Gesellschaft

Wenn Helfen heilt: Ihr Weg zur Seelsorge

Marika hat die Türe geöffnet. Vor der Türe steht eine Notfallseelsorgerin in ihrer lila Jacke.
Teresa Kammerlander
Die Notfallseelsorge unterstützt die Polizei beim Überbringen von schlimmen Nachrichten.

Nach dem Tod ihres Sohnes findet Marika einen neuen Weg: Notfallseelsorge. Marikas Geschichte zeigt, wie aus persönlichem Verlust neue Stärke entsteht.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Schilderungen von Tod, Unfall und Trauer. Bitte lies nur weiter, wenn du dich damit wohlfühlst.

Vor elf Jahren klingelt es an der Tür von Marika Weldert. Als sie aufmacht, steht die Freundin ihres Sohnes Jens schluchzend vor der Tür. Sie kommt rein, fällt Marika um den Hals und schreit: „Der Jens ist tot! Der Jens ist tot!“ 

Dann kommen noch drei weitere Personen ins Haus: Ein Kollege und guter Freund von Jens, sein Chef und ein Mann, den sie flüchtig aus der Kirchengemeinde kennt. Später stellt sich heraus: Er ist Notfallseelsorger.

Es ist der 31. März 2015, ein Tag vor dem 1. April. „Meine erste Reaktion war: Das ist ein schlechter Scherz“, erinnert sich Marika. Ihr Verstand begreift sofort, was los ist, aber ihr Herz sagt etwas anderes.

Er saß einfach da und hörte zu.

Danach setzen sich alle ins Esszimmer. Der Chef von Jens bestätigt: Marikas Sohn ist bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen

Der 21-jährige Jens arbeitet damals als Straßenwärter. An dem Tag ist ein Orkantief und zusammen mit einem Kollegen muss er ausrücken, um einen Baum von der Straße wegzuschneiden. Die Arbeit ist schon erledigt, sie wollen gerade wegfahren. Da kippt ein riesiger Baum um und fällt genau ins Führerhaus. „Laut dem, was wir erfahren haben, sind die beiden sofort tot gewesen.“

Blick über die Schulter von Marika auf ein Familienfoto. Darauf ist sie gemeinsam mit ihrem Sohn Jens, als er noch ein Kind war.
Teresa Kammerlander
Marika hält ein Foto von Jens in ihren Händen.

Hol dir Unterstützung, wenn es zu viel wird

Es gibt Menschen, die dir zuhören, anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

TelefonSeelsorge: 📞 0800 111 0 111 oder 📞 0800 111 0 222 oder 📞 116 123 oder per Chat & Mail bei der TelefonSeelsorge

Nummer gegen Kummer (für Kinder & Jugendliche): 📞 116 111 (Mo–Sa, 14–20 Uhr)

Krisenchat (per WhatsApp oder SMS): Rund um die Uhr erreichbar auf für alle unter 25.

Bei akuter Gefahr: 📞 112 (Notruf)

Wenn dich Gedanken stark belasten oder du nicht mehr weiterweißt, such dir Hilfe. Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Marikas erste Reaktion auf die Todesnachricht: „Ich habe ihnen Kaffee angeboten.“ Heute findet sie das seltsam, aber in der Situation weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll. „Ich war den ganzen Tag schon unruhig.“ 

„Rainer, den Notfallseelsorger habe ich als sehr beruhigend wahrgenommen“, erzählt Marika. „Er saß einfach da und hörte zu.“ 

Marika erzählt ihm von ihrem Sohn Jens. Es sprudelt ganz automatisch aus ihr heraus. „Mein Mann und ich haben im Nachhinein ganz oft gesagt, wie dankbar wir waren, dass der Rainer an dem Tag da war.“

Auch in den Tagen danach sind sie im Kontakt mit Rainer. Er hält sogar die Beerdigung von Jens – da aber nicht mehr in seiner Funktion als Notfallseelsorger, sondern als Pastoralreferent der katholischen Kirche. Im Laufe der Zeit entsteht eine Freundschaft zwischen ihm und der Familie. 

Vom Schock zur Stärke: Marikas Weg zur Helferin

Dann, acht Jahre später, sieht Marika einen Aufruf auf der Facebook-Seite von Rainer: Es werden neue Notfallseelsorger:innen gesucht. „Das hat mich sofort angesprochen“, sagt Marika. Zu diesem Zeitpunkt steht sie kurz vor ihrer Freistellung in der Altersteilzeit. „Ich habe schon immer gesagt: Wenn ich mal zu Hause bin, will ich was Ehrenamtliches machen.“ 

Bei der Notfallseelsorge mitmachen

Wenn du dich auch ehrenamtlich in der Notfallseelsorge einbringen möchtest: Infos für deine Region findest du bei der Notfallseelsorge der EKHN.

Das solltest du mitbringen:

  • Volljährigkeit & Führerschein
  • Erste-Hilfe-Kurs
  • Sauberes Führungszeugnis
  • Psychische Stabilität & Teamfähigkeit
  • Offenheit für die christliche Grundlage

Sie liest den Zeitungsartikel, den Rainer gepostet hat, mehrmals durch und merkt: „Das ist genau meins!“ Eine Woche lang setzt sie sich mit dem Gedanken auseinander. Dann spricht sie mit ihrem Ehemann darüber. Er hat den Artikel auch schon gelesen und gibt ihr Rückendeckung: „Du kannst das. Ich finde das gut.“

Marika meldet sich an und beginnt die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin. Nach einem Jahr wird sie offiziell berufen und ist nun eine von 35 ehrenamtlichen Notfallseelsorger:innen im Westerwaldkreis. Das ist ein gemeinsames Angebot der evangelischen und katholischen Kirche. 

Bei Todesfällen, Suiziden oder schweren Unfällen auf der Autobahn ist sie zur Stelle. Sie unterstützt auch die Kolleg:innen der Polizei dabei, wenn sie eine Todesnachricht überbringen müssen.

Portrait Notfallseelsorgerin Marika - sie trägt einen Hoodie, auf dem das Logo der Notfallseelsorge drauf ist.
Teresa Kammerlander

„Wenn ich bei den Menschen bin, kann ich ihnen in dem Moment einfach etwas Gutes tun. Gerade, weil ich selbst in der Situation auch schon war.“ Sie kommt gut mit den Einsätzen klar, vermischt sie nicht mit ihrem eigenen Schicksal. 

Ich kann das ganz klar trennen.

Nach jedem Einsatz spricht Marika mit dem sogenannten „Hintergrund“ über den Fall – also Kolleg:innen, die die Notfallseelsorger:innen unterstützen. „Diese Gespräche sind sehr wichtig“, betont die 63-Jährige. „Ich fahre eigentlich nach jedem Einsatz mit einem guten Gefühl wieder weg.“ 

Ihr ist es wichtig, sich als Notfallseelsorgerin zu engagieren, denn „wenn jeder nur sagt, das ist eine tolle Sache, aber keiner was macht, dann gibt es bald keine mehr.“

Marika erinnert sich noch gut an ihren ersten Einsatz in der Notfallseelsorge während ihres Praktikums. Sie ist gerade unterwegs zum Einsatzort, da startet im Radio das Lied „Cheerleader“ von OMI. 

Was hat dich berührt? Sprich darüber oder teile die Geschichte - gerne über unsere Social-Media-Kanäle: 

Instagram

TikTok 

Facebook

Das gleiche Lied wurde auch bei der Beerdigung von Jens gespielt. „Das war sehr bewegend, da sind mir auch tatsächlich ein paar Tränchen gekullert.“ Für Marika ist das ein Zeichen: „Okay, Jens, du bist bei mir und du findest das gut, was die Mama macht.“ 

Jens ist bis heute ein wichtiger Teil von Marikas Familie. Sie sprechen offen über ihn. Bei jeder Familienfeier ist ein Bild von Jens dabei. „Er war eine Frohnatur“, sagt Marika mit einem Lächeln in ihren Augen. 

Sie und ihre Familie versuchen, in seinem Sinne weiterzuleben. „Das hat uns die Kraft gegeben, den Weg so weiterzugehen.“