Gesellschaft

9/11: Warum die Bilder bis heute belasten können

World Trade Center Schutt: Stahlskelett des Tower South im Ground Zero, nur Tage nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001, bei dem die 110-stöckigen Zwillingstürme in New York City, USA, zum Einsturz gebracht wurden.
gettyimages/Terraxplorer

Warum bleiben manche Katastrophenbilder im Kopf? Eine Psychologin erklärt die Wirkung von 9/11-Aufnahmen und die Verantwortung der Medien.

von Stephan Köhnlein

Die einstürzenden Türme des World Trade Centers gehören zu den bekanntesten Bildern des 11. September 2001. Auch 25 Jahre später können solche Aufnahmen emotionale und körperliche Reaktionen auslösen. Die Psychologin Michèle Wessa erklärt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Evangelischer Pressedienst (epd), warum und welche Verantwortung Medien beim Umgang mit Gewaltbildern haben. 

Persönliche Erfahrungen prägen die Erinnerung

Portait von Michèle Wessa
ZI/Loh
Psychologin Michèle Wessa arbeitet am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim

Wie stark Aufnahmen vom 11. September heute wirken, hängt laut Michèle Wessa von den persönlichen Erfahrungen ab. Eine Rolle spielt etwa, in welcher Situation jemand damals von den Anschlägen erfahren hat.

Besonders intensiv könne die Erinnerung sein, wenn jemand große Angst oder Hilflosigkeit erlebt habe oder Angehörige und Bekannte in den USA hatte.

Michèle Wessa erklärt die anhaltende Wirkung auch mit der „Wucht dieses Ereignisses“. Die Anschläge hätten bei vielen ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit erschüttert

Man hat sich gefragt: Was kann noch alles passieren?

Bei einer PTBS können Reize besonders intensiv wirken

Traumatische Erinnerungen können mit Sinneseindrücken verknüpft sein: mit Bildern, Geräuschen oder Gerüchen. Dann können selbst kleine oder zunächst neutrale Reize Flashbacks oder körperliche Reaktionen auslösen.

Was ist eine PTBS?

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann nach einem traumatischen Erlebnis entstehen. Erinnerungen daran können durch Bilder, Geräusche oder Gerüche wieder ausgelöst werden und starke körperliche oder emotionale Reaktionen hervorrufen.

Bei Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, können solche Reize besonders intensiv wirken

Medien sollten Gewaltbilder ankündigen

Michèle Wessa sieht Medien in der Verantwortung. Sie sollten Bilder von Katastrophen und Gewalt nicht unvermittelt zeigen, sondern vorher ankündigen. So können Zuschauer*innen entscheiden, ob sie die Aufnahmen sehen wollen.

Auch beim eigenen Nachrichtenkonsum rät die Psychologin zu Grenzen. Menschen sollten sich fragen, wie viel belastende Berichterstattung sie sich zumuten wollen. Eine dauerhafte Konfrontation mit schlimmen Nachrichten sei nicht sinnvoll.

Gewöhnung heißt nicht Gleichgültigkeit

Von einer allgemeinen Abstumpfung durch die Nachrichtenflut spricht Michèle Wessa nicht. Sie beschreibt einen Gewöhnungseffekt: Mit der Zeit können Reaktionen schwächer werden, ohne dass uns Krisen deshalb gleichgültig werden.

Wie gehst du mit belastenden Bildern um? Schreib uns, was dir hilft, Grenzen zu setzen: 

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Für jüngere Menschen ist der 11. September keine eigene Erfahrung. Sie sind jedoch mit zahlreichen Krisen und Konflikten aufgewachsen. Ereignisse, die früher kaum vorstellbar schienen, gehörten deshalb heute stärker zu ihrem Erfahrungshorizont.

Medien tragen die Verantwortung dafür, wie sie solche Bilder zeigen. Wer sie sieht, kann dagegen selbst entscheiden, wann es zu viel wird, und den Nachrichtenkonsum begrenzen.