Ein Morgen in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim in Baden-Württemberg. Rund 500 Männer sind hier eingesperrt. Stefan, der eigentlich anders heißt, setzt sich nervös in einen kargen Besprechungsraum. Die Tür hat keine Klinke. Vor ihm stehen ein Mikrofon und ein kleines Mischpult.
Gegenüber sitzen zwei Studentinnen des Instituts für angewandte Kindermedienforschung (Ifak) der Hochschule der Medien in Stuttgart. Sie nehmen Stefan auf, während er zwei Kinderbücher für seinen zweijährigen Sohn liest.
„Papa liest für mich“ heißt das Projekt, das heute zum dritten Mal stattfindet. Es gibt Vätern wie Stefan die Chance, ihren Kindern eine Geschichte vorzulesen – zumindest auf einer Aufnahme.
Stefan sitzt seit knapp einem Jahr in Heimsheim. Der Grund: Insolvenzverschleppung und Betrug. Der Landmaschinenmeister erkannte zu spät, dass seine Firma in die Pleite rutschte.
Seinen kleinen Sohn sieht der 43-Jährige nur dreimal im Monat. Abends vorlesen? Unmöglich. Deshalb macht Stefan mit.
Das ist etwas ganz Besonderes für mich!
Stefan (Häftling) über das Projekt „Papa liest für mich“
Elf Häftlinge lesen an diesem Morgen Geschichten für ihre Kinder. Manche sitzen lebenslänglich, andere, wie Stefan, nur für kurze Zeit. Doch alle wollen ihren Kindern durch das Projekt nahe sein.
Alma ist eine der Studentinnen, die das Projekt betreuen. Nach den Aufnahmen sitzt die 22-Jährige bewegt am Tisch. „Es war krass, diesen Einblick zu bekommen!“ Auch ihre Kommilitonin Amelie fand die Begegnungen emotional. „Nach dem zweiten Vater brauchte ich eine Pause.“
Für Alma ist das mehr als ein Studienprojekt. „Es ist schön, den Vätern und ihren Familien die Möglichkeit zu geben, etwas für ihre Kinder zu tun.“
Die Atmosphäre bei den Aufnahmen ist geprägt von freundlicher Professionalität. Es werden letzte Anweisungen gegeben, das Mikrofon ausgerichtet, der Lautstärkepegel eingestellt. Viele Häftlinge haben das bekannte Kinderbuch „Der Grüffelo“ ausgewählt. Auch die Abenteuer des kleinen Siebenschläfers sind beliebt. Sozialarbeiterin Fränze Lindner hat die Bücher extra in der Stadtbibliothek Heimsheim ausgeliehen.
„Grundsätzlich darf jeder mitmachen“, erklärt Lindner. „Aber wenn das Sorgerecht ungeklärt ist oder Streit zwischen den Eltern herrscht, wird es schwierig.“
Stefan schlägt die erste Seite des Kinderbuchs auf. Er hat sich für eine Geschichte vom kleinen Siebenschläfer entschieden. Außerdem liest er „Bagger Ben“. „Mein Sohn ist verrückt nach großen Maschinen. Wahrscheinlich hat er das von mir“, sagt Stefan und schmunzelt.
Ein anderer Häftling bringt seine Gitarre mit. Zwischen den Geschichten spielt er kleine Musikstücke für seine Kinder. Viele Väter nutzen die Gelegenheit, ihren Kindern persönliche Grüße oder ermutigende Worte mitzugeben.
Alma und die anderen Studentinnen schneiden die Aufnahmen und schicken sie über die JVA an die Familien. „Wir bereiten sie so auf, dass die Kinder sie gut anhören können.“ Für die Kleinen schaffen die vertrauten Stimmen einen Moment der Nähe.
Wir haben bisher tolle Erfahrungen gemacht
Fränze Lindner von der JVA
„Es ist schön, dass die Väter den Mut aufbringen, ihre Komfortzone zu verlassen und das zu tun, was sie zuhause oft nicht gemacht haben: vorlesen.“ Lindner ergänzt: „Wir bekommen immer wieder schöne Rückmeldungen von den Müttern. Es ist wichtig, dass Kinder trotz der Haft Kontakt zu ihren Vätern haben – sei es nur durch eine Audiodatei.“
Nach etwa zehn Minuten ist Stefan fertig. „Ich war sehr aufgeregt, weil ich es perfekt machen wollte“, sagt er. Dann wird er emotional: „Ich musste mit den Tränen kämpfen. Wenn man ein kleines Kind hat, für das man nicht da sein kann – das ist schwer. Zuhause würde man ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss geben oder es in den Arm nehmen. Das fehlt!“