Israel und Gaza

Was bedeutet der Nah-Ost-Konflikt für Friedensbringer vor Ort

Mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel
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Sind wir so weit entfernt von Frieden in Nah-Ost wie lange nicht mehr? Wir haben mit Menschen gesprochen, die sich vor Ort für Frieden einsetzen.

Seit Anfang Mai bekämpfen sich das israelische Militär und die palästinensische Hamas aufs Heftigste. In dem Nah-Ost-Konflikt verzeichnen beide Seiten Tote und Verletzte. Auslöser für die erneute Gewalteskalation waren unter anderem drohende Zwangsräumungen von palästinensischen Familien in Ostjerusalem seitens der israelischen Polizei (mehr dazu findest du unten im Video).

22 Menschen absolvieren derzeit einen Freiwilligendienst bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Israel. Mit zwei von ihnen habe ich gesprochen. Sie berichten, wie sie die Situation im Land wahrnehmen.

Merit arbeitet in Tel Aviv in einer Schule für körperlich- und geistig Behinderte in der Physiotherapie

Merit Althoff macht Friedensdienst in Israel
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Merit Althof ist 18 Jahre alt

Die Situation fühlt sich für mich derzeit sehr surreal an, es ist wie in einem Film. Die Atmosphäre ist anders als sonst, auf den Straßen ist weniger los. Dennoch ist mein Eindruck, dass die Menschen, die hier leben, sich irgendwie daran gewöhnt haben. Sie gehen sehr routiniert mit der angespannten Lage um – wenn der Alarm losgeht weiß jeder genau, was er zu tun hat.

Das ist auch bei uns in der WG so: Letzte Nacht hat uns ein Raketenalarm aus dem Schlaf gerissen. Wir haben zuerst geschaut, dass alle wach sind, dann gemeinsam die Wohnung verlassen und Schutz im Treppenhaus gesucht. Als wir wieder zurück nach oben wollten, weil es vorbei zu sein schien, kam auf einmal der nächste Knall. Das ist, als ob jemand mit deiner Psyche spielt.

Angst habe ich aktuell nicht. Ich fühle mich hier trotz allem sicher und die Organisatoren der ASF kümmern sich gut um uns. Aber meine Eltern machen sich Sorgen. Ich stehe im ständigen Kontakt mit ihnen und halte sie auf dem Laufenden. Ich hoffe vor allem, dass sich die Lage wieder beruhigt und bete für alle, die gerade großes Leid erfahren.

Hannah arbeitet in einer internationalen und interkulturellen Begegnungsstätte in Jerusalem

Hannah Wegscheider
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Hanna Wegscheider ist 19 Jahre alt

Die Lage ist paradox. Ich selbst spüre schon eine Anspannung, aber bei den Leuten, die hier leben, merke ich gleichzeitig wie sie versuchen, eine Normalität beizubehalten. Denn die Einheimischen hier haben solche Angriffe alle schon mal erlebt. Bei den Raketenangriffen auf Jerusalem mussten wir in einen Bunker flüchten – das ist bei uns die Küche, die im untersten Stockwerk liegt. Zuerst war ich geschockt und beunruhigt – aber der Alarm selbst dauerte nur zehn Minuten. Danach ging die Arbeit und das Leben wieder ganz normal weiter.

Angst habe ich hier derzeit keine. Mein Sicherheitsgefühl ist sehr hoch, das vermitteln mir auch alle in meinem Umfeld. Und dennoch bin ich in Gedanken immer bei den anderen und hoffe, dass es ihnen gut geht. Mit den anderen FSJlern spreche ich viel über die derzeitige Lage und auch mit meinen Eltern telefoniere ich lange. Denn natürlich frage ich mich selbst auch, wie es weitergeht. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass das alles einen friedvollen Ausgang findet und nicht noch schlimmer wird.

„Auf beiden Seiten sind mutige Menschen nötig“

Joachim Lenz ist Propst der evangelischen Gemeinde in Jerusalem. Er sagte dem Evangelischen Pressedienst: „Ich bin Pastor und ich bete, dass Gott weite Herzen und klare Gedanken schenkt, international und besonders hier im Heiligen Land.“ 

Nachdem das Leben in der Jerusalemer Altstadt nach den strengen Lockdowns gerade wieder zurückgekehrt war, sei auf den Straßen aktuell wieder kaum jemand unterwegs. Die Atmosphäre erlebt er als bedrückend. „Am letzten Montag habe ich erstmals in meinem Leben Luftschutzsirenen gehört, als Raketen auf Jerusalem flogen. Die Menschen hier machen sich große Sorgen.“

Auf eine schnelle Beruhigung des Konflikts, sagt Lenz, deute derzeit leider kaum etwas hin. „Die Gründe für die aktuellen Streitigkeiten liegen oft viele Jahrzehnte zurück. Beide Seiten müssen endlich wieder miteinander reden! Das klingt einfach, geschieht seit Jahren aber faktisch nicht mehr.“

Forderung: International entschieden an Lösung des Konflikts arbeiten

Auf beiden Seiten seien mutige Menschen nötig, die neue Ideen denken, Vertrauen schaffen und die nachfolgenden Generationen im Blick haben. Gegenseitige Schuldzuweisungen, wie sie derzeit Israelis wie auch Palästinenser vortragen, seien nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Zur Befriedung des Konflikts sieht er auch die internationale Staatengemeinschaft in der Pflicht: „Ohne Mitwirkung von außen wird sich zwischen den verfeindeten Seiten wohl nichts bewegen. Politische Ideen, Hilfen, Garantien, Visionen müssen her.“

MrWissen2go hat den aktuellen Konflikt hier in rund 11 Minuten erklärt. 🔽