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Warum Segen wichtig ist

Junge Erwachsene auf Radtour
Gettyimages/SolStock

„Geldsegen“, „Viel Glück und viel Segen“ oder „Meinen Segen hast du“. Diese Redewendungen sind in unserer Sprache geläufig. Aber wieso ist uns Segen eigentlich so wichtig?

Drei Freunde – 16, 17 Jahre alt – rüsten sich zu einer Fahrradtour. Die erste größere Fahrt ohne Eltern. Ihre Räder haben sie auf Vordermann gebracht. Es kann losgehen. Da ruft die Mutter des einen alle noch einmal ins Haus. Sie versammelt die drei im Wohnzimmer. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Die Mutter greift zu einem Gebetbuch und liest einen Reisesegen.

Den Jungs ist das ein bisschen peinlich. Und doch ist die Stimmung andächtig. Nur ein paar Minuten, dann schwingen sie sich auf die Räder. Zehn Tage später sind sie wieder da. Sie waren zwischendurch am Rand der Erschöpfung, haben Geld verloren und kleine Reibereien untereinander gemeistert. Vor allem aber sind sie glücklich und wohlbehalten zurück. Wäre es ohne den Segen der Mutter anders gewesen?

Segen heißt, von Gott angesehen werden

Mit dem Segen fängt diese Geschichte an und auch die Bibel fängt damit an. Gott schafft Tag und Nacht, Himmel und Erde, Pflanzen, Sterne und schließlich die Tiere. Ihnen gilt sein erster Segen: „Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch!“ (1. Mose 1,22). Die gleichen Segensworte gelten dann den Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild erschafft als Mann und Frau. Am Ende jeden Schöpfungstages heißt es: „Und Gott sah, dass es gut war.“

Segen im Gottesdienst

Am Ende vieler Gottesdienste wird der Aaronitische Segen gesprochen: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6,24-26)

Im Hebräischen bedeutet die Wortwurzel für „segnen“ ursprünglich „ansehen“. Von Gott kommt alles Leben. Es ist lebensentscheidend, von Gott angesehen zu sein. Gott sieht mich an mit allem, was zu mir gehört an Gutem und Bösem. Von Gottes Angesicht kommt Heil und Lebenskraft. Wer Gottes Segen empfängt, hält die Seele in die Sonne. Verbirgt Gott sein Angesicht, dann ist ein Mensch allen feindlichen Mächten schutzlos ausgesetzt, ja dem Tod preisgegeben.

Harte Kämpfe um Segen in der Bibel

Segen ist in der Bibel nicht leicht zu haben. Er wird oft hart erkämpft. Ein Beispiel dafür ist Jakob. Er betrügt seinen älteren Zwillingsbruder Esau um das Erstgeburtsrecht und ergaunert sich den Segen des Vaters. Dafür muss er fliehen und verbringt Jahrzehnte in der Fremde. Begütert und mit großer Familie gesegnet kehrt er in die Heimat zurück. Vor der Begegnung mit seinem Bruder ist ihm angst und bang. Nicht ohne Grund, denn Esau zieht ihm mit 400 Mann entgegen. Jakob schickt reiche Geschenke zur Wiedergutmachung voraus.

Kleine Wissenskunde

1909 prägte Arnold van Gennep den Begriff der „rites de passage“, der Übergangsriten, die alle bedeutenden kritischen Schwellen des Lebens begleiten.

Segensbedürftig sind wir vor allem an den Übergängen des Lebens, so wie Jakob an der Furt. Zu jedem Übergang im Leben gehören Trennung, Zwischenstadium und dann der Aufnahmeritus, wenn eine Veränderung erfolgreich vollzogen ist. Besonders wichtig ist das Zwischenstadium. Das Bisherige ist vorbei. Aber das Neue hat noch nicht angefangen.

Gerade in Zeiten der Unsicherheit ist für viele Menschen Segen lebensnotwendig. Die Dramatik der Übergänge ist nicht immer so konzentriert wie in der biblischen Erzählung. Sie ist mal mehr, mal weniger spürbar in unseren Lebenspassagen: Ein Kind wird ein junger Mensch, der für sich selbst einsteht. Den Übergang begleitet der Segen zur Konfirmation. Zwei Menschen lieben sich und heiraten. Sie begründen ihre eigene Geschichte und wollen dafür Gottes Segen. Ein geliebter Mensch ist gestorben. Mit dem Segen bei der Trauerfeier lassen die Trauernden ihn ziehen und erfahren Zuspruch.