EVIM

Inklusion als gelebter Alltag: Kita und Wohnraum Tür an Tür

Lotte im Interview mit Vera im Gemeinschaftsraum. Lotte hält ein FFH-Mikrofon.
Vivian Mayr
Vera wohnt auf dem Schlockerhof.

Auf dem Schlockerhof teilen sich Kinder und Menschen mit Behinderung ein Gebäude. Ziel ist es, dass Begegnungen ganz selbstverständlich im Alltag entstehen.

von Vivian Mayr

Was passiert, wenn Kinder und Menschen mit Behinderung ihren Alltag gemeinsam verbringen? Auf dem Schlockerhof in Hattersheim wird genau das seit Anfang Mai gelebt.

„Dann hat die Kleine gewunken, ich habe zurückgewunken“, erzählt Gernot. Er wohnt im Wohnheim, das Mädchen geht dort in die Kita.

Ein Dach für alle: So wächst Inklusion im Alltag

Seit Anfang Mai teilen sich die Kindertagesstätte und das Wohnangebot für Menschen mit Behinderung erstmals ein gemeinsames Gebäude auf dem Schlockerhof. Neu sind dabei weder die Kita noch das Wohnangebot. Die Kinder waren zuvor in einem Container auf dem Gelände untergebracht, die Bewohner*innen lebten in einem älteren Gebäude.

Schlockerhof in Wiesbaden

Der rund 13 Millionen Euro teure Neubau wurde innerhalb von zwei Jahren errichtet. Heute teilen sich dort bis zu 120 Kinder und rund 30 Menschen mit Behinderung ihren Alltag unter einem Dach.

Mit dem Neubau sind nun beide Einrichtungen unter einem Dach vereint. Nach Angaben des Evangelischen Vereins für Innere Mission (EVIM) soll das gemeinsame Gebäude Begegnungen im Alltag erleichtern.

Diese sollen dabei nicht nur bei gemeinsamen Angeboten entstehen, sondern auch auf den Fluren, im Garten oder auf dem Außengelände.

Ein Junge und ein Mädchen lächeln im Bewegungsraum, der Kita in die Kamera.
Vivian Mayr
Die Kinder können sich draußen und drinnen austoben.

Begegnung statt Berührungsängste

Kinder haben keine Vorurteile“, sagt Kitaleiter Jeremias Köhler. Nach seiner Erfahrung gehen Kinder offen auf andere Menschen zu und stellen Fragen ganz selbstverständlich. Genau diese Offenheit möchte die Kita aufgreifen und begleiten.

Auch Nils Bayer, Leiter des EVIM-Wohnverbunds, sieht genau darin den Kern des Projekts. Wie sich das Zusammenleben entwickelt, werde sich erst mit der Zeit zeigen. Gerade deshalb seien die Erfahrungen im Alltag besonders wichtig.

Bewohner Gernot erlebt diese Begegnungen bereits selbst. Für ihn zeigen kleine Momente wie das Winken mit dem Mädchen, dass ein gemeinsames Miteinander bereits begonnen hat.

Gernot zeigt ein orangefarbenes Modellauto. Im Regal hinter ihm stehen weitere Modellautos und Fotos.
Vivian Mayr
Gernot zeigt uns sein Apartment im Wohnheim.

Gemeinsam wachsen

Noch steht das gemeinsame Leben am Schlockerhof am Anfang. Wie der gemeinsame Alltag künftig aussehen könnte, zeigt eine Idee von Nils Bayer. Er kann sich ein Hühnerprojekt vorstellen, bei dem Kinder und Bewohner*innen sich gemeinsam um die Tiere kümmern

Auch im Haus muss sich vieles erst noch einspielen. Ein gemeinsamer Chor bringt Kinder und Bewohner*innen bereits regelmäßig zusammen. Das Angebot entstand bereits im vergangenen Advent. An den Chorproben nehmen im wechselnden Rhythmus jeweils zehn bis zwölf Kinder gemeinsam mit den Bewohner*innen teil. Auch ein Herbstfest oder ein Weihnachtsmarkt sind geplant. 

Offen aufeinander zugehen

Was die Kinder von den Bewohner*innen wissen möchten? „Wie sie heißen“, antworten zwei Kindergartenkinder ganz selbstverständlich. Von Berührungsängsten keine Spur. Sie begegnen den Bewohnerinnen offen und stellen Fragen, wenn sie etwas nicht verstehen.

Gruppenfoto der 5 Personen in einem Wohn- und Essbereich.
Vivian Mayr
Die Bewohner (von links) Vera, Charlotte, Michelle, André und Gernot sprechen über das neue Haus.

Auch auf der anderen Seite wächst die Vorfreude. Einige Bewohner*innen erzählen, dass sie anfangs Sorgen hatten, die Kita könnte zu laut werden. Diese Befürchtungen haben sich bislang nicht bestätigt.

Die lachen einen an und sagen auch mal ‘Hallo’. Die freuen sich, wenn man zurückwinkt“, erzählt Bewohnerin Vera.

Andere wünschen sich, künftig noch mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Caroline kann sich beispielsweise ein gemeinsames Grillfest vorstellen. Michelle hofft auf gemeinsame Sommer- oder Weihnachtsfeste, bei denen sich alle besser kennenlernen können.

Ein ganz normales Miteinander

Die Begegnung zwischen Gernot und dem kleinen Mädchen dauert nur wenige Augenblicke. Für die Beteiligten steht sie beispielhaft für das Ziel des Projekts. Auf dem Schlockerhof soll ein gemeinsamer Alltag entstehen, in dem Begegnungen ganz selbstverständlich ihren Platz finden.

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Mit dem gemeinsamen Gebäude verfolgt EVIM einen Ansatz, der auch über den Schlockerhof hinaus interessant sein könnte. Während Inklusion häufig in Schulen oder am Arbeitsplatz diskutiert wird, setzt das Projekt bereits früher an. Kinder wachsen dort von Anfang an mit Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen auf. Das Ziel: Berührungsängste früh abbauen oder gar nicht erst entstehen lassen.

Ob dieses Modell auch Vorbild für andere Einrichtungen werden kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die ersten Begegnungen zwischen Kindern und Bewohner*innen zeigen jedoch schon jetzt, dass gemeinsames Miteinander nicht erst bei geplanten Angeboten beginnt, sondern im Alltag.