Soziales

Warum Spazieren bei der Trauer helfen kann

Zitat: „Ich trauere um meine 16-jährige Tochter.“
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Nach dem Tod ihrer Tochter sucht Juliane Halt. Bei einem Trauerspaziergang trifft sie Gleichgesinnte und findet neue Kraft.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Schilderungen von Tod, Unfall und intensiver Trauer. Bitte lies nur weiter, wenn du dich damit wohlfühlst.

Die Sonne strahlt über den Weinbergen von Groß-Umstadt. Aber der Anlass, warum sich eine Gruppe von über 20 Menschen dort trifft, wirft Schatten. Sie tragen etwas mit sich, das schwerer wiegt als jeder Rucksack. Sie sind zu einem Trauerspaziergang gekommen.

Nicht einfach: Gemeinschaft in der Trauer zulassen

Zu Beginn stellen sich alle kurz vor. „Ich bin Juliane und ich trauere um meine Tochter“, sagt eine Teilnehmerin mit leiser Stimme und schaut betreten auf ihre Hände. Juliane ist heute zum ersten Mal dabei. Für die 37-Jährige war es eine große Überwindung, hierher zu kommen

Julia sitzt auf einer Parkbank in den Weinbergen und blickt ernst in die Kamera
Teresa Kammerlander
Julia trauert um ihre Tochter

Sie hat schon häufiger von dem Ökumenischen Hospizverein Vorderer Odenwald gehört, der den Trauerspaziergang anbietet. Monatelang hat sie hin- und herüberlegt, ob sie sich an den Verein wenden soll. „Ich habe die Telefonnummer gewählt, dann wieder weggedrückt“, sagt sie. 

Trauer um die eigene Tochter

Julianes 16-jährige Tochter ist vor neun Monaten bei einem Autounfall verstorben. Sie war Beifahrerin und ist als einzige im Auto umgekommen. „Alle anderen hatten Glück, sie leider nicht“, sagt Juliane traurig und schluckt einen Kloß im Hals herunter. Die Worte fallen ihr sichtlich schwer. Aber es ist ihr auch wichtig, davon zu erzählen

Ein ähnliches Schicksal hat auch Julianes gute Freundin Astrid erlebt. Astrids Ehemann ist erst vor drei Wochen gestorben. Alles hat mit einem Nierenstein angefangen, es folgte eine schwere Blutvergiftung. Am Ende konnten ihm die Ärzt:innen nicht mehr helfen. „Ich bin auf der Suche, wie man die ganze Situation am besten angeht“, sagt die 53-Jährige. 

Finde Unterstützung in deiner Trauer

Wenn du einen Menschen verloren hast oder dich deine Trauer überfordert, kannst du dir Hilfe holen:

TelefonSeelsorge (kostenlos, anonym, 24/7): 📞 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123

krisenchat.de (per WhatsApp oder SMS, 24/7)

Viele Kirchen bieten Trauerbegleitungen an, wo findest du beispielsweise in der Übersicht der EKHN

 

Gemeinsam haben sich Juliane und Astrid getraut, an dem Trauerspaziergang teilzunehmen. „Die Trauer verbindet uns sehr“, erzählt Juliane. „Da habe ich gedacht: Heute ist der Tag, ich gehe mal hin.“

Gespräche unter Gleichgesinnten

Die Gruppe schlendert langsam durch die Felder. Ein kurzer Anstieg lässt manchen die Puste ausgehen. Aber es lohnt sich: Die Spaziergänger:innen werden mit einer schönen Aussicht über die Weinberge belohnt. In kleinen Grüppchen tauschen sie sich über ihre Geschichten aus

Gruppe von 7 Menschen, die einen Hügel hinabgehen
Teresa Kammerlander

„Es hat geholfen, zu hören, wie es den anderen geht“, berichtet Astrid danach. „Es fühlt ja jeder gleich oder zumindest ähnlich.“ So geht es auch Juliane: „Es ist egal, um wen man trauert. Diese Gemeinschaft, dieses Gefühl, nicht alleine zu sein, das tut einfach gut.“

Hospizverein

Der Ökumenische Hospizverein Vorderer Odenwald berät konfessionsübergreifend und kostenfrei. Hier findest du viele Informationen rund um Trauer und die Angebote des Vereins.

Auch an vielen anderen Orten gibt es solche Angebote. Frag doch mal bei deiner Kirchengemeinde nach oder schau ins Trauernetz.

Seit drei Jahren bietet der Ökumenische Hospizverein die Trauerspaziergänge an. Organisiert werden sie von einem kleinen Team rund um Heidi Naumann. Sie ist schon seit 30 Jahren im Verein und engagiert sich seit 20 Jahren ehrenamtlich als Trauerbegleiterin. 

Sie weiß, was die Spaziergänge bewirken können: „Es ist gut für die Leute, draußen in der Natur zu sein und sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten.“ Die Gespräche beim Gehen seien einfach offener als in anderen Kontexten. Dabei könnten die Leute freier sprechen, auch mal schweigend nebeneinander herlaufen oder die Gesprächspartner:innen wechseln.

Heidi Naumann begleitet Trauernde auch persönlich. Sie hat die Erfahrung gemacht: Es hilft ihnen, wenn sie sich untereinander austauschen können. „Es ist wichtig, dass sie in ihren Gefühlen angenommen werden.“ Man könne nicht einfach einen Schalter umdrehen und alles sei wieder in Ordnung. „Man braucht Geduld“, betont die 75-Jährige.

Trauerbegleiterin Heidi Naumann sitzt auf einem Stamm
Teresa Kammerlander
Trauerbegleiterin Heidi Naumann

Neben dem Trauerspaziergang hat der Hospizverein noch viele andere Angebote für Trauernde:

  • Trauergruppen, zum Beispiel für Kinder, für verwaiste Eltern oder auch Angehörige nach Suizid
  • Trauer-Lebens-Café
  • Trauerwandern, das länger geht als die Spaziergänge
  • Letzte-Hilfe-Kurse 

Teilnehmerin Gisela kennt und nutzt die Angebote des Hospizvereins schon seit drei Jahren. Damals starb ihr Ehemann nach langer Krankheit. „Ich war überhaupt nicht in der Lage, das Haus zu verlassen“, erinnert sie sich. 

Heidi Naumann kam zu ihr nach Hause und half Gisela aus dem seelischen Loch. Dafür ist sie unendlich dankbar: „Heidi hat mir den Weg zurück ins Leben geebnet!“ Gisela ging regelmäßig ins Trauercafé und nimmt inzwischen auch mit Begeisterung an den Trauerspaziergängen teil. „Das gibt mir immer viel Kraft. Ich fühle mich aufgehoben in dieser Gruppe“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Hier ist alles erlaubt: Weinen und Lachen

Immer mehr Menschen wenden sich wie Gisela in ihrer Trauer an den Hospizverein. „Früher sind die Leute allein gelassen worden“, meint Heidi. Aber in den letzten zehn Jahren habe sich das geändert. 

Die Trauer-Gruppe steht zusammen.
Teresa Kammerlander
Juliane erhält von Heidi einen Kraftstein.

„Ich finde das gut, dass sie nicht ewig in ihrer Trauer rumhängen und sie verschleppen.“ Heidi ist froh, dass das Projekt finanziell von den Kirchen getragen wird. „Es ist wichtig, dass es solche Trauerangebote gibt.“

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Auch Juliane und Astrid sind dankbar für den Trauerspaziergang. Sie haben es nicht bereut, heute hergekommen zu sein. „Ich würde wiederkommen“, sagt Astrid. 

Bei vielen Teilnehmenden sind Tränen geflossen. Aber Juliane freut sich, dass sie auch miteinander lachen konnten. „Man wird nicht verurteilt, wenn man mal lacht und das hilft mir. Es war wirklich sehr schön.“