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Erfahrungsberichte: „So habe ich den 11. September erlebt“

Die brennenden Türme von New York
epd/akg-images/Jason
11.9. 2001: Flammen schlagen aus dem Nordturm des World Trade Centers in New York, ein zweites Flugzeug fliegt in den Südturm, später fallen die Türme in sich zusammen.

9/11 war so ein Moment in der Geschichte, da weiß jede:r von uns genau, was sie oder er damals gemacht hat. Wie hast du ihn erlebt?

Vor 20 Jahren erschütterte der islamistische Terroranschlag in New York die westliche Welt. Dieser Tag, der 11. September 2001, gehört zu jenen Momenten in der Geschichte, wo die meisten von uns ganz genau wissen, was sie gerade getan haben. 

Erzähl uns von deinem 9/11-Moment

Erinnerst du dich daran, was du getan hast, als du von den Terroranschlägen in New York gehört hast? Wie war das für dich? Wie hast du den 11. September 2001 erlebt? Erzähl uns deine Geschichte.

Auch wir wissen noch ganz genau, wie wir von 911 erfahren haben. Hier teilen wir 3 Erfahrungsberichte mit dir. 

Kaum Nachrichten zum Terroranschlag in den USA im Türkei-Urlaub

2001 hat Stefanie Bock die Türkei besucht. Hier erlebte sie, wie schwer es war an valide Informationen zu kommen und den eigenen Vorurteilen zu begegnen

Stefanie auf dem Berg Nemrut.
privat
Stefanie auf dem Berg Nemrut.

Urlaub. Es sollte ein Tag in den Bergen werden. Am Morgen vom 11. September 2001 sitze ich in einem klapprigen Bus, fahre die Straße etwa 150 Kilometer von der syrischen Metropole Aleppo entfernt durch türkisches Brachland. Zunächst auf asphaltierten, dann gepflasterten Wegen – raus aus der türkischen Millionen-Stadt Gaziantep in Richtung des 2.000 Meter hohen Berges Nemrut.

Türkische Soldaten verunsichern mit ihrem Auftauchen Reisegruppe

Wie aus dem Nichts tauchen am Straßenrand Soldaten auf. Ist das normal in dieser Gegend? Gegen Mittag werden die Soldaten immer mehr. Mein türkischer Reiseleiter spricht aufgeregt ins Handy. Irgendetwas liegt in der Luft, doch greifbar ist es nicht. Nervosität breitet sich unter den Mitreisenden aus.

Alle spekulieren: Gibt es Unruhen in den kurdischen Gebieten? Dann Erleichterung: Ein Mitglied der Reisegruppe hat eine Nachricht von zu Hause bekommen. Ein Kleinflugzeug sei in das World Trade Center geflogen. Kein großer Schaden sei entstanden, heißt es. Kein Grund zur Sorge. Es wird gelacht.

Im TV: Immer wieder die Bilder von den einstürzenden Türmen in New York

Afghanistan-Einsatz und 9/11

Rund 2.800 Menschen finden durch den Anschlag von Attentätern des islamistischen Terrornetzwerks Al Quaida den Tod. Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA begann vor fast 20 Jahren der Einsatz in Afghanistan. Am 1. Mai  2021 begannen die Nato-Staaten mit dem Abzug ihrer Truppen, der Einsatz wurde von den USA am 31. August 2001 beendet.

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Auf der Fahrt ins Hotel in Kâhta Adıyaman fallen mir die Augen zu. Endlich angekommen ist niemand zu sehen. In einem kleinen Raum läuft der Fernseher, Menschen blicken gebannt auf die Bilder: Wieder und wieder derselbe Clip. Ein Passagierflugzeug fliegt ins World Trade Center.

Schlagartig ist die Erleichterung des Mittags weg.

Aufgeregte Stimmen – alle auf Türkisch. Info für Info erfahre ich mehr, und doch zu wenig. Fragezeichen tanzen in meinem Kopf. Abends traut sich keiner auf die Straße. Zu unklar ist die Situation. Wer sind die Täter? Wie reagiert die US-Regierung? Meine Nacht ist unruhig. Verzweifelt versuche ich die Balkontür meines Zimmers zu schließen, doch der Riegel ist kaputt. Ich schiebe einen Sessel vor die Tür. Früh am Morgen höre ich die Rufe der Muezzins.

Wie sich Desinformation rund um schrecklicke Erlebnisse anfühlen

Was bleibt? Die Panik auslösende Kraft von Gerüchten. Fakten und Informationen zu dem Anschlag hatten wir abseits deutscher Medien wenige. Dafür setzte mein Umfeld im Stundentakt neue Gerüchte in die Welt: Die USA zünden in kürze Atomwaffen, Terroristen planen einen Anschlag auf ein Flugzeug mit Ziel Frankfurt, Europa schließt den Luftraum für Maschinen aus der arabischen Welt.

Nie habe ich mich auf einem Flug so unwohl gefühlt – und ja auch nie mehr allein reisende muslimisch aussehende Männer so gnadenlos unter Generalverdacht gestellt.

(K)ein Geburtstag am 11. September

Schon als Jugendlicher konnte Jörn von Lutzau mit seinem Vater die Welt kennenlernen. Nicht nur als Anglistik-Student hat er ein besonderes Verhältnis zu den USA:

Jörn in New York 1996
privat
Jörn in New York 1996

Ich war schon immer ein Fan von Manhattan: Die vielen Menschen, die vielen Kulturen und natürlich die Wolkenkratzer – das genaue Gegenteil von meiner Heimatstadt, Michelstadt im Odenwald.

Der Besuch auf dem World Trade Center war DAS Highlight als ich 1996 mit meinem Vater dort war. Wir waren am frühen Abend oben, haben den Sonnenuntergang beobachtet und dann bis in die Nacht den Lichtern der Metropole zugeschaut.

Mein Geburtstag am 11. September 2001

2001 hatte ich mit Freunden am 10. September in meinen 23. Geburtstag reingefeiert. Am nächsten Tag stand erstmal Rausch ausschlafen auf dem Zettel. Glückwünsche per Telefon lies ich erstmal ins Leere laufen. Um 14.30 gratulierte mir mein Vater per Telefon, etwas sauer, dass ich so lange nicht ans Telefon ging. 20 Minuten später rief er noch einmal an: „Mach sofort den Fernseher an!“ Auf jedem Sender die gleichen Bilder: der brennende Tower des World Trade Centers.

Wir bleiben am Telefon, sprachlos und fassungslos. Zu der Zeit wussten wir noch nichts von einem Terrorangriff. Als dann das zweite Flugzeug einschlug, und die Türme einstürzten, drehte sich mir der Magen um.

Meine Geburtstagsparty am 11. September 2001 habe ich natürlich abgesagt. Mit allen Freunden lange telefoniert, und mit meiner damaligen Freundin den ganzen Tag Nachrichten geschaut.

Darf ich mit 9/11 nie wieder Geburtstag feiern?

Die nächsten Jahre war an eine Geburtstagsfeier am 11. September nicht zu denken. Bis 2005 habe ich immer erst am Wochenende danach gefeiert. Ich hatte mir wirklich Gedanken gemacht, ob ich jemals wieder am 11. September feiern kann.

Mein Vater sagte damals: „Das haben die Leute nach dem Angriff auf Pearl Harbor auch gedacht, und heute weiß kaum jemand noch, dass es am 7. Dezember war.“ Da hat er Recht behalten.

Klar, die ersten Jahre war eine ganz normale Reaktion: „Was?! Du hast am 11.09. Geburtstag?“ Inzwischen dauert es eine Weile, bis jemand auch an den Terrorangriff denkt. Und in ein paar Jahren wird es so sein, wie mit Pearl Harbor: Einige wenige wissen das Datum noch, aber die meisten werden sich an das Datum nicht mehr erinnern.

Wie Reporter auf Krisensituationen reagieren

Vor 20 Jahren war Andreas Fauth bereits als Radioredakteur für das Kirchenprogramm auf Hit Radio FFH zuständig. Hier gibt er dir einen Einblick in seine Arbeit an diesem Schicksalstag: 

Andreas Fauth an seinem Arbeitsplatz
privat
Andreas bei der Arbeit

Es war ein ganz normaler Tag, an dem so schnell alles so anders geworden ist: Am 11. September 2001 hatte ich einen freien Nachmittag und war zum Mittagessen verabredet. Ich weiß noch, wie uns die ersten Nachrichten aus New York beim Essen erreichten: „Wie kann man so von der Route abkommen, dass ein Flugzeug in ein Hochhaus fliegt?“ Wir haben die Lage völlig unterschätzt.

Die Bilder von den einstürzenden Türmen in New York im Fernsehen

Zu Hause angekommen dann fernsehen: RTL Peter Klöppel Dauerschleife – andere Sender schienen nicht nah genug dran zu sein. Und als der erste der beiden Twin-Tower eingestürzt war wurde uns mehr als deutlich:

Hier passiert gerade etwas, was wir noch nie erlebt haben.

Wir waren schockiert, traurig, in Angst, völlig verunsichert. Spontane Andachten, persönliche Gebete – viele Menschen kamen ganz von selbst in die Kirchen, um ihre Trauer zu teilen, um zu beten und vor allem um zu reden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Psalm 22 war überall Thema.

Schnell war klar: Wir sind im Radio gefordert.  Mein freier Nachmittag war beendet und es ging zurück an die Arbeit. Einen Eindruck von der Stimmung damals kannst du dir hier 🔽 in dem Audio-Player anhören.

Reaktionen auf die Terroranschläge am 11.9.2001

Wir haben uns im Funkhaus getroffen, der Schock stand uns im Gesicht, aber wir mussten funktionieren: Interviews führen, Hörerinnen und Hörer am Telefon trösten – bis tief in die Nacht.

Alle hatten Redebedarf, im Sender und in den Kirchen vor Ort. Es war eine lange Nacht, verbunden mit der Frage: Gibt es jetzt in Afghanistan Krieg? Greifen die USA ein? Und wir hofften: Bitte nicht!

Ausnahmsweise wird in den FFH-Nachrichten gebetet

Höhepunkt dann am anderen Morgen in den FFH-Nachrichten um 5 vor 7 Uhr: Ein Gebet, das Vater Unser – denn wir alle suchten Trost. Noch nie habe ich so aufgewühlte emotionale Interviews geführt, noch nie haben so viele Menschen vor dem FFH-Mikro geweint – der 11. September war für uns ein kollektiver Schock, der sich noch heute an den Sendemitschnitten von vor 20 Jahren nachfühlen lässt.

Wie ist deine Erinnerung an 9/11?

Nach diesen Geschichten ist deine Erinnerung sicherlich auch wieder lebendig geworden. Teile mit uns deine Erinnerungen an diesen Zeitpunkt auf Social-Media. Verwende entweder den Hashtag #indeon oder verlinke eines unserer Profile @indeonmagazin:

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