher.“

Lange im „Wattebäuschen-Land“

Silke Szymura: „Ein Teil von mir“; Patmos Verlag 2018; 176 Seiten, 16 Euro

Sie kehrt an ihren Arbeitsplatz als Informatikerin zurück, versucht, so zu leben wie früher. Aber sie ist aus der Welt gefallen, befindet sich in einem „Wattebäuschen-Land“. „Doch noch während ich am Boden lag und nicht daran glaubte, dass es jemals wieder besser werden könnte, war ich längst auf dem Weg“, bilanziert sie.

Bestatterin - das ist es!

Sie stellt fest: „Ich bin nicht mehr die Gleiche. Ich habe so eine Art Ruf verspürt, dass es eine andere Aufgabe für mich gibt.“ Sie verarbeitet ihre Trauer in einem Blog, später schreibt sie ein Buch.

Parallel lässt sie sich zur Trauerbegleiterin ausbilden, kümmert sich um einzelne Trauernde und leitet auch Gruppen. 2018 macht sie ein Praktikum bei einem Bestatter, auf der Suche nach einer neuen beruflichen Heimat. Und plötzlich ist ihr klar: Bestatterin – das ist es. Das habe sie vorher gar nicht so gesehen.

Laut trauern

Inzwischen unterhält sie einen Blog mit dem Namen „In lauter Trauer“. Und sie betreibt seit Herbst 2020 einen Youtube-Kanal: „Über den Tod reden“. Sie lädt Menschen aus anderen Kulturen, Religionen, Weltanschauungen ein, redet mit ihnen über ihre Vorstellungen und Erfahrungen.

Im Corona-Sommer 2020 heiratete sie – den Chef eines Bestattungsunternehmens. Was sie verbindet? Beide möchten Räume eröffnen für Themen rund um Tod und Trauer. Das Ehepaar lädt einmal im Monat ein, in offener Runde über den Tod zu reden.

Gib die Sachen weg!

Was interessiert die Menschen am meisten? „Sie wollen sich in erster Linie vergewissern, dass sie nicht allein sind. Und dass sie nichts falsch machen“, sagt die Bestatterin. Im Umfeld hören Trauernde oft Sätze wie „Das Leben muss weitergehen“, „Lass doch mal los!“, „Gib die Sachen weg!“

Dabei sei Trauer immer individuell, jeder Fall ein anderer. Und dann gehe es natürlich um die großen Fragen: Kommt danach nichts? Oder kommt doch was? Und wenn ja, was? Kann ich dem trauen, was ich wahrnehme, was ich fühle?

Gekämpft, gesucht, gelitten

Silke Szymura versucht, Antworten zu geben. Und Hoffnung zu machen. „Ich habe selbst lange gekämpft, gesucht, gelitten und mich unterwegs immer wieder selbst verloren. Aber ich habe nicht aufgegeben und mich und auch meine Lebensfreude neu gefunden.“

Wenn du zu Silke Kontakt aufnehmen möchtest, kannst du das per Email an kontakt(at)ueber-den-tod-reden.de.

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