Bundestagswahl 2021

Tschüss Merkel - Erinnerungen an die Kanzlerin

Best of Angela Merkel
epd-Bild/Christian Ditsch
16 Jahre Merkel - unsere Redaktion hat Erinnerungen gesammelt.

Mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin geht eine Ära zu Ende. Unsere Redaktion blickt zurück auf 16 Jahre mit "Mutti".

Contenance bewahren!

Renate: Älterwerden zeigt sich oftmals an Titulierungen. Angela Merkel etwa hat es von „Kohls Mädchen“ zur „Mutti“ der Nation gebracht. Beides wenig schmeichelhaft. Sie hat es ausgehalten, ohne Aufhebens darum zu machen. Wie wohltuend nach einem Kanzler Gerhard Schröder, der jedem eine Klage angedroht hatte, der angesichts seines mit Ende 50 überraschend dunklen Haares öffentlich vermutete, Schröder habe mit Farbe nachgeholfen.

Nein, Eitelkeit kann man Merkel nicht nachsagen. Eher schon Zähigkeit. Man muss ihre Politik nicht mögen, um davor den Hut zu ziehen. Beeindruckend, wie sie trotz ihrer Furcht vor Hunden die Contenance bewahrte, als Putins schwarzer Labrador 2007 im Besprechungszimmer herumschnüffelte. Auch die gerade zu Beginn ihrer Kanzlerschaft immer wieder zu lesenden Schmähungen ihres Aussehens und ihrer Blazer 🧥 hat sie scheinbar weggeatmet.

Spätestens 2015, als sie angesichts der Hundertausenden in Deutschland ankommenden Menschen Standfestigkeit zeigte und nicht markig versuchte, die Grenzen zu schließen, hatte sie meinen Respekt. Dass sie 2016 die Verschärfung des Asylrechts verteidigte, steht auf einem anderen Blatt.

Einmal allerdings verlor sie  trotz ihres oft gerühmten Pokerfaces kurz die Beherrschung. Als der damalige Präsident Donald Trump über das deutsche Blut in seinen Adern schwadroniert, prustet sie kurz los. Mein Wunsch zum Abschied: öfter Grund zum Lachen ­- ohne dazu Trump treffen zu müssen.

 

Angie, mein Bruder und ich

Carina: Seit ich ins Rhein-Main-Gebiet gezogen bin und mein Bruder in Köln geblieben ist, überhäufen wir uns nicht gerade mit Anrufen und Nachrichten. Mutti Merkel hat aber dafür gesorgt, dass wir zumindest via Instagram den Kontakt halten.

Denn ein Glück war Angie all die Jahr die perfekte Meme-Vorlage. Und die haben mein Bruder und ich dann immer hin und her geschickt und uns köstlich amüsiert. Einige sind zu richtigen Insidern zwischen uns geworden. 

Aber mal vom Meme-Faktor abgesehen: Angie wird fehlen. Ihre Besonnenheit, ihr herrlich trockener Humor. Natürlich hat sie Fehler gemacht. Aber so ein Land zu regieren, ist halt auch kein Ponyhof.

Also, liebe Nachfolgerin, lieber Nachfolger: Ich möchte weiterhin Memes mit meinem Bruder austauschen, strengt euch an!

Nicht fehlerfrei, aber vertrauenswürdig

Martin: Ich habe Angela Merkel nie gewählt. Aber ich werde sie vermissen. Nachdem sie zum ersten Mal Bundeskanzlerin wurde, war ich kein Merkel-Fan. Immerhin fand ich angenehm, dass sie keine ‚Basta‘-Sprüche raushaute.

Meinen Respekt hat sie gewonnen durch drei Entscheidungen, die ursprünglich nicht auf ihrer politischen Agenda standen: Der Ausstieg aus der Atomenergie 2011. Ihre Entscheidung 2015, Flüchtende aufzunehmen. Ihre verschwurbelte Formulierung 2017, mit der sie die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare 🌈 möglich machte.

Ich schätze sie als uneitel. Sie hat gewiss ihre Eitelkeiten, aber die zeigt sie nicht so dominant wie andere. Sie hat Fehler gemacht. Aber ich halte sie für aufrichtig und vertrauenswürdig.

Frauenpower!

Andrea: Der Wahlabend am 18. September 2005 war zum Fremdschämen. Elefantenrunde im Fernsehen: Die Wahlsiegerin Angela Merkel sitzt bedrückt auf ihrem Stuhl, der Verlierer grölt breitbeinig und machohaft: „Niemand außer mir ist in der Lage, eine stabile Regierung zu stellen." Lag es am Alkohol, anderen Drogen oder war es reine Hybris?

Gewählt hatte ich sie nicht. Aber jetzt ergriff ich Partei für sie. Gegen alle diese Männer, auch in der eigenen Partei, die fest davon überzeugt waren: Sie kann das nicht.

Doch, sie kann es. Es ist ihr Stil, der mir gefällt: sachlich, bescheiden und respektvoll ­- jedem gegenüber. Sie dient dem Land, stopft sich nicht die Taschen voll. Sie meistert jede Krise, davon gab es in den 16 Jahren viele.

Ihre Politik ansonsten: nun ja! Deutschland hinkt hinterher – in vielen Bereichen. Aber vielleicht ist es auch zu viel für eine Person, sich um Deutschland, Europa und den Rest der Welt kümmern zu müssen. Und es gibt nun wahrlich genug Menschen, die Merkel weghaben wollten. Sie hat alles ausgehalten. Ich werde sie vermissen! 

Schlechter geht immer

Nils: Ich gehöre ja nicht zu der Generation, die nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin kennen. Dafür aber zu jener, die nur Helmut Kohl als Kanzler kannten. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie bleiern, wie drückend mir diese Zeit vorkam, und an die Erleichterung, als sie endlich vorbei war.

Wenn Merkel nun abtritt, werden sie und Kohl eine sehr ähnliche Zeitspanne im Amt gewesen sein. Und doch ist mein Gefühl diesmal ein anderes als 1998. Ich war bei weitem nicht immer einverstanden mit ihrer Politik, und es ist gut, mal jemand Neues an der Spitze zu sehen, aber ein Gefühl der Erlösung will sich diesmal so gar nicht einstellen.

Das mag daran liegen, dass ihre Zeit und ihre Regierung nicht bleiern war, sondern hochflexibel. Atomausstieg, Homo-Ehe oder die Aufnahme von Flüchtlingen hat man ihr von ultrakonservativer immer vorgeworfen, aber genau das war der Unterschied zur starren Rigidität, die die Kohl-Jahre so schwer erträglich machten. Wenn Merkel bald das Kanzleramt räumt, dann werde ich denken: Sie hätte ihre Sache viel, viel schlechter machen können.

Zusammen lachen können wir

Stefanie: Ich bewundere Merkel dafür, was sie alles geduldig erträgt. Und ich liebes es, wenn durch ihre stoische Fassade ihr schelmisches „Ich“ blitzt. Hier ein leichtes Zucken der Mundwinkel, da verschmitztes Grinsen zur Seite und dort die Andeutung von einem Augenrollen: Angela Merkels Mimik zu beobachten ist mir ein Fest.

Wenn Merkel dann noch ihrem trocken Humor freien Lauf lässt und schmunzelnd Sätze wie: „Ich ahne, wovon ich spreche, meine Damen und Herren“ ihren Zuhörern ins Gesicht sagt, dann ist sie mir richtig sympathisch.

Oder, wenn sie in Richtung ihres ewigen Diskussion-Partners Horst Seehofer trocken sagt: „Wir machen es uns nicht zu jeder Sekunde einfach. Das ist so eine Art Test, wer noch wie viel Kraft hat“ oder „Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen“, dann ahne ich, wie die Privatperson Angela Merkel laut auflacht.