von Alexander Thiele
Die Notunterkunft „Lucia“ bietet obdachlosen Frauen in Frankfurt 30 Schlafplätze in einer ehemaligen Kita. Zwischen 22 und 8 Uhr können sie hier ohne Anmeldung und ohne Angabe ihrer Personalien übernachten.
Die Adresse bleibt geheim, das Personal ist ausschließlich weiblich. Die Unterkunft soll Frauen vor Kälte und Übergriffen schützen, doch der Winter könnte die vorhandenen Plätze an ihre Grenzen bringen.
Die kalte Jahreszeit bedeutet für viele Menschen Angst vor dem Temperatursturz. Für einige sind jedoch nicht die steigenden Heizkosten in der eigenen Wohnung der Grund, sondern die Frage, wo sie überhaupt bei Kälte unterkommen können.
Aktuelle Statistiken belegen, dass die meisten Obdachlosen in Deutschland männlich sind. Obdachlose Frauen sind eine besonders gefährdete Gruppe. Übergriffe gehören für sie zur harten Lebensrealität auf der Straße. Denn Frauen sind gegenüber Männern größtenteils physisch im Nachteil.
Ein weiterer Grund dafür ist sexualisierte Gewalt: „Viele der Frauen haben auch Gewalt in einer Partnerschaft erlebt“, so Sophia Tepper. Nachdem sie aus einer toxischen Beziehung ausgebrochen sind, wüssten sie nicht, wohin sie sonst gehen könnten.
„Der Großteil der Frauen in unserer Unterkunft ist zwischen 40 und 60“, erklärt Tepper. Einige seien sogar über 70, die älteste 82. Viele von ihnen hätten mit psychischen Problemen zu kämpfen.
Wegschicken mussten wir bisher noch niemanden.
Sozialarbeiterin Sophia Tepper
Für einen solchen Fall stünde man jedoch in engem Kontakt mit den anderen Notunterkünften in Frankfurt, um die Personen schnell vermitteln zu können.
Über den anstehenden Winter zeigt sich Tepper jedoch besorgt. „Noch reichen unsere Kapazitäten gerade so aus“, sagt sie. Mit den erwartbar sinkenden Temperaturen in nächster Zeit könnte jedoch auch die Nachfrage nach dem Notangebot steigen.
Viele der Frauen hätten eigentlich ein Anrecht auf staatliche Unterstützung, wie eine Sozialwohnung. Die bürokratischen Hürden dafür seien jedoch hoch: „Es ist illusorisch zu erwarten, dass Menschen mit psychischer Erkrankung Anträge ausfüllen.“ Daher bietet das Diakoniezentrum WESER5 auch eine soziale Beratungsstelle an, die obdachlose Menschen und Personen in prekären Lebenslagen unterstützt. Auch Sophia Tepper berät hier.
„Lucia ist ganz bewusst ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt Sophia Tepper. Die geht an den provisorischen Betten entlang, die in den schlauchigen Räumen verteilt stehen.
Jede Frau, die nicht weiß, wohin sie sonst gehen soll, kann hier ein Bett bekommen.
Man verlange keine Personalien. Nach Staatsbürgerschaften werde nicht gefragt. Auch eine vorherige Anmeldung sei nicht notwendig. Die meisten „Gäste“, wie Tepper die Frauen lächelnd nennt, würden telefonisch über die Sozialberatung von WESER5 an sie vermittelt.
Man lege bewusst Wert auf Anonymität. „Viele bleiben eher für sich“, erklärt sie. Das sei jedoch auch verständlich. Etliche der Frauen hätten Angst, Fremden zu vertrauen.
„Sie legen viel Wert auf die Sicherheit ihrer Sachen. Viele sind auf der Straße bestohlen worden, teilweise auch von anderen Obdachlosen.“ Vereinzelt habe es in der Unterkunft Streit um persönliche Gegenstände gegeben. Insgesamt habe es aber noch nie größere Konflikte gegeben, trotz der vielen Menschen auf engem Raum.
„Manchmal bilden sich hier auch kleinere Gruppen“, schildert Sophia Tepper das Zusammenleben. Etliche würden sich gegenseitig schon kennen. Schließlich hätten auch obdachlose Menschen ein gewisses soziales Netzwerk. Um auf der Straße überleben zu können, muss man offensichtlich ein bisschen zusammenhalten.
Die Eröffnung der Unterkunft war eine direkte Reaktion auf die Schließung der Notunterkunft in der U-Bahn-Station „Eschenheimer Tor“ in Frankfurt. Bis Ende Juni 2026 hatten hier regelmäßig knapp 150 Personen auf provisorischen Schlafplätzen übernachten können. Nach der überraschenden Räumung aus Brandschutzgründen durch die Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF), hatte die Stadt zunächst in der Bockenheimer Anlage eine provisorische Zeltunterkunft für etwa 200 Personen eingerichtet. Diese wurde jedoch zwei Monate später ebenfalls abgebaut.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei evangelisch.de und wurde für indeon.de übernommen.