Ruth Kreiselmaier hat sie ausgebreitet auf dem Sofatisch, die Fotos und Dokumente, die so viele Geschichten erzählen aus den vergangenen 87 Jahren ihres Lebens. Das beginnt ein Jahr vor Kriegsausbruch in Deutschland auf einem Bauernhof in der Vorderpfalz.
„Wir hatten ein Pferd, Kühe, Schweine und Hühner, haben Zuckerrüben, Getreide und Kartoffeln angebaut.“ Dazu kam ein Weinberg. 7,8 Hektar bewirtschaften Eltern und Großeltern. „Ich durfte früh mithelfen und anpacken.“
Im April 1940 muss der Vater in den Krieg ziehen. Und während Eisenbahnwaggons voller Soldaten an die Front rollen, müssen auf umgekehrtem Weg Zwangsarbeiter ihre Heimat verlassen – unter anderem aus den besetzten Ländern im Osten des Deutschen Reichs. Wer sich weigert, wird erschossen.
Drei Monate, nachdem Ruth Kreiselmaier ihrem Vater Lebewohl gesagt hat, kommt so der Pole Joseph auf den Hof. „Ein Glück und Segen“, sagt Kreiselmaier. Ihr Vater schreibt der Familie in Briefen von der Front: „Behandelt ihn wie mich, setzt ihn an meinen Platz, er muss meine Arbeit verrichten.“ Und Joseph ist mehr als nur ein Arbeiter auf dem Hof.
Er war zu mir wie ein Vater.
Joseph bastelt der kleinen Ruth eine Puppenküche, die er der Vierjährigen zu Weihnachten schenkt. Auch die Ukrainerin Anna lebt als eine der sogenannten Ostarbeiter mit der Familie unter einem Dach.
1946 kommt der Ukrainer Franz Pasiaka auf den Hof der Familie. 1949 folgt die Ukrainerin Anastasia, genannt Toni. Toni heiratet ihren Landsmann Michael Kunynek. Franz Pasiaka hingegen heiratet eine Deutsche. Ruth Kreiselmaier erinnert sich, dass auf ihrem Dorf „damals allein drei Ehen mit Ostarbeitern geschlossen worden sind“.
Andere „heimatlose Ausländer“ wollen weg aus Deutschland. Anna etwa geht nach Kanada. Damals bietet das Land vielen Flüchtlingen eine Chance. „Die Menschen haben die Überfahrt mit einem Jahr sozialer Arbeit bezahlt“, sagt Ruth Kreiselmaier.
Toni Kunynek wird für die junge Ruth eine wichtige Bezugsperson.
Zeitlebens hält die Ukrainerin den Kontakt mit ihrer Familie zu Hause. Briefe und Päckchen, unter anderem mit Kleidung, durchdringen den Eisernen Vorhang. 1961 nimmt die junge Ruth an einem Austausch mit den USA teil.
Diese Erfahrungen und „der Blick über den Tellerrand“ prägen fortan ihr Engagement für junge Menschen aus der Ukraine.
Ruth Kreiselmaier setzt sich dafür ein, dass Toni eingebürgert wird, damit sie leichter mit den Landfrauen reisen kann. Bei Michael Kunynek machen die Behörden Probleme.
„Als die Wehrmacht da war und Arbeitskräfte gesucht wurden, wurde nicht gefragt, ob er Deutsch kann oder nicht“, sagt Ruth Kreisemaier. Gegenüber dem Mitarbeiter betont sie: „Unser Staat hat sie herausgeholt aus ihrem Land, es ist Zeit, dass er Deutscher werden kann.“ Schließlich bekommt er auch seine Papiere.
Nach dem Fall der Mauer und des Zusammenbruchs des Ostblocks bieten sich ganz neue Möglichkeiten, den Kontakt in die Ukraine zu halten. 1992 reist eine Delegation der pfälzischen Landeskirche in die Ukraine. Das Ziel: Die Versöhnung mit den Völkern Osteuropas.
Auch Ruth Kreiselmaier war dabei: „Ich habe mich gefreut. Es war irgendwie Zeit.“ Die Delegation fährt nach Kyjiw, Mukatschewo und Ushhorod. Kreiselmaier trifft dort zum ersten Mal Tonis Familie.
Wir waren das erste deutsche Auto in dem Ort.
Das Paar Kunynek will ihrer Familie und dem Volk in der Ukraine helfen. Dieser Wille wird nach dem Tod der beiden deutlich. Sie vermachen ihr Haus Ruth und Hermann Kreiselmaier. Beide lassen dieses schätzen und bringen den Ertrag in eine kirchliche Stiftung ein.
Von der „Anastasia und Michael Kunynek Gedächtnisstiftung“ profitieren fortan unter anderem Studierende aus der Ukraine. Unterstützt vom Arbeitskreis Ukraine Pfalz können sie so ein bis zwei Semester an der Landauer Universität verbringen.
Ab 2016 wirft das Geld keine Zinsen mehr ab, Zustiftungen bleiben aus. „Ich hab mir gesagt, das kann doch nicht sein, dass nichts geschieht mit dem restlichen Geld. Das ist, wie wenn ein Arzt eine fällige Operation nicht macht“, sagt Ruth Kreiselmaier. So geht das Geld in den Folgejahren Stück für Stück in die Versöhnungsarbeit ein. 2025 wird die Stiftung aufgelöst.
Die Erinnerungen an die Menschen hat Ruth Kreiselmaier fest in ihrem Herzen. Rund 16 Mal, schätzt sie, war sie mittlerweile zu Besuch in der Ukraine. Dort besucht sie auch das Grab jenes Zwangsarbeiters Joseph, der ihr 1940 die Puppenküche vermacht hatte. Sohn und Enkel begleiten sie zum Friedhof. Die Puppenküche, bis dahin stets gut verwahrt, übergibt sie der Familie.