Kultur

Marktkirche Wiesbaden: Der Mann hinter dem Glockenspiel

Carillon in Wiesbaden
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Unten bleiben Menschen stehen und filmen, oben bewegt Thomas 50 Glocken. Seit 20 Jahren spielt er das Carillon der Wiesbadener Marktkirche.

von Isabella Terán

280 Stufen. So viele muss Thomas Jörg Frank zu seinem Arbeitsplatz hinaufsteigen. Das ist das Glockenspiel der Marktkirche in Wiesbaden. Oben angekommen, wird es eng: In dem kleinen Raum hoch über der Stadt hat er gerade genug Platz, um sein Instrument zu spielen.

Er setzt sich auf die Bank und beginnt zu spielen. Dafür braucht er nicht nur seine Hände, sondern auch seine Füße. Mit kräftigen Schlägen seiner Fäuste auf die Tasten bringt er Glocken zum Klingen. Gleichzeitig treten seine Füße auf die Pedale unter dem Instrument. 

50 Glocken mit Fäusten und Füßen: So geht Carillon

Blick auf die „Tasten“ des Carillons und Thomas' fliegende Fäuste.
Charlotte Mattes

Sein ganzer Körper bewegt sich beim Spielen.  Thomas ist Carilloneur und macht Musik, die weit über den Marktplatz zu hören ist. „Es ist ein Gefühl von Erhabenheit. Einfach wunderschön“, sagt er.

50 Glocken bringt Thomas zum Klingen. Über Drahtverbindungen sind die Klöppel mit den Tasten des Carillons verbunden. Drückt er eine Taste, schlägt der entsprechende Klöppel gegen die Glocke – und ein Ton erklingt. 

Das fordert Kraft. „Es ist so wie Sport“, sagt er. Wie anstrengend das Spielen ist, merke er vor allem danach: Je länger er spiele, desto deutlicher spüre er die körperliche Anstrengung.  

Jeden Samstag steigt er die Stufen hinauf und spielt eine halbe Stunde lang live. Der Klöppel der größten Glocke wiege rund 100 Kilogramm. „Das ist schwieriger, als eine Orgeltaste zu drücken“, betont er.

Seit 20 Jahren sitzt der 54-jährige Kantor oben im Turm am Glockenspiel. „Höhenangst sollte man natürlich nicht haben“, sagt er. 

Thomas Jörn Frank spielt das Wiesbadener Carillon.
Charlotte Mattes

Die Marktkirche ist etwa 90 Meter hoch. Dem Himmel fühle er sich hier ein Stück näher. „Es ist der schönste Blick, den man auf Wiesbaden haben kann“. 

Links von der Kirche liegt das Rathaus, direkt vor ihm der Hessische Landtag. „Das war immer ein kleiner Scherz, dass ich die höchste Position in Wiesbaden habe“, sagt er. 

Aussicht über Wiesbaden mit den Türmen der Marktkirche
Charlotte Mattes

Warum Glockenspielen für Thomas erhaltenswerte Tradition ist

Seine Begeisterung für Kirchenmusik beginnt bereits in seiner Kindheit. Als er zum ersten Mal eine Orgel in einer Kirche entdeckt, ist er beeindruckt. Er möchte selbst darauf spielen.  Zunächst muss er dafür Klavier spielen lernen. Mit 12 Jahren bringt er sich selbst bei, Orgel zu spielen. 

Blick über Wiesbaden - im Vordergrund der lachende Carillon-Spieler Thomas Jörg Frank
Charlotte Mattes

Mit 14 Jahren entdeckt er das Carillon für sich. „Ich bin mit dem Instrument groß geworden“, sagt er. Ein Jahr später sitzt er zum ersten Mal oben im Turm. „Für jemanden, der so jung war wie ich, war das ein tolles Ereignis und aufregend“, sagt er.

Das Carillon: Nur wenige können es spielen

Heute gibt Thomas seine Begeisterung für das seltene Instrument weiter. In Deutschland gibt es rund 50 Carillons und etwa 60 Carilloneure. Thomas bildet deshalb selbst Schülerinnen und Schüler aus. Manche von ihnen reisen dafür aus anderen Städten nach Wiesbaden. „Die Übungsmöglichkeiten sind halt reduziert“, sagt er.

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So möchte er die Tradition erhalten. „Ich merke, dass wir mit dem Instrument viele Menschen erreichen“, sagt er. Das zeigen ihm auch die Reaktionen der Menschen: „Sie sagen: Es ist unsere Marktkirche, es ist unser Glockenspiel. Egal, was klingt. Es ist gut, dass ihr so etwas macht.“

Für Thomas gehören die 280 Stufen inzwischen zum Alltag. Während er oben im Turm die Tasten bewegt, erklingt seine Musik über die ganze Stadt. Unten gehen Menschen vorbei, bleiben stehen, machen Videos oder hören einfach zu. „Für mich bedeutet das Heimat. Die Musik hat etwas Beruhigendes und Spirituelles. Es ist einfach toll“, sagt eine Passantin.

Das macht für Thomas seinen Beruf besonders: „Man sieht die Reichweite. Man sieht: Du wirst gehört. Das treibt mich an und motiviert mich“, sagt er.