Doomscrolling

Auf der Suche nach schlechten Nachrichten

Doomscrolling
gettyimages/filadendron

Kennst du das: Du liest auf deinem Smartphone eine schlechte Nachricht. Und noch eine. Und plötzlich liest du nur noch schlechte Nachrichten. Gerade jetzt in der Corona-Zeit passiert das gefühlt ständig. Hier erfährst du, warum dein Gehirn so vorgeht und was du dagegen machen kannst.

Negative News
privat
Überall nur schlechte Nachrichten. Ist das wirklich so?

Die schlechten Nachrichten auf dem Bildschirm enden nie: immer neue mutierte Coronaviren, steigende Inzidenzen und dann auch noch Bürgerkriege und die Klimakatastrophe.

Klickt man auf eine dieser Nachrichten, tritt man eine Lawine los. Ein ernüchternder Beitrag folgt auf den nächsten, die Algorithmen empfehlen Hiobsbotschaften und hinter jeder Verlinkung zu einem anderen Artikel versteckt sich ein neuer Angstmacher. Wer sich davon mitreißen lässt, nicht aufhören kann, wird zu einem sogenannten Doomscroller.

„‚Doom heißt so etwas wie ‚nahender Untergang‛ und Scrolling beschreibt die Wischbewegung, die wir machen, um unser Smartphone zu bedienen‟, erklärt die Technikethikerin und Sozialwissenschaftlerin Paula Helm von der Universität Tübingen.

Doomscrolling: Die ständige Suche nach Bad News

Zusammengenommen beschreiben die Wörter dann die ständige Suche nach und den konstanten Konsum von deprimierenden - und aktuell oftmals coronabezogenen - Medieninhalten. Die Wortneuschöpfung hat mit der Corona-Pandemie rasant Karriere gemacht.

Warum wir es lieben, nach schlechten Nachrichten zu suchen

Neu ist das Verhalten laut der Kölner Cyberpsychologin Catarina Katzer allerdings nicht. „Es ist unser Instinkt, nach negativen Nachrichten zu suchen‟, erklärt sie. Nur wer wisse, welche Gefahren drohten, könne der Steinzeitlogik nach entsprechende Schutzmechanismen entwickeln.

Große Menge schlechter Nachrichten im Netz

Bei der großen Menge an bedrohlichen Nachrichten im Internet habe es heute aber einen gesundheitsschädlichen Effekt, diesem Instinkt zu folgen, erklärt Katzer. Weil die ganzen Informationen langfristig zu einer kognitiven Überlastung führten, habe sich eine „Häppchenmentalität“ entwickelt.

„Studien haben gezeigt, dass wir nur zehn bis fünfzehn Prozent der Inhalte im Internet überhaupt lesen", sagt sie. Dabei filtere das Gehirn ganz gezielt nach negativen Meldungen.

Schlechten Nachrichten bedeuten Stress

Dass der übermäßige Konsum schlechter Nachrichten Stress verursacht, zeigte schon eine Studie von Forscherinnen der University of California aus dem Jahr 2013. Darin untersuchten sie die Auswirkungen der Berichterstattung über den Anschlag auf den Boston-Marathon. Ihr erstaunliches Ergebnis: Befragte, die sich in der Woche nach dem Angriff täglich sechs oder mehr Stunden der Berichterstattung über das Ereignis aussetzten, fühlten demnach sogar mehr akuten Stress als die Menschen, die den Anschlag direkt miterlebt hatten.

In einer weiteren Studie, organisiert unter anderem von der Harvard School of Public Health, berichtete etwa ein Viertel der mehr als 2.500 befragten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner von großem Stress im vorhergegangenen Monat. Als einen der stärksten Verursacher dieses Stresses nannten sie den Konsum von Nachrichten.

Schreckensnachrichten fesseln uns

Dass viele Menschen dennoch das Smartphone nicht aus der Hand legen können und keinen Weg aus der unendlichen Reihe der schlechten Nachrichten finden, hat verschiedene Gründe.

Zum einen sei die Wischbewegung beim Scrollen für die meisten Menschen eine routinierte und unterbewusste Tätigkeit geworden, sagt Sozialwissenschaftlerin Helm.

Suchtpotenzial von Social Media durch Empörung

Zum anderen programmierten Social-Media-Plattformen wie Facebook ihre Algorithmen so, dass die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Seite blieben. Erreichen lasse sich dies am besten durch „Hype und Empörung“: „Schreckensnachrichten und Polarisierung fesseln die Menschen am besten“, sagt sie.

Was ist Doomscolling?

Obwohl uns die Nachrichten eher die Laune verderben, klicken wir dennoch auf sie. Doomscrolling ist nichts anderes als "das verdammte Scrollen".  Die Studien über das Doomscrolling zum Weiterlesen:

Studie Bosten

Studie Harvard

Bloß keine Nachricht verpassen

Dazu komme der Druck, konstant informiert sein zu müssen, sagt Psychologin Katzer. „Es wird erwartet, dass jeder sofort auf Neues reagieren kann.“ Seien Menschen nicht auf Nachrichtenseiten unterwegs, hätten sie das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen.

Gleichzeitig seien Neuigkeiten, die gerade noch aktuell waren, schnell wieder überholt. Daher verstärke die Corona-Krisedas „Doomscrolling“: „Allein bei den ganzen Pressekonferenzen ist es unmöglich, alles mitzubekommen", sagt Katzer.

Du bist dran

Die Forschung ruft Medien dazu auf, positive Nachrichten als Aufmacher zu bringen. Nun bist du dran: Welche Nachrichten machen dich glücklich? Welche schöne Schlagzeile würdest du gerne lesen? Schreib mir eine Nachricht an s.bock(at)ev-medienhaus.de

Das Smartphone mal zur Seite legen

Hilfreich sei es, sich selbst Regeln für ein gesundes Smartphone-Verhalten aufzustellen. Du könntest dir zum Beispiel vornehmen, morgens das Gerät NICHT als erstes in die Hand zu nehmen, sondern mindestens eine Stunde Digital Detox, bevor der Tag startet, einzulegen. Und wenn das Smartphone dann an ist, überlege dir genau: Was tut dir gut?

Dazu gehöre das sogenannte Gleefreshing (Englisch für: Entzücken neu laden). Dabei konsumierst du gezielt nur positive Nachrichten.

Ein weiterer Tipp: Begrenze die Nutzung bestimmter Apps zeitlich .

Gefährliche Entwicklungen in der Pandemie zugunsten der psychischen Gesundheit der Menschen zu verschweigen, gehe natürlich nicht, sagt Katzer. Gleichzeitig sei Angst aber kein guter Ratgeber“.

Hier sind nach Meinung der Expertin auch die Medien gefragt: „Es wäre schön, wenn auf den Titeln mal groß eine positive Nachricht steht, und die Leser sehen, dass auch noch Gutes passiert.“