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Afghanistan

„Erschöpft vom Kampf ums Überleben“

Am Flughafen
pixabay/Thanapat Pirmphol

In Frankfurt landen die Evakuierten aus Afghanistan. Sie suchen Schutz und bangen um ihre Familienmitglieder in ihrer Heimat.

Die evangelische Flughafenpfarrerin Bettina Klünemann hat sich besorgt gezeigt über den Zustand vieler evakuierter Menschen aus Afghanistan, die auf dem Frankfurter Flughafen ankommen.

Erste Hilfe im Frankfurter Flughafen

Bettina Klünemann ist evangelische Flughafenpfarrerin.
Dagmar Brunk
Bettina Klünemann ist evangelische Flughafenpfarrerin.

„Die Menschen sind völlig erschöpft von ihrem Kampf ums Überleben“, sagte sie. „Ich bin über jeden froh, der die Ankunftshalle im Terminal 2 betritt“ 

Viele der Geretteten seien verletzt, hätten Schnitte am Körper oder geschwollene Gelenke. Sie würden noch im Terminal ärztlich versorgt, einige müssten direkt ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Ich bin über jeden froh, der die Ankunftshalle im Terminal 2 betritt.

Auf dem Frankfurter Flughafen kamen laut Klünemann seit Samstag rund 3.000 Evakuierte aus Afghanistan an. Allein am 24. August seien 660 Menschen von der usbekischen Hauptstadt Taschkent aus in Maschinen der Uzbekistan Airways und der deutschen Lufthansa nach Frankfurt ausgeflogen worden.

Flughafen-Seelsorgeteam für Menschen im Einsatz

Zahl Zurückgebliebener

Nach dem Ende der Evakuierungsoperation der Bundeswehr in Afghanistan sind nach Schätzung des Auswärtigen Amts noch mehr als 10.000 Menschen in dem Land zurückgeblieben, die eine Aufnahmegarantie von Deutschland haben. Darunter 300 deutsche Staatsbürger:innen sowie ehemalige Ortskräfte und Menschen, denen Deutschland wegen ihrer individuellen Gefährdung etwa durch ein Engagement für Demokratie und Menschenrechte die Ausnahme zugesagt hat.

Großes Augenmerk liege auf der Betreuung der vielen Kinder, sagte die Flughafenpfarrerin. „Wir versorgen die Familien mit Windeln, Feuchttüchern und Stramplern und spielen mit den größeren Kindern, die oft Schreckliches erlebt haben.“ 

Auch die Erwachsenen seien sehr dankbar für saubere Kleidung, „denn sie steckten oft acht Tage oder mehr in den selben Klamotten.“ Solange die Evakuierungsflüge andauerten, waren sie und ihr Team acht Stunden am Tag vor Ort, sagte Klünemann.

Vormarsch der Taliban

Flughafenpfarrerin Bettina Klünemann auf dem Weg durch Terminal 1 am Frankfurter Flughafen
epd-bild/Leuthold
Flughafenpfarrerin Bettina Klünemann auf dem Weg durch Terminal 1 am Frankfurter Flughafen

Bei den Geretteten handele sich um Ortskräfte und ihre Familien, Beschäftigte von Unternehmen und anderen Organisationen unterschiedlichster Nationalitäten sowie Afghanen, die zu ihren Angehörigen nach Deutschland ausreisen durften, erklärte sie. Viele seien bei einem Familienbesuch von dem schnellen Vormarsch der Taliban überrascht worden.

Hilferufe, weil Angehörige noch in Afghanistan weilen

Anja Harzke, Pfarrerin der Dornbuschgemeinde, ist stellvertretende Vorsitzende von MAqom – Kirche und Zuflucht. Sie berichtet: „Als freiwillig Engagierte in Kirchengemeinden erreichen uns seit Tagen, ja seit Wochen, Hilferufe von verzweifelten aus Afghanistan stammenden Menschen, die hier Schutz gefunden haben, deren Familien aber noch in Afghanistan sind. Nun für schnelle unbürokratische Rettung zu sorgen, hat oberste Priorität.“

Immer wieder gewähren Kirchengemeinden Asyl für Menschen aus Afghanistan

Vermisste aus Afghanistan

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) rechnet nach der Machtübernahme der Taliban damit, dass Suchanfragen nach Vermissten aus Afghanistan zunehmen werden. In den Beratungsstellen sei schon seit Tagen ein drastischer Anstieg zu verzeichnen, sagte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt. Sie registrierten bereits Hunderte von Anfragen.

Mit Blick auf den Tag des Kirchenasyls, der am Montag, 30. August, bundesweit erstmals begangen wird, äußert Pfarrerin Harzke: „Immer wieder haben Kirchengemeinden in Frankfurt und bundesweit Familien oder Einzelnen aus Afghanistan und anderswo Schutz in Kirchengebäuden gewährt, oft über Monate, weil Ihnen die Abschiebung in Leid und Verfolgung drohte.“ Zuletzt etwa wurde dieser Schutz in Frankfurt im Diakonissenhaus eingeräumt, auch in der Evangelischen Hoffnungsgemeinde, zwischen Westend und Bahnhofsviertel gelegen, fand eine Familie aus Afghanistan Anfang 2021 auf Zeit eine Unterkunft.

Als freiwillig Engagierte in Kirchengemeinden erreichen uns Hilferufe von verzweifelten aus Afghanistan stammenden Menschen.

Bilder aus Afghanistan erschüttern schwer

Kirchenasyl ist für Prodekan Holger Kamlah aktuell mit Blick auf die Menschen, die aus Afghanistan kommen, nicht das vorrangigste Thema: „Ich würde hoffen, dass die, die es jetzt überhaupt nach Deutschland schaffen, erstmal hier auch bleiben können.“ Doch die erschütternden Bilder vom Flughafen in Kabul, die treiben ihn um. „Mich beschäftigt die ganze Situation in Afghanistan sehr“.

Holger Kamlah hat vor fünf Jahren für einen damals 16 Jahre alten Geflüchteten aus Afghanistan eine Vormundschaft übernommen. Er hat sich dazu vom Kinderschutzbund schulen lassen, auch in die deutsche Gesetzgebung vertieft.

Schützling in die Selbständigkeit begleitet

Inzwischen ist sein Schützling über 18 und selbständig, beide haben aber noch engen Kontakt. „Der ist absolut verzweifelt“, berichtet Holger Kamlah, vor allem weil er und seine Familie extrem unter den Taliban gelitten haben und er weiß, welchen Bedrohungen die Menschen in Afghanistan nun schutzlos ausgeliefert sind. „Am Bedrückendsten ist, dass man gerade so wenig tun kann, um den Menschen zu helfen“, sagt Kamlah, Aber gerade deshalb ist es für ihn wichtig, die Situation der Menschen in Afghanistan im Gebet vor Gott zu bringen. 

Verzweifelte Menschen bitten um Hilfe

Dieser Tage steht das Telefon nicht still bei Barbara Lueken, Verfahrensberaterin im Evangelischen Zentrum Am Weißen Stein. Menschen, die verzweifelt versuchen, ihre Angehörigen aus Afghanistan rauszubekommen, tauchen aber direkt vor ihrer Bürotür auf, senden Mails. Wenn sie diese Nachrichten weiterschicke an die Krisenstelle des Außenministeriums, erhalte sie inzwischen eine standardisierte Rückmeldung in mehreren Sprache, der Posteingang der E-Mailfächer sei aktuell nicht zu bewältigen, heißt es.

Die Beraterin hofft dringlich, dass Menschen auch nach diesen Tagen Afghanistan werden verlassen können „und dass Deutschland dann großzügig ist bei den Aufnahmen“. 

Nichts ist gut in Afghanistan!

Kritik an Abschiebungen wiederholt

Pfarrerin Harzke äußert: „Die inhumane Praxis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigt sich daran, dass noch vor wenigen Wochen Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden und man Afghanen, die schon länger in Deutschland leben und hier integriert sind, immer wieder mit Abschiebung drohte.“ Das sei trotz aller Warnungen von Fachleuten geschehen, sagt die Theologin und verweist auf die Stellungnahme der Diakonie Hessen und der EKHN vom 19. August hin: „Nichts ist gut in Afghanistan."

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