Vorbilder

Crazy Horse: Vom Helden zum Buhmann

Rote Karte für Crazy Horse
indeon.de

Wenn Vorbilder aus ihrer Rolle fallen, wird es spannend. So hat es der Native American Crazy Horse erlebt.

Vier Tage und Nächte lang hatte der junge Native American Curly auf dem Felsen gesessen. Seinen Namen trug er wegen seiner Locken. Er hatte weder gegessen noch getrunken, nur in die Sonne gestarrt und auf eine Vison gewartet.

Die Vision

Am vierten Tag kam sie. Curly sah einen Reiter auf sich zukommen. Sein Pferd tänzelte und wirkte ziemlich magisch: Seine Hufe berührten den Boden nicht. Er solle stets bescheiden sein, immer zuerst an andere denken, sagte der Reiter zu dem Jungen. Stets solle er alles, was er habe, teilen. Und er solle sich stets schmucklos kleiden, höchstens eine einzige Feder sei ihm erlaubt.

Bitte nicht "Sioux" nennen

Die Oglala waren in histoischer Zeit der größte der Stämme, aus denen sich die Lakota zusammensetzten. Daneben gab es noch sechs Völker, die sich „Dakota“ nannten. „Lakota“ oder „Dakota“ bedeutet - je nach Dialekt - „Verbündete“.

Bei den weißen Amerikanern waren die Lakota und Dakota unter dem Namen „Sioux“ bekannt. Da dieser Name aber auf eine verächtliche Bezeichnung eines feindlichen indigenen Nachbarvolks zurückgeht, lehnen die meisten Lakota und Dakota heute den Namen „Sioux“ für sich ab.

Einige Zeit später änderte Curlys Volk, die Oglala-Lakota, seinen Namen. Fortan hieß er Crazy Horse. Und sein Leben lang hielt er sich an das, was der Reiter in seiner Vison ihm aufgteragen hatte. Bis auf ein einziges Mal. Und das hatte Folgen.

Große Ehre: Hemdträger

Mitte der 1860er Jahre, Crazy Horse war da etwa 25 Jahre alt, wählten die Ältesten des Stammes die Hemdträger neu. Die Hemdträger hatten Vorbilder zu sein: Sie mussten sich stets anständig und bescheiden verhalten und das Wohlergehen des gesamten Volks an erste Stelle setzen.

"Das waren moralische wie auch praktische Verpflichtungen", erklärt der Crazy-Horse-Biograf und Pulitzer-Preisträger Larry McMurtry. Also den Mund halten, wenn ältere Frauen oder ältere Männer sprachen. Ihre Jagdbeute mit anderen teilen, vor allem mit jenen, die zu alt zum Jagen waren. Oder an die ärmeren Familien Pferde verschenken. Zum Zeichen ihrer Würde bekamen sie ein spezielles Lederhemd.

Die Wahl Crazy Horses zu einem Hemdträger war einerseits eine Überraschung, weil diese Ehre meist an Männer aus besonders angesehenen Familien ging. Und Crazy Horse kam nicht aus einem so guten Tipi wie die anderen Hemdträger.

Ein seltsamer Mann

Er war außerdem sehr in sich gekehrt. Sein Cousin Black Elk erzählte Jahre später, dass Crazy Horse oft wie abwesend durchs Dorf gegangen war, ohne jemanden wahrzunehmen. Er sprach nicht oft bei Versammlungen, und bei der größten Feier des Lakota-Jahrs, dem Sonnentanz, ließ er sich selten blicken. Und so nannten ihn die Oglala "Our strange Man".

An ihrer Kleidungs waren die Hemdträger der Lakota zu erkennen.
Smithsonian Institute
Zum Zeichen ihrer Würde trugen Lakota-Hemdträger ein besonderes Kleidungsstück aus Leder.

Aber seine Eignung zum Hemdträger lag klar auf der Hand, denn er hatte - seiner Vison folgend - sich stets wie einer verhalten. "Wenn er Fleisch von der Jagd zurückbrachte, gab er einen großen Teil den älteren Witwen", schildern Floyd Clown, Doug War Eagle und Don Red Thunder, Nachfahren der Crazy-Horse Familie. Crazy Horse hatte sich außerdem als Jäger, Krieger und Pferdedieb bewährt. Als Pferdedieb? Es klingt für uns zwar seltsam, dass jemand, der klaut, ein Vorbild war, aber indigenen Völkern in Nordamerika galten damals eben andere Dinge erstrebenswert als uns heute.

Die Liebe seines Lebens

Eine Sache aber lag schwer auf Crazy Horses Gemüt: Er war unglücklich verliebt. Die Frau seiner Träumehieß  Black Buffalo Woman und war mit einem anderen Mann namens No Water verheiratet. Crazy Horse warb lange um sie, und schließlich erhörte sie ihn. Die beiden brannten durch. Das allein war nicht besonders ungebührlich. Einer Lakota-Frau stand es frei, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Aber: Der Lakota-Knigge hätte es erfordert, dass Crazy Horse dem Ehemann wenigstens ein Pferd als Trost angeboten hätte. Hatte er aber nicht.

Zudem ließ der Gehörnte die Sache nicht auf sich beruhen. Er verfolgte die beiden, und als er sie einholte, schoss er Crazy Horse ins Gesicht. Mit zertrümmertem Kiefer überlebte der Hemdträger nur knapp. Und damit war ein riesiger Schlamassel angerichtet. Es drohte ein Krieg zwischen den Familienverbänden No Waters und Crazy Horses, die Einheit der Oglala war in Gefahr.

Das Hemd ist er los

Die Ältesten müssten ihre diplomatischen Fähigkeiten stark bemühen, um das Schlimmste zu verhindern. Schließlich erzielten sie eine Einigung: No Water gab Crazy Horse sein bestes Pferd als Schmerzensgeld, Black Buffalo Woman kehrte zu ihrem Ehemann zurück.

Möglicherweise ist das ein Foto Crazy Horses. Sicher ist das aber nicht, und andere Fotos von ihm existieren nicht.
unbekannter Fotograf
Wie Crazy Horse aussah, weiß niemand. Dieses Foto könnte ihn im Jahr 1877 zeigen. Vielleicht ist hier aber einer seiner Brüder abgebildet.

"Crazy Horse konnte nach diesem Zwischenfall kein Hemdträger mehr sein", erklärt Larry McMurtry. "Er hatte das oberste Gebot für einen Hemdträger missachtet, für den das Wohlergehen des Stammes an erster Stelle stehen musste". Die Journalistin Elinor Hinman fragte den engen Crazy-Horse-Freund He Dog rund 60 Jahre später, wen die Oglala als Nachfolger wählten. "Niemanden", antwortete He Dog. Diese ganze Geschichte hatte einen so üblen Beigeschmack gehabt, dass das Hemdtragen an sich außer Gebrauch geriet.

Als würden wir den Fußball abschaffen

Wenn man das mit unserer Welt vergleichen möchte, dann könnte man sagen, dass es so ähnlich wäre, als würden wir den Fußball abschaffen. Nämlich dann, wenn sich ein Fußballer - der ja auch ein Vorbild sein soll - danebenbenommen hätte.

Crazy Horses Leben änderte sich durch diese Episode aber nicht großartig. Er orientierte sich weiterhin an seiner Vision und sorgte für die Ärmeren und Älteren im Dorf. Und als militärischer Führer war er immer noch Vorbild, dem die jungen Männer gern auf Zügen gegen andere indigene Völker folgten - und gegen die USA. Er war 1877 einer der letzten, die sich ergaben und in ein Reservat zogen.

Zum Weiterlesen

Larry McMurtry: "Crazy Horse"; Berlin 2005; 190 Seiten; 15 Euro.

Kingsley M. Bray: "Crazy Horse. A Lakota Life"; Norman/USA 2008; 510 Seiten; 23,59 Euro.

Floyd Clown/Doug War Eagle, Don Red Thunder: "Crazy Horse"; Hohenthann 2018; 360 Seiten; 14,90 Euro.

Einige Monate später starb Crazy Horse. Als er verhaftet werden sollte, erstach ein Soldat ihn mit einem Bajonett auf dem Exerzierplatz des Forts Robinson in Nebraska. Um die Szene herum standen Dutzende Lakota, die den Soldaten anfeuerten. Crazy Horses Eltern begruben ihn an einem unbekannten Ort.

Das Vorbild als Sicherheitsrisiko

Der Historiker Kingsley M. Bray erklärt, warum die Lakota ihr einstiges Idol tot sehen wollten: "Viele unter ihnen sahen Crazy Horse als Sicherheitsrisiko." Denn über ihn kursierten Gerüchte, dass er den Kampf wieder aufnehmen wollte. Falsche Gerüchte zwar, aber die Lakota hätten einen erneuten Krieg nicht gewollt, sagt Bray.

Eine gewisse Rolle dürfte auch die miserable Situation der Lakota gespielt haben. Innerhalb eines Jahrzehnts waren sie von mutigen Großwildjägern zu hilflosen Bettlern geworden. Viele Männer saßen den ganzen Tag nur herum und ersäuften ihre Verzweiflung in Whisky. Ein riesiger Kontrast zu Crazy Horses Nimbus als Kriegsheld. Neid ist eben ein allzu menschliches Gefühl.

Egal, ob er Vorbild blieb oder nicht

Nicht obwohl, sondern gerade weil Crazy Horse also ein Vorbild war, lieferten seine Leute ihn ans Messer. Oder ans Bajonett. Egal, ob Crazy Horse aus seiner Vorbildrolle fiel oder bei ihr blieb: Beides hatte für ihn drastische Folgen.

Heute allerdings gilt Crazy Horse den Lakota wieder als strahlender Held. Und nicht nur ihnen: Der Rockmusiker Neil Young zum Beispiel nannte seine Band "Crazy Horse".

Ein amerikanischer Jesus

Der Historiker Bray zieht Parallelen zwischen Crazy Horse und Jesus.

  • Beide mussten in einer Welt klarkommen, in der es einen Besatzer gab - bei Jesus war es Rom, bei Crazy Horse die USA.
  • Beide starben als Mittdreißiger, als ihre eigenen Leute sich gegen sie wandten.
  • Die sterblichen Überreste von beiden sind bis heute verschwunden.
Allein der ausgestreckte Arm der Crazy-Horse-Statue soll so lang werden wie ein Fußballfeld.
Jim Bowen
Im US-Bundesstaat South Dakota entsteht derzeit die größte Statue der Welt. Sie soll Crazy Horse zeigen.

Die weltgrößte Statue

    Derzeit entsteht in die weltgrößte Statue, die Crazy Horse zeigen soll. Es ist ein Generationenprojekt der Bildhauer-Familie Ziolkowski, die einen ganzen Berg in South Dakota abtragen will, bis sie die Plastik herausgeschält hat. Allein der ausgestreckte Arm der Statue soll so lang sein wie ein Fußballfeld. Seit rund einem halben Jahrhundert läuft der Bau schon, bislang ist lediglich das Gesicht Crazy Horses zu erkennen - von dem allerdings niemand genau weiß, wie es aussah.