Gesellschaft

Wir alle wollen leben: Wie sich Roni Kedar für den Frieden stark macht

Roni lebt im Kibbuz in der Nähe von Gaza
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Gewalt führt zu noch mehr Gewalt. Aus diesem Wissen heraus engagiert sich Roni Kedar für die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern.

Wir müssen aufhören zu hassen“, sagt Roni Kedar. Sie sitzt in ihrem Garten, umgeben von Palmen und Obstbäumen. Den Hass begraben. Ein Satz, der aus ihrem Mund gesprochen so selbstverständlich klingt – als sei es ein leichtes. 

Wenige Meter entfernt spazieren am 7. Oktober 2023 Hamas-Terroristen entlang, machen Jagd auf Menschen. 18 Menschen kommen an diesem Tag im Kibbuz Netiv HaAsara direkt hinter dem Gazastreifen ums Leben.

Im Schrank vor der Hamas versteckt

Haus im Kibbuz Netiv HaAsara
Florian Riesterer
In diesem Haus lebte bis zum 7. Oktober Roni Kedars Tochter mit ihrer Familie.

Unter den Überlebenden sind zwei Kinder Ronis und Enkel. Roni Kedars Tochter versteckt sich in einem Schrank zusammen mit ihrer Tochter. Auch ein Sohn Ronis überlebt diesen Tag im Kibbuz, genauso wie dessen Sohn. „Stark traumatisiert“, sagt Roni Kedar. 

Anders als zwei ihrer Kinder ist sie nicht weggezogen, sondern bleibt mit ihrem Mann in der Siedlung. „Ich habe kein gutes Wort für die Hamas übrig“, sagt Roni Kedar. Sie verlor am 7. Oktober eine enge Freundin. „Aber ich unterscheide ganz klar zwischen ihnen und der Mehrheit der Palästinenser. Und das tun sehr viele Israelis nicht.“

Roni_Kedar
Florian Riesterer

Friedliches Nebeneinander bei Gaza

Roni Kedars Leben ist verbunden mit dem Konflikt zwischen Israel und Palästina wie so viele andere Leben in der Region. 1973 noch liegt ihr Kibbuz im nördlichen Sinai in einer Art Pufferzone zwischen Ägypten und dem Gazastreifen, Folge des Sechs-Tage-Kriegs von 1967.

Rafah, wo Roni Kedar Fahrstunden nimmt, ist die nächstgrößere Stadt. Ihren Führerschein bekommt sie im Gazastreifen. Ein friedliches Nebeneinander von Palästinensern, Israelis und Beduinen, so schildert es Roni Kedar.

1979 schließen Israel und Ägypten Frieden. Im Austausch für Anerkennung und Sicherheit zieht sich Israel aus dem Sinai zurück. Die Kibbuzim müssen einen neuen Ort finden, die Heimat werden kann. Die finden sie 1982 nördlich des Gazastreifens. 66 Familien siedeln dort, vor dem 7. Oktober 2023 leben 300 Familien dort.

Heimat trotz Bomben

Die letzten 20 Jahre erleben die Kibbuzim immer wieder Bomben, Schüsse, erzählt Roni Kedar. Regelmäßig hört sie die Frage: „Warum tut ihr Euch das an, warum zieht ihr nicht weg?“ Für Roni Kedar ist das leicht zu beantworten: „Es ist meine Heimat. Und ich will nicht ein zweites Mal wegziehen.”

Und dann ist da noch etwas anderes: Das Wissen, dass es etlichen Palästinensern genauso geht. Und dass nur im Dialog ein Weg aus der Spirale der Gewalt führt.

„Welche Wahl haben wir?"

Wir leben alle hier und wir wollen leben. Wir wollen nicht sterben.

"Wenn wir also weitermachen wie bisher, wird es nicht heißen ,sie oder wir‘ sondern ‚weder sie noch wir‘“, sagt Roni Kedar.

Prägend sind fünf Jahre, die sie mit ihrem Mann in Ägypten verbringt, weil er dort arbeiten muss. Die jüdisch-israelische Geschichte sei ihr sehr vertraut gewesen aus ihrer Schulzeit, sagt sie. Über die palästinensische Seite der Geschichte habe sie dagegen kaum etwas gehört - bis dahin.

Mauer am nördlichen Gazastreifen
Florian Riesterer
Das Kibbuz Netiv HaAsara liegt direkt an der Grenze zum Gazastreifen.

Dialog stärker als Gewalt

Roni Kedar fängt an, sich mit der Geschichte dieses Streifens Land zu befassen, mit der Geschichte der Palästinenser. Jeder Autor sei zu anderen Ergebnissen gekommen. Am Ende schlägt sie die Bücher entnervt zu.

„Spielt das überhaupt eine Rolle? Ist es wichtig, ob ihre Geschichte 5000 Jahre oder 500 Jahre zurückreicht?

Heute gibt es ein palästinensisches Volk, ob es uns gefällt oder nicht. Und sie haben eine Verbindung zu diesem Stück Land.

„Wir können das also nicht ignorieren.“ Genauso wenig wie sie ihr Gefühl unterdrücken könne, hierherzugehören. „Das ist mein Zuhause.“

Zurück in Israel beginnt Roni Kedar, nach mehr Menschen zu suchen, die verstehen, dass Dialog stärker ist als Gewalt. Und sie findet Wege mit Palästinensern in Kontakt zu kommen. Freiwillige holen Patienten aus Gaza an der Grenze ab und bringen sie zu israelischen Krankenhäusern.

 

Roni Kedar in ihrem Garten
Florian Riesterer
Roni Kedar beim Gespräch in ihrem Garten.

Ein Klavier für den Gazastreifen

Für Roni Kedar eine Möglichkeit ins Gespräch zu kommen. Später geht es um Studienmöglichkeiten für Menschen aus Palästina. Einmal organisiert sie den Transport eines Klaviers in den Gazastreifen.

2007 wird sie Mitgründerin der NGO „Other Voice“, der es genau um dieses Perspektivwechsel geht. Roni bringt etwa eine Theatergruppe aus einer Schule in Israel mit einer Theatergruppe in Gaza zusammen.

„Jede Woche hatten sie eine gemeinsame Stunde über Zoom. Es hat wunderbar funktioniert. Ich war einmal dabei. Wenn die Bildschirme nicht da gewesen wären, hätten sie sich umarmt“, sagt Roni Kedar. Für sie ist ganz klar: Wer Kontakte knüpfen will, kann das – trotz Mauer und Stacheldraht.

Olivenbäume am Rand des Kibbuz Netiv HaAsara
Florian Riesterer
Für die 18 Toten im Kibbuz am 7. Oktober wurden Olivenbäume gepflanzt.

Ich sage immer: Es gibt so viel Gutes in der Welt, viel mehr als das Schlechte. Aber das Schlechte ist laut, und das Gute ist leise und bescheiden. Deshalb denkt man manchmal, es gäbe mehr Böses als Gutes. Aber das stimmt nicht.“

Roni Kedar führt ans Ende des Kibbuz, wo der Blick über die Sperranlagen und eine große Mauer in Richtung Gazastreifen geht. Von dort kamen die Terroristen mit ihren Paraglidern. „Path to peace“ steht auf großen Betonwänden am Ende der Straße neben einer Friedenstaube.

Regelmäßig fanden hier zum Internationalen Friedenstag am 21. September Veranstaltungen statt, teils simultan in Gaza. Am Fußweg, der zu dem Kunstprojekt verläuft, sind 18 Olivenbäume gepflanzt worden. Einen für jeden Kibbuz-Toten des Überfalls

Taube an einer Wand am Rand des Kibbuz Nativ HaAsara
Florian Riesterer
Friedenstaube an einer Mauer am Rand des Kibbuz Netiv HaAsara.

Das Herz nicht vergiften lassen

Roni Kedar weiß, dass sie mit ihrem Blick auf den Konflikt aneckt. Ihre Kinder verstünden nicht, wie sie nach dem 7. Oktober im Kibbuz weiterleben kann. Aber sie respektierten, was sie mache. Bei Diskussionsveranstaltungen muss sich Roni Kedar Vorhaltungen anhören. „Ich hoffe, sie bedauern, was sie getan haben“, schleudert ihr ein Mann entgegen mit Blick auf das Massaker.

Eine Frau habe sie gefragt: „Wie können Sie noch an diese Menschen denken – nach allem, was sie Ihnen und Ihrer Gemeinde angetan haben?“ Plötzlich habe diese innegehalten: „Ich glaube, ich verstehe jetzt. Sie lassen nicht zu, dass Hass Ihr Herz zerstört.“

Roni Kedar sitzt in ihrem Garten und erzählt
Florian Riesterer
Roni Kedar setzt Hoffnung in die junge Generation.

Genau darum geht es, sagt Roni Kedar. 

Ich will mich als Mensch nicht verlieren. Ich möchte die bleiben, die ich bin.

Zu dieser Person gehört auch das Zuhören.

„Manche sagen mir, es sei meine Schwäche, dass ich Menschen verstehe, die mir nicht zustimmen. Aber ich glaube, es ist meine Stärke. Die Leute hören mir zu – selbst wenn sie nicht einverstanden sind.“

Das Interview entstand bei einer Delegationsreise der Evangelischen Kirche der Pfalz nach Israel kurz vor Ausbruch des Irankriegs.

Einem Mann, der fordert, Gaza von der Landkarte zu tilgen, erklärt sie ruhig, warum sie das tut, was sie tut. „Ich stimme Ihnen nicht zu“, sagt er am Ende. „Politisch stehe ich auf der völlig anderen Seite. Aber Sie haben mir Stoff zum Nachdenken gegeben.“

Für Roni Kedar braucht es in solchen Momenten gar nicht mehr. Hoffnung macht ihr, dass sich inzwischen vermehrt jüngere Menschen für ihr Anliegen und das ihrer Mitstreiter einsetzen, auch wenn die Arbeit, wie sie zugibt, mühsamer werde.

„Ich habe fünf Kinder und 17 Enkelkinder. Deshalb werde ich nicht aufhören, solange ich kann – weil sie einen besseren Ort haben sollen.“