Hochwasser in Deutschland

Notfallseelsorge: „Die Lage erschüttert selbst erfahrene Kräfte“

Zerstörung nach Hochwasser in Schuld, Rheinland-Pfalz
epd/Frarnk_Schulze

Notfallseelsorger:innen kümmern sich um Betroffene der Hochwasserkatastrophe. Das Urvertrauen tausender Menschen sei erschüttert worden, sagen sie.

Hunderte Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger arbeiten aktuell in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, um den Betroffenen der Flutkatastrophe zu helfen. „Die Lage erschüttert selbst hartgesottene, ganz erfahrene Kräfte“, sagt die Landespfarrerin der rheinischen Kirche für Notfallseelsorge, Bianca van der Heyden.

Die Intensität und die geballte Masse der Ereignisse mit Tausenden von Betroffenen sei auch für die Notfallseelsorger:innen vor Ort eine Herausforderung. „Das ist Energie, mit der man auch als Seelsorger erstmal umgehen muss“, sagte die Pfarrerin und betonte die große Bedeutung der Nachsorge für Einsatzkräfte und Notfallseelsorger.

Enorme Hilfsbereitschaft der Bevölkerung

Van der Heyden koordiniert die Notfallseelsorge der rheinischen Landeskirche. So könnten etwa kleine Seelsorge-Teams wie im besonders schwer betroffenen Ahrweiler die aktuelle Krisensituation nicht alleine stemmen, erklärte die evangelische Theologin.

Spenden für die Opfer vom Hochwasser

Es ist eine der schwersten Unwetter-Katastrophen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Mindestens 160 Menschen sind bei den Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ums Leben gekommen. Auch Bayern und Sachsen sind betroffen.

Die Diakonie Katastrophen-Hilfe ruft zu spenden auf. 

Deshalb habe es sie sehr berührt, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und auch die Unterstützung aus anderen Landeskirchen so enorm sei. Für die Notfallseelsorge brauche es in solch extremen Fällen sehr gut ausgebildete Kräfte.

Betroffene der aktuellen Flutkatastrophe müssten zuerst einmal wieder ein Gefühl von Sicherheit bekommen, erklärte die Seelsorgerin. „Das Wichtigste ist, zu vermitteln: Jetzt bist du in Sicherheit.“ 

Durch die Katastrophe sei das Urvertrauen Tausender Menschen erschüttert worden, die in den Wassermassen ihr Hab und Gut, oder gar geliebte Menschen verloren haben. Zudem sei es wichtig, wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückzuerlangen und durch kleine Aktionen wieder aus der erlebten Machtlosigkeit herauszutreten.

Katastrophentourist:innen sind enorme Belastung

Auch Schaulustige und sogenannte Katastrophentourist:innen seien eine enorme Belastung, mahnte die Notfallseelsorgerin: „Das ist fürchterlich für Betroffene und Einsatzkräfte.“ Verschiedene Regionen wie der Kreis Erftstadt und die Städteregion Aachen hatten am Wochenende erklärt, dass Schaulustige die Arbeit von Einsatzkräften stören und dazu aufgerufen, die betroffenen Gebiete weitläufig zum umfahren.

Seelsorgerin rät zu weniger Fernsehkonsum

Unbedachte Interviews, etwa von Nachbarn, mit dramatischen Schilderungen der Ereignisse seien für Betroffene ebenfalls schwierig, erklärte van der Heyden. Solche Schilderungen in TV-Interviews enthielten oft extreme Details oder Überzeichnungen. „Das kann tiefe Emotionen wecken und Menschen wieder in die Situation versetzen“, erklärtedie Notfallseelsorgerin.

„Wir wollen den Menschen aber eigentlich helfen, sich von diesen schrecklichen Situationen vorerst zu distanzieren.“ Deshalb rate sie Betroffenen zu einem bedachten Fernsehkonsum. Sachliche Informationen über die weiteren Entwicklungen hingegen seien zum Verarbeiten der Ereignisse sehr wichtig.