Gesellschaft

Erfahrungsberichte: „So habe ich 9/11 erlebt“

Collage aus 4 Bildern: Das brennende World-Trade-Center und 3 Fotos von damals von Stefanie, Jörn und Andreas
epd/akg-images/Jason | privat

9/11 war so ein Moment in der Geschichte, da weiß jede*r von uns genau, was sie oder er damals gemacht hat. Wie hast du ihn erlebt?

Wo warst du, als du von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erfahren hast? Viele Menschen können diese Frage auch 25 Jahre später sofort beantworten. 

Am Morgen des 11. September 2001 entführten 19 Terroristen des Terrornetzwerks Al-Qaida vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen flogen in die Türme des World Trade Centers in New York, eine weitere in das Pentagon bei Washington. Das vierte Flugzeug stürzte nach dem Widerstand von Passagieren und Besatzungsmitgliedern in Pennsylvania ab.

2.977 Menschen aus mehr als 90 Ländern wurden bei den Anschlägen getötet.

Der 11. September gehört deswegen für viele Menschen zu jenen Tagen, bei denen sie noch genau wissen, wo sie waren und was sie gerade getan haben, als sie von den Anschlägen erfuhren. Hier erzählen dir Menschen aus der indeon-Redaktion und unserer Community, wie sie diesen Tag erlebt haben.

Kaum Nachrichten über die Anschläge in den USA im Türkeiurlaub

2001 war Stefanie Bock in der Türkei unterwegs. So erinnert sie sich an den 11. September:

Stefanie auf dem Berg Nemrut.
privat
Stefanie auf dem Berg Nemrut.

Urlaub. Es sollte ein Tag in den Bergen werden. Am Morgen vom 11. September 2001 sitze ich in einem klapprigen Bus, fahre die Straße etwa 150 Kilometer von der syrischen Metropole Aleppo entfernt durch türkisches Brachland. Zunächst auf asphaltierten, dann gepflasterten Wegen – raus aus der türkischen Millionenstadt Gaziantep in Richtung des mehr als 2.000 Meter hohen Berges Nemrut.

Plötzlich stehen Soldaten am Straßenrand

Wie aus dem Nichts tauchen am Straßenrand Soldaten auf. Ist das normal in dieser Gegend? Gegen Mittag werden die Soldaten immer mehr. Mein türkischer Reiseleiter spricht aufgeregt ins Handy.

Irgendetwas liegt in der Luft, doch greifbar ist es nicht. Nervosität breitet sich unter den Mitreisenden aus.

Alle spekulieren: Gibt es Unruhen in den kurdischen Gebieten?

Dann Erleichterung: Ein Mitglied der Reisegruppe hat eine Nachricht von zu Hause bekommen. Ein Kleinflugzeug sei in das World Trade Center geflogen. Kein großer Schaden sei entstanden, heißt es. Kein Grund zur Sorge.

Es wird gelacht.

Im Fernsehen immer wieder die Bilder aus New York

Auf der Fahrt ins Hotel in Kâhta in der Provinz Adıyaman fallen mir die Augen zu. Endlich angekommen, ist niemand zu sehen.

In einem kleinen Raum läuft der Fernseher. Menschen blicken gebannt auf die Bilder: Wieder und wieder derselbe Clip. Ein Passagierflugzeug fliegt ins World Trade Center.

Schlagartig ist die Erleichterung des Mittags weg.

Aufgeregte Stimmen – alle auf Türkisch. Info für Info erfahre ich mehr und doch zu wenig. Fragezeichen tanzen in meinem Kopf.

Abends traut sich keiner auf die Straße. Zu unklar ist die Situation. Wer sind die Täter? Wie reagiert die US-Regierung?

Meine Nacht ist unruhig. Verzweifelt versuche ich, die Balkontür meines Zimmers zu schließen, doch der Riegel ist kaputt. Ich schiebe einen Sessel vor die Tür.

Früh am Morgen höre ich die Rufe der Muezzins.

Was mir von diesem Tag geblieben ist

Was bleibt? Die Panik auslösende Kraft von Gerüchten.

Fakten und Informationen zu dem Anschlag hatten wir abseits deutscher Medien wenige. Dafür setzte mein Umfeld im Stundentakt neue Gerüchte in die Welt: Die USA zünden in Kürze Atomwaffen, Terroristen planen einen Anschlag auf ein Flugzeug mit Ziel Frankfurt, Europa schließt den Luftraum für Maschinen aus der arabischen Welt.

Nie habe ich mich auf einem Flug so unwohl gefühlt – und ja, auch nie mehr allein reisende, muslimisch aussehende Männer so gnadenlos unter Generalverdacht gestellt.

(K)ein Geburtstag am 11. September

Jörn von Lutzau hatte schon vor 2001 eine besondere Verbindung zu New York. Fünf Jahre vor den Anschlägen hatte er das World Trade Center selbst besucht.

Jörn in New York 1996
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Jörn in New York 1996

Ich war schon immer ein Fan von Manhattan: die vielen Menschen, die vielen Kulturen und natürlich die Wolkenkratzer – das genaue Gegenteil von meiner Heimatstadt Michelstadt im Odenwald.

Der Besuch auf dem World Trade Center war DAS Highlight, als ich 1996 mit meinem Vater dort war. Wir waren am frühen Abend oben, haben den Sonnenuntergang beobachtet und dann bis in die Nacht den Lichtern der Metropole zugeschaut.

Mein Geburtstag am 11. September 2001

2001 hatte ich mit Freunden am 10. September in meinen 23. Geburtstag reingefeiert. Am nächsten Tag stand erstmal Rausch ausschlafen auf dem Zettel. Glückwünsche per Telefon ließ ich erstmal ins Leere laufen.

Um 14.30 Uhr gratulierte mir mein Vater per Telefon, etwas sauer, dass ich so lange nicht ans Telefon ging.

20 Minuten später rief er noch einmal an: „Mach sofort den Fernseher an!“

Auf jedem Sender die gleichen Bilder: der brennende Tower des World Trade Centers.

Wir blieben am Telefon, sprachlos und fassungslos. Zu der Zeit wussten wir noch nichts von einem Terrorangriff. Als dann das zweite Flugzeug einschlug und die Türme einstürzten, drehte sich mir der Magen um.

Meine Geburtstagsparty am 11. September 2001 habe ich natürlich abgesagt. Mit allen Freunden lange telefoniert und mit meiner damaligen Freundin den ganzen Tag Nachrichten geschaut.

Darf ich mit 9/11 nie wieder Geburtstag feiern?

Die nächsten Jahre war an eine Geburtstagsfeier am 11. September nicht zu denken. Bis 2005 habe ich immer erst am Wochenende danach gefeiert.

Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht, ob ich jemals wieder am 11. September feiern kann.

Mein Vater sagte damals: „Das haben die Leute nach dem Angriff auf Pearl Harbor auch gedacht, und heute weiß kaum jemand noch, dass es am 7. Dezember war.“

Da hat er Recht behalten.

Klar, die ersten Jahre war eine ganz normale Reaktion: „Was?! Du hast am 11.09. Geburtstag?

Inzwischen dauert es eine Weile, bis jemand auch an den Terrorangriff denkt. Und irgendwann wird es vielleicht so sein wie mit Pearl Harbor: Einige wenige wissen das Datum noch genau, für andere rückt es immer weiter in die Geschichte.

Als Reporter auf Krisensituationen und Terror reagieren

Andreas Fauth war am 11. September 2001 bereits als Radioredakteur für das Kirchenprogramm auf Hit Radio FFH zuständig.

Andreas Fauth an seinem Arbeitsplatz
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Andreas bei der Arbeit

Es war ein ganz normaler Tag, an dem so schnell alles so anders geworden ist.

Am 11. September 2001 hatte ich einen freien Nachmittag und war zum Mittagessen verabredet. Ich weiß noch, wie uns die ersten Nachrichten aus New York beim Essen erreichten: „Wie kann man so von der Route abkommen, dass ein Flugzeug in ein Hochhaus fliegt?“

Wir haben die Lage völlig unterschätzt.

Die Bilder der einstürzenden Türme im Fernsehen

Zu Hause angekommen, dann fernsehen: RTL, Peter Klöppel, Dauerschleife – andere Sender schienen nicht nah genug dran zu sein.

Und als der erste der beiden Twin Towers eingestürzt war, wurde uns mehr als deutlich:

Hier passiert gerade etwas, was wir noch nie erlebt haben.

Wir waren schockiert, traurig, in Angst, völlig verunsichert.

Spontane Andachten, persönliche Gebete – viele Menschen kamen ganz von selbst in die Kirchen, um ihre Trauer zu teilen, um zu beten und vor allem um zu reden.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Psalm 22 war überall Thema.

Schnell war klar: Wir sind im Radio gefordert. Mein freier Nachmittag war beendet und es ging zurück an die Arbeit.

Einen Eindruck von der Stimmung damals kannst du dir im Audio-Player anhören.

Reaktionen auf die Terroranschläge am 11.9.2001

Wir haben uns im Funkhaus getroffen, der Schock stand uns im Gesicht, aber wir mussten funktionieren: Interviews führen, Hörerinnen und Hörer am Telefon trösten – bis tief in die Nacht.

Alle hatten Redebedarf, im Sender und in den Kirchen vor Ort. 

Es war eine lange Nacht, verbunden mit der Frage: Gibt es jetzt in Afghanistan Krieg? Greifen die USA ein? 

Und wir hofften: Bitte nicht!

Ausnahmsweise wird in den FFH-Nachrichten gebetet

Höhepunkt dann am anderen Morgen in den FFH-Nachrichten um 5 vor 7 Uhr: Ein Gebet, das Vater Unser – denn wir alle suchten Trost. 

Noch nie habe ich so aufgewühlte emotionale Interviews geführt, noch nie haben so viele Menschen vor dem FFH-Mikro geweint.

Der 11. September war für uns ein kollektiver Schock, der sich noch heute an den Sendemitschnitten von vor 20 Jahren nachfühlen lässt.

„Ich dachte erst, das ist ein Actionfilm“: So erinnert sich unsere Community

Zum 20. Jahrestag 2021 haben wir die indeon-Community auf Instagram gefragt, wie sie den 11. September erlebt hat. 

Fünf Jahre später lesen sich diese Erinnerungen wie kleine Momentaufnahmen: eine Couch, eine fast fertig eingerichtete Tierarztpraxis, ein Schultag am Bach. 

Franzi schrieb: „Ich war bei einer Freundin auf der Couch und wir haben Fernsehen geschaut. Als die Mutter reinkam und umgeschaltet hat, habe ich es aber nicht realisiert, dass es echt ist. Ich dachte erst, das ist ein Actionfilm…“ 

Astrid erinnert sich: „Das war eine Woche, bevor ich meine Tierarztpraxis eröffnet habe. Ich war am Schränkeeinräumen und hatte einen Termin mit einer Vertreterin. Die Dame kam in die Praxis und fragte, ob ich ein Radio hätte, da sie gerade im Auto gehört hatte, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei. 

Dann hörten wir gemeinsam von dem zweiten Flugzeug. Wir schauten uns an und begriffen, dass das kein Zufall, kein Unfall sein kann. Wir wurden beide kreideweiß. 

Als sie dann gegangen war, bin ich sofort rüber in die Wohnung geflitzt und sah dort im Fernsehen die Türme einstürzen. Ich war geschockt und bin es noch heute, wenn ich daran zurückdenke. 

Unbegreiflich, wozu Menschen fähig sind und das angeblich im Namen Gottes. 

Dieser Gott ist ja sogar unser gemeinsamer Gott. Die drei abrahamitischen Religionen haben wir vor ein paar Jahren mit unseren Kiki-Kids erkundet, die haben das sehr viel besser begriffen als die angeblichen Gotteskrieger. 😢

Clarissa war damals in der Grundschule: „4. Klasse und wir sollten einen Bach untersuchen. Wasserproben nehmen, beschreiben etc. Als ich happy heimkam, sagte meine Mom nur: ‚Gut, dass du daheim bist.‘ Und im TV liefen schon die Bilder…“ 

Die Kommentare stammen aus unserem Instagram-Aufruf von 2021. Rechtschreibung und Zeichensetzung haben wir für die Veröffentlichung behutsam angepasst.

Was nach dem 11. September geschah

Die Frage, die Andreas in jener Nacht beschäftigte, wurde wenige Wochen später Realität.

Nach den Anschlägen berief sich die NATO erstmals in ihrer Geschichte auf den Bündnisfall nach Artikel 5. Am 7. Oktober 2001 begannen die USA und Verbündete ihre Militäroperationen in Afghanistan. Es folgte ein fast 20 Jahre dauernder internationaler Militäreinsatz.

2021 zogen die internationalen Truppen ab. Die NATO-geführte Mission „Resolute Support“ endete Anfang September 2021. Kurz zuvor hatten die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen.

Die politischen und gesellschaftlichen Folgen des 11. September reichen weit über diesen Krieg hinaus. Sie prägen Debatten über Terrorismus, Sicherheit, Krieg und das Verhältnis zwischen Religionen bis heute.

Wie erinnerst du dich an den 11. September?

25 Jahre sind seit den Terroranschlägen vergangen.

Für die einen sind die Bilder vom 11. September 2001 mit ganz persönlichen Erinnerungen verbunden. Andere waren damals noch Kinder. Und eine ganze Generation kennt 9/11 nur noch aus Erzählungen, Videos oder dem Geschichtsunterricht.

Wie hast du den 11. September erlebt? Was ist dir bis heute im Gedächtnis geblieben? Oder ist 9/11 für dich längst ein historisches Ereignis?

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