Hilfe für die Seele

Notfallseelsorge: Stark für andere

Fundus/Dirk Ostermeier
Die Notfallhelferin tröstet und hört zu.

Ein Schicksalsschlag verändert manchmal alles. Notfallseelsorger:innen helfen dabei, mit dem Erlebten und den Folgen klar zu kommen.

Wenn der Notfallpiepser bei Renate Speckhardt losgeht, weiß sie: Das Leben von Mit-Menschen hat sich von einem Moment auf den anderen für immer verändert. So wie vor kurzem nachts. Sie steht leise auf, damit sie ihren Mann nicht weckt. Die Adresse des häuslichen Todesfalls sieht sie auf dem Pager, dem Funkmeldeempfänger. Sie verständigt die Leitstelle, dass sie sich auf den Weg macht. Und sie ruft den B-Teamer an. Zu zweit fahren sie zur angegebenen Adresse.

Die Menschen fühlen sich in solchen Situationen isoliert

„Ich heiße Renate Speckhardt. Ich bin Notfallseelsorgerin und für Sie da“, stellt sie sich vor. Der Name sei ganz wichtig, sagt die erfahrene Notfallseelsorgerin, die von Beruf Physiotherapeutin ist. „Die Menschen fühlen sich in solchen Situationen isoliert“, sagt Heiko Ruff-Kapraun, Leiter der Notfallseelsorge und Krisenintervention Odenwaldkreis. „Sie verlieren ihre ureigenste Identität, sind nur noch Fälle“, ergänzt er.

„Wir sind nicht da, um eine Maßnahme einzuleiten, sondern den Menschen eine Chance zu geben, dem Notfall hinterherzukommen, das Geschehen zu synchronisieren“, erklärt der Pfarrer. Sie hülfen ihnen zu verstehen, dass sie nicht in dieser Situation verharren müssten, dass es ein Vorher gab und auch ein Nachher geben wird.

Nach schlimmen Ereignissen bricht der Boden unter den Füßen weg

NFS/Guido Schiek
Überzeugter Notfallhelfer: Heiko Ruff-Kapraun

Er und sein Team haben ihren Einsatz nach schweren Unfällen, nach Suizid oder anderen Unglücken, im häuslichen Umfeld, im Straßenverkehr, auf den Bahnschienen, am Flughafen. Es sind meist Extremsituationen, wenn ein naher Angehöriger plötzlich stirbt, wenn nach schlimmen Ereignissen gleichsam der Boden unter den Füßen wegbricht. Wichtig ist es dann, nicht alleine zu sein, sondern jemanden zu haben, der einen ein Stück des Weges begleitet. „Wir bilden dann sozusagen eine Solidargemeinschaft, bieten Schutzräume mit Aussicht“, erklärt Ruff-Kapraun.

Not zu sehen und für Menschen da zu sein, wenn sie mit einem plötzlichen Todesfall konfrontiert werden: So beschreibt die Notfallseelsorge und Krisenintervention im Odenwaldkreis ihr zentrales Anliegen. Dieser Aufgabe stellen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie brauchen ein hohes Maß an Empathie und zugleich die nötige Distanz. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt Renate Speckhardt. Sie fahre nur so viele Einsätze mit, die sie auch mit-leiden kann, ergänzt sie.

Jeder Mensch verhalte sich nach einem lebensverändernden Ereignis anders. Wer eine Todesnachricht bekommt, reagiere manchmal wie taub, wirke wie versteinert, der Boden unter den Füßen scheine wegzubrechen. Verzweiflung breche sich Bahn.

Notfallseelsorge - was ist das?

Notfallseelsorge ist psychosoziale und seelsorgerliche Krisenintervention, die vor allem Kirche und Stiftungen leisten. Sie ist berät und stützt Opfer, Angehörige, Beteiligte und Helfer von Notfällen in einer akuten Krisensituation. Aber auch Hilfe nach häuslichen traumatischen Ereignissen gehört zum Einsatzspektrum - nach erfolgloser Reanimation, plötzlichem Kindstod und Suizid sowie als Begleitung der Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten. Die Notfallseelsorger:innen gehen direkt zum Ort des Geschehens. Die Alarmierung erfolgt meist über die Leitstellen der Rettungsdienste, Polizei oder Feuerwehr. Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele und somit Grundbestandteil des kirchlichen Seelsorgeauftrags.

„An einem schönen Sommertag wurde ich zu einem Kindstod gerufen“, erinnert sich Ruff-Kapraun. Die Mutter habe draußen auf dem Boden gesessen, sie sei regelrecht aus der Wohnung geflüchtet. Er habe sich danebengehockt. In solchen Situationen sei es heilsam, jemanden zu haben, der die Sprachlosigkeit mit aushält.

Der Satz „Ich weiß, wie es Ihnen jetzt geht“, ginge gar nicht, sagt der Pfarrer. Was aber geht: „Ich bete für Sie“. Noch nie habe jemand zu ihm gesagt: „Lassen Sie das!“ Auch Renate Speckhardt spricht oft Gebete, erteilt einen Segen, widmet sich mit großer Empathie dem Ritual der häuslichen Verabschiedung. „Das bietet großen Trost in tiefem Leid“, weiß sie.

Das Angebot ist vom Verständnis der christlichen Nächstenliebe getragen, richtet sich aber ausnahmslos an alle Menschen. Das Team arbeitet ökumenisch und steht im interkulturellen Gespräch. „Wer unsere Hilfe anfordert, erhält sie – und das zu jeder Zeit, an allen Tagen im Jahr, rund um die Uhr“, so der Leiter.

Sie seien außerdem so eine Art Betriebsseelsorge. „Unser Team ist auch für die Einsatzkräfte in Rettungsdienst und Feuerwehr nach belastenden Erfahrungen da. Für diese Nachsorge sind einzelne Teammitglieder speziell ausgebildet und abrufbar“, erklärt Ruff-Kapraun.

Die Pfarrerin Ulrike Johanns habe ihm einst einen Aphorismus mit auf den Weg gegeben: „Leg' ein Ohr auf die Erde – dann ist das andere für den Himmel offen“. Sie sei Seelsorgerin im Frankfurter Rotkreuz-Krankenhaus gewesen, wo er vor langer Zeit ein Praktikum gemacht habe. Die Notfallseelsorge sei mit den Kenntnissen aus der Krankenhausseelsorge heraus gegründet worden.

So alt sei das Arbeitsgebiet Seelsorge in Notfällen noch gar nicht. 1993 habe Andreas Mann einen Verein gegründet für Menschen in seelischem Ausnahmezustand, berichtet Ruff-Kapraun. Mann, heute Beauftragter für Notfallseelsorge in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, habe diesen Verein damals nicht in die Landeskirche eingliedern können. Es habe noch keine Struktur dafür gegeben. Die sei erst um die Jahrtausendwende gekommen.

Was machen Notfallseelsorger:inenn?

Schwerpunkte der Notfallseelsorge sind Ansprache und Beistand, einfaches Da-Sein und die Aufmerksamkeit für die Angehörigen beziehungsweise mitbetroffenen Personen, auch der Einsatzkräfte. Auch die Aktivierung des sozialen Umfeldes gehört dazu und das Angebot religiöser Betreuung. Dazu gehört auch die Gestaltung von Ritualen wie zum Beispiel Aussegnungen. Sie arbeitet grundsätzlich ökumenisch.

Ruff Kapraun erinnert sich an den Brand eines Rinderhofes in Taunusstein/Wehen bei Wiesbaden, Dort war er von 1990 bis 1998 Gemeindepfarrer. „Die Feuerwehr fuhr hin, ich traute mich nicht. Ich wusste nicht, was meine Rolle dabei sein sollte.“ Die Einsatzmontur mit Jacken und Helmen habe ihn erschreckt. Mit dem verheerenden Bahnunglück in Eschede 1998 und 101 Toten habe sich in den Kirchen etwas geändert. Nun wurden Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer gesucht, die Todesnachrichten überbringen. Heute gehört das zu den alltäglichen Aufgaben eines Notfallseelsorge-Teams.

Wenn Polizeibeamte die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbringen, melden sie sich zuerst bei uns. Wir gehen dann mit“, erklärt Renate Speckhardt. In Fernsehkrimis sei das meist falsch dargestellt. „Ich habe erst einmal einen Krimi gesehen, in dem es realistisch abgebildet war“, bekräftigt Ruff-Kapraun.

Fundus/Dirk Ostermeier
Die Polizeibeamten überbringen eine schlechte Nachricht - die Notfallseelsorgerin ist dabei.

Seit zehn Jahren gibt es klare und verbindliche Standards

Nach Eschede bekam die Notfallseelsorge eine Organisationsstruktur. Seit 2012 gibt es zudem klare und verbindliche Standards. Barmherzigkeit, gelebte Empathie und eine Geh-Struktur sind wesentliche inhaltliche Bestandteile. Die Einrichtung im Odenwaldkreis leistet seit mehr als zwei Jahrzehnten "Erste Hilfe für die Seele". Das Deutsche Rote Kreuz Odenwaldkreis und das Evangelische Dekanat Odenwald tragen die Notfallseelsorge gemeinsam; finanzielle Unterstützung leistet ein Förderverein.

Wenn die Kirche diesen Dienst streicht, bleibt der Mensch im seelischen Leid allein

Dienst an und für den Menschen im Notfall mit anderen zusammen ist die Zukunft“, ist Heiko Ruff Kapraun sicher. Die Beschäftigten der Rettungsdienste leiten medizinische Maßnahmen ein. Seelsorgerinnen und Seelsorger kümmern sich um die Seele. „Klage, Wehruf, Bitte – schon allein, es auszusprechen, lässt eine Antwort zu“, sagt der Pfarrer. Das aber sei den Mitarbeitenden der Rettungsdienste zu nah, dafür seien sie auch nicht da. „Wir brauchen uns eben gegenseitig“, findet er. Wenn die Kirche diesen Dienst nicht mehr übernimmt, dann fällt ein emotional entscheidender Faktor im Notfall einfach weg – im seelischen Leid bleibt der Mensch allein. Die Folgen dürften sich irgendwann im medizinischen Bereich wiederfinden.