Pro & Con

Darf Kirche politisch handeln?

Pro und Contra: Volker Jung & Matthias Pankau
red

Glaube vs. Politik? Dürfen Geistiges und Weltliches vermengt werden? Vertreibt Kirche mit ihrer Politik gar ihre Mitglieder?

Kirche und Staat sind getrennt. Und doch, ruft Kirche zu Wahlen auf, beteiligt sich an den Kosten eines Rettungsschiffes im Mittelmeer und mischt sich immer wieder ein. Entfernt sie sich damit von ihrem Kerngeschäft, dem Glauben?

Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, betont, dass die biblische Botschaft geradezu ein Auftrag ist, sich gesellschaftlich einzumischen. Matthias Pankau, Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA, sieht die eigentliche Aufgabe der Kirchen dadurch in Gefahr. 

PRO: Kirche hat einen Auftrag

EKHN
Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Medienbischof der Evangelischen Kirche Deutschland.

Kirche hat das Evangelium, die Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen, in diese Welt hineinzutragen. Sie hat einen Auftrag.

Das Evangelium ist eine Botschaft für jede und jeden einzelnen. Dabei geht es darum, dass Menschen sich ganz persönlich mit ihrem Leben Gott anvertrauen – mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihrer Sehnsucht nach erfülltem Leben, ihrer Suche nach Orientierung und auch mit ihrem Versagen und ihrer Schuld und vielem mehr.

Das Evangelium ist aber ebenso eine Botschaft an diese Welt. Es ist die Botschaft, dass das Reich Gottes in dieser Welt begonnen hat – als eine Wirklichkeit, die Menschen dazu bewegt, nach Gerechtigkeit und Frieden zu streben. Jesus hat die Nähe des Reiches Gottes verkündigt und aus dieser Nähe heraus Menschen das Vertrauen in die Liebe Gottes zugesprochen.

Das Evangelium weiterzugeben bedeutet nun beides: in Wort und Tat weiterzugeben, was Gottes Liebe für jede und jeden Einzelnen und diese Welt bedeutet.

Beides greift dabei ineinander. Kirche, die aus dem Evangelium heraus lebt und so auf die verändernde und gestaltende Kraft von Gottes Liebe vertraut, ist Kirche in der Welt und sie nimmt daran Anteil, wie Menschen zusammenleben und ihr Zusammenleben organisieren.

Die Aufgabe der Politik ist es, ein gutes, gerechtes und friedliches Zusammenleben zu gestalten. Weil Kirche sich um Menschen sorgt, kann es ihr nicht egal sein, wenn es unrecht und ungerecht zugeht, wenn Gewalt herrscht, wenn Menschen ausgebeutet oder diskriminiert werden, wenn Menschen auf der Flucht zu Tode kommen, wenn die Ressourcen dieser Welt hemmungslos verbraucht werden, wenn die einen auf Kosten der anderen leben.

Abgesehen davon, dass Menschen, die nichts tun, auch politisch handeln, ist Kirche um des Evangeliums willen geradezu verpflichtet, mit dem Blick des Evangeliums auf diese Welt zu schauen und das auch zu sagen.

Die Frage ist nun allerdings, wie ein politisches Engagement von Kirche aussehen kann. Ein Irrweg, den es leider in der Geschichte auch in unterschiedlichen Varianten gegeben hat, ist, dass Kirche selbst politische Macht anstrebt.

Diesen Weg hat Jesus mit den Worten zurückgewiesen, als er gesagt hat

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.

Das ist eine Warnung, als Kirche selbst nach politischer Macht zu streben. Aber: In einer Demokratie sind alle Bürgerinnen und Bürger gefordert, politische Verantwortung zu übernehmen. Deshalb ist es gut, wenn Menschen sich bewusst als Christinnen und Christen in der Politik engagieren.

Die Kirche selbst tut dabei gut daran, keine Parteipolitik zu machen.

Es geht vielmehr darum, vom Evangelium her Perspektiven in die politische Debatte und Entscheidungsfindung einzubringen. Vor allem aber geht es darum, für die einzutreten und die Sicht derer einzunehmen, die schwach sind, an den Rand gedrängt oder gar ausgeschlossen werden. Der Leitfaden ist das Evangelium, das allen Menschen gilt.

CONTRA: Weg zum Himmel weisen

privat
Matthias Pankau ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA und ehrenamtlicher Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Ich liebe meine Kirche. Aber wie es nun einmal ist in der Liebe, leidet man besonders, wenn sich die Geliebte sehenden Auges in Richtung Abgrund bewegt.

2019 kehrten den 20 Gliedkirchen der EKD 270.000 Mitglieder den Rücken. Zählt man die katholische Kirche dazu, waren es mehr als eine halbe Million – eine Stadt von der Größe Hannovers.

Nun kamen diese Zahlen nicht wie eine Naturgewalt über die Kirchen. Im Gegenteil: Die Kirchen tragen seit Jahren selbst zu dem anhaltenden Exodus bei, indem sie ihren Kernauftrag (Matthäus 28, 16–20) vernachlässigen und stattdessen beflissen im Bereich der Politik wildern. Neu ist dieses Phänomen nicht.

Bereits Martin Luther beklagte, dass das weltliche und das geistliche Reich ständig vermengt würden:

Denn der leidige Teufel hört nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen.

„Die weltlichen Herren wollen in des Teufels Namen immer Christum lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment soll führen. So wollen die falschen Pfaffen und Rottengeister, nicht in Gottes Namen, immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen.“

In ihren Verlautbarungen stellen die Kirchen häufig nicht Glaubensfragen in den Mittelpunkt, sondern vor allem politische Themen – angefangen vom Klimaschutz über Gendergerechtigkeit bis hin zur Seenotrettung. Ihre einseitige Haltung zur Flüchtlingspolitik etwa lässt seit Jahren viele Gläubige verzweifeln. Der Kauf eines eigenen Schiffes durch einen kirchlich unterstützten Verein dürfte für viele das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Aufgabe der Kirche ist es, das Evangelium zu predigen und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß zu reichen. Anstatt sich auf diesen geistlichen Auftrag zu konzentrieren, verzettelt sie sich weithin in rein diesseitigen Dingen. Dabei merkt sie offenbar gar nicht, dass sie damit Mitglieder verprellt. Sich für die Rettung der Artenvielfalt einzusetzen oder für eine gerechte Bezahlung – das können viele. Dafür braucht es die Kirche nicht.

Menschen den Weg zum Himmel zu weisen, kann hingegen nur die Kirche. Und genau das erwarten viele Menschen von ihr. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag von IDEA sind mehr als zwei Drittel der Deutschen (69 Prozent) der Meinung, dass sich die Kirchen politisch zurückhalten sollten. Nur 11 Prozent sind gegenteiliger Ansicht.

Die Kirche muss wieder Spezialist für die letzten Fragen werden, Experte für die Ewigkeit. Die Menschen brauchen Glaube, Hoffnung, Liebe – sie dürsten nach Trost und Zuspruch, nicht nach politischen Mahnungen. Anderenfalls hat die Kirche keine Zukunft. Denn wie schrieb der dänische Theologe Søren Kierkegaard (1813–1855): „Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird früh Witwe.“