Hinweis: Dieser Beitrag enthält Schilderungen von Tod, Unfall und Trauer. Bitte lies nur weiter, wenn du dich damit wohlfühlst.
Vor elf Jahren klingelt es an der Tür von Marika Weldert. Als sie aufmacht, steht die Freundin ihres Sohnes Jens schluchzend vor der Tür. Sie kommt rein, fällt Marika um den Hals und schreit: „Der Jens ist tot! Der Jens ist tot!“
Dann kommen noch drei weitere Personen ins Haus: Ein Kollege und guter Freund von Jens, sein Chef und ein Mann, den sie flüchtig aus der Kirchengemeinde kennt. Später stellt sich heraus: Er ist Notfallseelsorger.
Es ist der 31. März 2015, ein Tag vor dem 1. April. „Meine erste Reaktion war: Das ist ein schlechter Scherz“, erinnert sich Marika. Ihr Verstand begreift sofort, was los ist, aber ihr Herz sagt etwas anderes.
Er saß einfach da und hörte zu.
Danach setzen sich alle ins Esszimmer. Der Chef von Jens bestätigt: Marikas Sohn ist bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen.
Der 21-jährige Jens arbeitet damals als Straßenwärter. An dem Tag ist ein Orkantief und zusammen mit einem Kollegen muss er ausrücken, um einen Baum von der Straße wegzuschneiden. Die Arbeit ist schon erledigt, sie wollen gerade wegfahren. Da kippt ein riesiger Baum um und fällt genau ins Führerhaus. „Laut dem, was wir erfahren haben, sind die beiden sofort tot gewesen.“
Auch in den Tagen danach sind sie im Kontakt mit Rainer. Er hält sogar die Beerdigung von Jens – da aber nicht mehr in seiner Funktion als Notfallseelsorger, sondern als Pastoralreferent der katholischen Kirche. Im Laufe der Zeit entsteht eine Freundschaft zwischen ihm und der Familie.
Dann, acht Jahre später, sieht Marika einen Aufruf auf der Facebook-Seite von Rainer: Es werden neue Notfallseelsorger:innen gesucht. „Das hat mich sofort angesprochen“, sagt Marika. Zu diesem Zeitpunkt steht sie kurz vor ihrer Freistellung in der Altersteilzeit. „Ich habe schon immer gesagt: Wenn ich mal zu Hause bin, will ich was Ehrenamtliches machen.“
„Wenn ich bei den Menschen bin, kann ich ihnen in dem Moment einfach etwas Gutes tun. Gerade, weil ich selbst in der Situation auch schon war.“ Sie kommt gut mit den Einsätzen klar, vermischt sie nicht mit ihrem eigenen Schicksal.
Ich kann das ganz klar trennen.
Nach jedem Einsatz spricht Marika mit dem sogenannten „Hintergrund“ über den Fall – also Kolleg:innen, die die Notfallseelsorger:innen unterstützen. „Diese Gespräche sind sehr wichtig“, betont die 63-Jährige. „Ich fahre eigentlich nach jedem Einsatz mit einem guten Gefühl wieder weg.“
Ihr ist es wichtig, sich als Notfallseelsorgerin zu engagieren, denn „wenn jeder nur sagt, das ist eine tolle Sache, aber keiner was macht, dann gibt es bald keine mehr.“
Marika erinnert sich noch gut an ihren ersten Einsatz in der Notfallseelsorge während ihres Praktikums. Sie ist gerade unterwegs zum Einsatzort, da startet im Radio das Lied „Cheerleader“ von OMI.