Von Jens Bayer-Gimm
Neun Ukrainerinnen und Ukrainer sitzen in einer ehemaligen Wirtsstube in der Kleinstadt Steinbach (Taunus) nahe Frankfurt am Main. Iryna Bondar strahlt die erwachsenen Schülerinnen und Schüler an. Die Germanistin und Anglistin ist kurz nach dem Angriff Russlands mit ihren zwei Töchtern aus der Ukraine geflohen, ihr Mann darf nicht ausreisen. Sie hat sich erst ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe engagiert, inzwischen hat der Verein „StartHilfe Hochtaunus“ sie beauftragt, Deutschkurse zu erteilen. „Wir sind zerrissen zwischen Deutschland und der Ukraine“, eröffnet Bondar das Gespräch.
Ich kann nicht ruhig bleiben, wenn jede Minute eine russische Rakete in Kiew einschlagen kann
„Wenn nach einem Angriff mein Mann mir ein Plus-Zeichen im Chat schickt, weiß ich, dass ihm nichts passiert ist“, sagt die Deutschlehrerin. Die Verkaufsleiterin Anna, die mit ihrem Sohn aus Charkiw ebenfalls im März 2022 geflohen ist, berichtet, dass nach einem Angriff ihre Eltern umziehen und in einem Keller übernachten mussten. „Manchmal bekomme ich bei den Nachrichten Fieber“, sagt sie.
„Beim Telefonieren höre ich manchmal Raketen und Drohnen fliegen, dann fürchte ich mich“, berichtet der Informatiker Jakiw. Er ist aus dem Umland von Kiew 2023 nach Deutschland geflohen. Er denke an die Menschen in Kiew, die bei minus 20 Grad ohne Heizung und Strom ausharren müssten. Ina, Ingenieurin aus Perwomajsk, im März 2022 mit ihrem jüngeren Sohn und Enkel geflohen, lebt nach ihren Worten in Angst um ihren älteren Sohn und Mann, sie sind Soldaten.
Die Geflüchteten sind täglich per Telefon oder Chat in Kontakt mit ihren Angehörigen in der Ukraine, aber das kann auch menschlich schwierig sein. „Meine Mutter ist froh, dass ich in Deutschland bin, mein Vater schimpft und fragt, warum ich nicht zurück nach Luhansk komme“, erzählt die Gesangslehrerin Anastasia. Sie ist wegen des Krieges schon dreimal geflohen, 2014 und 2022 innerhalb der Ukraine, 2023 mit ihrem Mann und den Schwiegereltern nach Deutschland. Sie habe mit ihrer Mutter vereinbart: „Wir sprechen nur über Persönliches.“
In Deutschland sei es wichtig, dass man sich gebraucht fühlt, erklärt Anastasia. „Viele Flüchtlinge fühlen sich nicht gebraucht und verloren.“ Alle in der Runde wollen arbeiten, bekräftigen sie. „Wir sind sehr dankbar für die Hilfe in Deutschland“, betont Anna. „Wir wollen nicht in der Sozialhilfe bleiben, sondern gute Jobs finden und nützlich für Deutschland sein.“ Der Wunsch bleibt aber oft an bürokratischen Hürden hängen.
Selbst für eine Stelle als IT-Spezialist verlangten Firmen ein Deutsch-Zertifikat mit fortgeschrittenen Kenntnissen auf C-Niveau, obwohl in der Branche Englisch als Sprache üblich sei, berichtet Jakiw. Nur arbeite er als Web-Entwickler für eine belgische Firma. Andrej aus Kiew ist 2022 mit seiner Frau und Tochter geflohen, er sucht eine Stelle als Programmierer. Der Ingenieur und Betriebswirtschaftler hat in der Ukraine ein Unternehmen geleitet, aber es sei schwierig, die Studienabschlüsse anerkennen zu lassen, sagt er, und ohne das Deutsch-Zertifikat könne er sich nicht bewerben.
Die Verunsicherung des Lebens wirkt sich auf die persönlichen Aussichten aus: „Wir haben keine Pläne mehr“, sagt Anastasia. „Pläne sind gefährlich. Wir leben, wie es geht.“ Sie habe mit ihrem Mann entschieden, in Deutschland zu bleiben. Ina möchte in die Ukraine zurückkehren, sobald die Waffen schweigen. Vera fragt wohin, wenn das Haus nicht mehr steht.
„Ich glaube an keine Friedensverhandlungen mehr“, schließt die Kursleiterin. „Solange solche Politik in Russland gemacht wird, werden wir keine Ruhe haben.“ Sie bittet um Verständnis für die Trauer der Geflüchteten: „Wir können nicht abschalten und die Ukraine vergessen. Diese Wunde blutet ständig.“