Soziales

Familienherberge Lebensweg: Wie Karin Eckstein Eltern schwerkranker Kinder entlastet

Familienherbergsgründerin Karin Eckstein bei der Bambi-Preisverleihung
Jessica Kassner

In Illingen-Schützingen hat Karin Eckstein die Familienherberge Lebensweg gegründet. Dort finden Familien mit schwerkranken Kindern Pflege, Entlastung und Urlaub vom belastenden Alltag.

In Illingen-Schützingen, einem kleinen Dorf etwa 40 Kilometer westlich von Stuttgart, steht mitten im Grünen ein Haus mit roten Ziegeln und heller Holzverkleidung. Es wirkt ruhig. Unauffällig. Wie viele andere Häuser auch. Doch dieser Ort erzählt eine besondere Geschichte.

Was ist die Familienherberge Lebensweg?

Es ist das Elternhaus von Karin Eckstein. „Früher haben wir hier Feste, erste Schritte und Geburtstage gefeiert“, erzählt die 61-Jährige lächelnd. Heute befindet sich an diesem Ort eine Familienherberge namens „Lebensweg“. Diese ermöglicht den Eltern von schwerkranken und mehrfachbehinderten Kindern eine Auszeit vom Alltag. Die Herberge verbindet so die Pflege der Kinder mit der Atmosphäre eines Hotels. Während das Pflegeteam sich um die kranken Kinder kümmert, haben Eltern und Geschwister Zeit für Spaziergänge, Ausflüge oder einfach ein wenig Ruhe. Ein seltener Luxus für Familien, die sonst nur selten Zeit für sich finden.

200.000 solcher Kinder und Jugendlichen gibt es in Deutschland. Viele von ihnen benötigen eine 24-Stunden-Betreuung. Während ihrer Zeit als Kinderkrankenschwester in der ambulanten Pflege, hat Karin Eckstein viele Familien kennengelernt. Die meisten sind wegen der Rundum-Betreuung ihrer Kinder an der Grenze ihrer Belastbarkeit. An einen Fall erinnert sie sich besonders gut. 

Eltern von schwerkranken Kindern haben oft keine Zeit für Pausen

Auf Ermutigungsversuche sich eine Pause zu genehmigen oder einen Spaziergang zu machen, reagierte die Mutter ablehnend. „Ihre Antwort war meistens, dass sie dazu keine Zeit hätte. Zum einen, weil es so viel zu tun gibt, zum anderen, weil sie nicht weiß, wie viel Zeit ihr noch mit ihrem kranken Kind bleibt“.  

Situationen, die keine Einzelfälle sind. Fast alle Familien, die Karin Eckstein während ihrer Zeit im ambulanten Pflegedienst betreute, leben in einer dauerhaften Ausnahmesituation. „Geburtstagsfeiern werden abgesagt und Ausflüge in letzter Minute gestrichen, sobald sich der Zustand des kranken Kindes verschlechtert.“ Selbst für einfache Dinge wie Friseurbesuche, Konzerte oder einen romantischen Abend zu zweit fehlen häufig Energie oder Zeit. 

Es gibt in Deutschland nur wenige Angebote für Familien mit schwerkranken Kindern oder Kinder mit mehrfacher Behinderung. Bundesweit gibt es zum Beispiel Bärenfamilie-Wohngemeinschaften oder den Kupferhof in Hamburg, die „Lebensweg“ Familienherberge in Süddeutschland ist aber einzigartig in ihrer Kombination aus Pflege und Familienzeit.

Familienherberge Lebensweg

So können Eltern sich in der Familienherberge entspannen:

  • Klangtherapie
  • Wellnessmassage
  • Nordic-Walking-Wanderung
  • Trommelkurs
  • Austausch beim Elterntreff

Was die Familienherberge Lebensweg Eltern konkret bietet

Um diesen Familien zu helfen, entwickelte Karin Eckstein das Konzept der Familienherberge. Ihr Ziel: Eltern sollen einen entspannten Urlaub machen, während die kranken Kinder von geschultem Pflegepersonal versorgt werden. „Die Familien können bis zu zwei Wochen bei uns bleiben und während dieser Zeit an Töpferkursen, Massagen und verschiedenen Workshops teilnehmen“. Die meisten Eltern nutzen laut Eckstein die freie Zeit am liebsten für lange Gespräche mit ihren gesunden Kindern. Sie weiß: „Dafür ist im Alltag häufig wenig Zeit.“ 

Eine Pflegerin und ein Pfleger befinden sich im einem Jungen im Rollstuhl in einem Spielraum in der Familienherberge
Christian Metzler

Familienherberge: ein 3 Millionen-Euro-Wunder

Seit der Eröffnung im Mai 2018 waren fast 1200 Kinder (Stand Januar 2026) mit ihren Familien in der Herberge zu Gast. Ein Traum, für den die ehemalige Krankenschwester lange gekämpft hat. Über 10 Jahre sammelte sie Spendengelder. Rückblickend beschreibt Eckstein die Entstehung der Familienherberge als „ein echtes Wunder“. Mit einem breiten Grinsen erzählt sie: „Wir haben mit null Cent gestartet und ein drei Millionen teures Gebäude gebaut. Also wenn das kein Wunder ist, dann weiß ich auch nicht.“

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Kraft tanken bei Gott

Die Kraft, um diesen langen Weg zu gehen, findet Eckstein in ihrem Glauben. „Zu wissen, dass es einen Gott gibt, der mir zur Seite steht, trägt mich in stressigen und herausfordernden Phasen“, sagt sie. Aus diesem Grund ist ihr das regelmäßige Gebet sehr wichtig. „Am liebsten verbringe ich Zeit im Wald, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Dieses eingeschlossen sein, mit mir, mit Gott, umgeben von Ruhe, tut einfach unglaublich gut.“ Aber auch zu sehen, wie die Eltern sowie die gesunden Geschwisterkinder in der Familienherberge aufatmen, motiviert sie, um in anstrengenden Phasen weiterzumachen. 

Ein Bambi für die Krankenschwester

Für ihr Engagement wurde Karin Eckstein 2023 mit einem Bambi in der Kategorie „Stille Helden“ ausgezeichnet. Für sich allein, will sie das goldene Reh aber nicht. 

Mir ist der Bambi fast schon peinlich 

sagt Eckstein schmunzelnd. „Er gehört eigentlich den Eltern, die Tag und Nacht ihre kranken Kinder pflegen. Das sind für mich die wahren Alltagshelden.

Mehr Unterstützung von der Politik für Eltern und Kinder

Jährlich erkranken in Deutschland rund 22.000 weitere Kinder an unheilbaren Krankheiten – so viele Menschen, wie in einer mittelgroßen Stadt leben. „Darauf sind wir als Gesellschaft eigentlich nicht eingestellt“, sagt Eckstein. Ihrer Meinung nach braucht es eine bewusste Wahrnehmung der Familien, die täglich alles geben, um ihre Kinder zu pflegen. Für die Zukunft wünscht sie sich deshalb noch mehr Unterstützung von der Politik. „Die Familienherberge ist ein Anfang“, sagt sie. „Aber sie reicht lange nicht aus.“

Karin Ecksteins ganze Geschichte hört ihr im Podcast HOFFNUNGSMENSCH.