Soziales

Obdachlose Frauen in Frankfurt: Hilfe ohne Anmeldung

3 Feldbetten in einem Raum der Notunterkunft
Alexander Thiele

Viele Frauen fürchten Gewalt auf der Straße. In Frankfurt finden sie bei „Lucia“ nachts Schutz. Warum Anonymität so wichtig ist und was das Team vor dem Winter beschäftigt.

von Alexander Thiele

Die Notunterkunft „Lucia“ bietet obdachlosen Frauen in Frankfurt 30 Schlafplätze in einer ehemaligen Kita. Zwischen 22 und 8 Uhr können sie hier ohne Anmeldung und ohne Angabe ihrer Personalien übernachten. 

Die Adresse bleibt geheim, das Personal ist ausschließlich weiblich. Die Unterkunft soll Frauen vor Kälte und Übergriffen schützen, doch der Winter könnte die vorhandenen Plätze an ihre Grenzen bringen.

Wenn Kälte für obdachlose Frauen zur Gefahr wird

Die kalte Jahreszeit bedeutet für viele Menschen Angst vor dem Temperatursturz. Für einige sind jedoch nicht die steigenden Heizkosten in der eigenen Wohnung der Grund, sondern die Frage, wo sie überhaupt bei Kälte unterkommen können. 

Obdachlos in Frankfurt

Laut der Frankfurter Diakonie leben circa 350 Personen in Frankfurt auf der Straße. 

Obdachlose Menschen sind dabei einer Vielzahl an Gefahren ausgesetzt: 

  • Kälte
  • mangelnde medizinische Versorgung
  • Gewalterfahrungen. 

Frauen sind besonders gefährdet. Sie sind zusätzlich häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Deswegen brauchen sie eigene Schutzräume. 

Was die Notunterkunft „Lucia“ Frauen bietet

Hier bekommst du Hilfe bei Gewalt

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unterstützt Frauen, die Gewalt erleben oder erlebt haben. Auch Angehörige und Menschen aus dem Umfeld können sich beraten lassen. Telefon: 116 016

Die Beratung ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar. Sie ist auch in mehreren Sprachen möglich. 

Online-Beratung: Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

In der Unterkunft finden Frauen nicht nur einen Platz zum Schlafen: Neben den aufgestellten Feld- und Stockbetten gibt es auf den zwei Etagen der ehemaligen Kita eine Dusche, Decken und Hygieneartikel für sie. Außerdem haben die Frauen hier die Möglichkeit, ihre Handys aufzuladen oder sich mit einem heißen Tee zu wärmen.

Die Unterkunft ist täglich zwischen 22 Uhr und 8 Uhr geöffnet. Die Lage der Unterkunft ist zum Schutz der Frauen bewusst nicht öffentlich einsehbar. Viele haben sexualisierte Gewalt durch Expartner oder andere Männer erlebt. Daher ist auch das Personal der Einrichtung durchgängig weiblich.

Portrait von Sophia Tepper vom Weser5 Diakoniezentrum
Alexander Thiele

Die Frauen können in der Unterkunft einige persönliche Gegenstände in Spinden unterbringen. 

„Die meisten Frauen bleiben mehrere Wochen bei uns“, sagt Sozialarbeiterin Sophia Tepper, während sie eine Lieferung Toilettenpapier entgegennimmt. „Manche bleiben aber auch nur wenige Nächte.“ 

Sophia Tepper gehört zum Koordinationsteam der Unterkunft. Umgesetzt wurde das Projekt vom Diakoniezentrum WESER5. Sophia berät zusätzlich Menschen in der Multinationalen Informations- und Anlaufstelle (MIA) für EU-Bürger in Frankfurt.

Zwischen Feldbetten und Spinden: So leben die Frauen

Leben aus dem Koffer - ohne Zuhause bleibt den Menschen nichts anderes übrig.
Alexander Thiele

Im zweiten Stock stehen Rucksäcke, kleine Trolleys und mehrere Kisten im Flur verteilt. Man merkt sofort, dass hier auf engem Raum miteinander ausgekommen werden muss. In den einzelnen Räumen stehen nichtbezogene Feldbetten und einige wenige Doppel-Hochbetten. Auf der Fensterbank neben einem der Betten liegt ein Glücksratgeber. „Der gehört einer der Frauen“, sagt Sophia Tepper und lächelt. Eigentlich gehörten Bücher in die Spinde.

Im ersten Stock des Gebäudes befinden sich ein kleiner Empfangs- und Küchenbereich sowie die Toiletten. In einem Nebenraum stehen weitere Betten. „Unser Angebot ist bewusst offen“, so Sophia Tepper. Jede obdachlose Frau könne hier unterkommen. Bedingungen gäbe es, bis auf die Hausregeln, dafür keine.

Warum obdachlose Frauen besonders gefährdet sind

Aktuelle Statistiken belegen, dass die meisten Obdachlosen in Deutschland männlich sind. Obdachlose Frauen sind eine besonders gefährdete Gruppe. Übergriffe gehören für sie zur harten Lebensrealität auf der Straße. Denn Frauen sind gegenüber Männern größtenteils physisch im Nachteil. 

Ein weiterer Grund dafür ist sexualisierte Gewalt: „Viele der Frauen haben auch Gewalt in einer Partnerschaft erlebt“, so Sophia Tepper. Nachdem sie aus einer toxischen Beziehung ausgebrochen sind, wüssten sie nicht, wohin sie sonst gehen könnten. 

„Der Großteil der Frauen in unserer Unterkunft ist zwischen 40 und 60“, erklärt Tepper. Einige seien sogar über 70, die älteste 82. Viele von ihnen hätten mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Wegschicken mussten wir bisher noch niemanden.

Sozialarbeiterin Sophia Tepper

Für einen solchen Fall stünde man jedoch in engem Kontakt mit den anderen Notunterkünften in Frankfurt, um die Personen schnell vermitteln zu können. 

Über den anstehenden Winter zeigt sich Tepper jedoch besorgt. „Noch reichen unsere Kapazitäten gerade so aus“, sagt sie. Mit den erwartbar sinkenden Temperaturen in nächster Zeit könnte jedoch auch die Nachfrage nach dem Notangebot steigen.

Viele der Frauen hätten eigentlich ein Anrecht auf staatliche Unterstützung, wie eine Sozialwohnung. Die bürokratischen Hürden dafür seien jedoch hoch: „Es ist illusorisch zu erwarten, dass Menschen mit psychischer Erkrankung Anträge ausfüllen.“ Daher bietet das Diakoniezentrum WESER5 auch eine soziale Beratungsstelle an, die obdachlose Menschen und Personen in prekären Lebenslagen unterstützt. Auch Sophia Tepper berät hier.

Ohne Anmeldung und Personalien: So hilft „Lucia“

„Lucia ist ganz bewusst ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt Sophia Tepper. Die geht an den provisorischen Betten entlang, die in den schlauchigen Räumen verteilt stehen. 

Jede Frau, die nicht weiß, wohin sie sonst gehen soll, kann hier ein Bett bekommen.

Man verlange keine Personalien. Nach Staatsbürgerschaften werde nicht gefragt. Auch eine vorherige Anmeldung sei nicht notwendig. Die meisten „Gäste“, wie Tepper die Frauen lächelnd nennt, würden telefonisch über die Sozialberatung von WESER5 an sie vermittelt.

Man lege bewusst Wert auf Anonymität. „Viele bleiben eher für sich“, erklärt sie. Das sei jedoch auch verständlich. Etliche der Frauen hätten Angst, Fremden zu vertrauen. 

„Sie legen viel Wert auf die Sicherheit ihrer Sachen. Viele sind auf der Straße bestohlen worden, teilweise auch von anderen Obdachlosen.“ Vereinzelt habe es in der Unterkunft Streit um persönliche Gegenstände gegeben. Insgesamt habe es aber noch nie größere Konflikte gegeben, trotz der vielen Menschen auf engem Raum. 

„Manchmal bilden sich hier auch kleinere Gruppen“, schildert Sophia Tepper das Zusammenleben. Etliche würden sich gegenseitig schon kennen. Schließlich hätten auch obdachlose Menschen ein gewisses soziales Netzwerk. Um auf der Straße überleben zu können, muss man offensichtlich ein bisschen zusammenhalten.

Warum ein Schlafplatz noch keine Wohnung ersetzt

Die Eröffnung der Unterkunft war eine direkte Reaktion auf die Schließung der Notunterkunft in der U-Bahn-Station „Eschenheimer Tor“ in Frankfurt. Bis Ende Juni 2026 hatten hier regelmäßig knapp 150 Personen auf provisorischen Schlafplätzen übernachten können. Nach der überraschenden Räumung aus Brandschutzgründen durch die Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF), hatte die Stadt zunächst in der Bockenheimer Anlage eine provisorische Zeltunterkunft für etwa 200 Personen eingerichtet. Diese wurde jedoch zwei Monate später ebenfalls abgebaut.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei evangelisch.de und wurde für indeon.de übernommen.