Gesellschaft

Als Frau im Handwerk: Eine Steinmetzin

Luisa Lüttich bei Steinmetzarbeiten innen
privat

Luisa ist Steinmetzin, Steinbildhauermeisterin und Miss Handwerk 2022. Die „Steinfluencerin“ zeigt, wie vielseitig ihr Handwerk sein kann.

von Bettina Ditzen

Luisa Lüttig ist in der Werkstatt ihrer Eltern groß gewordenzwischen Büro, Laufstall und Sandsteinbrocken. Der Beruf wurde ihr nicht nur in die Wiege gelegt, er war schon früh ihr eigener Wunsch

Die 27-Jährige muss lachen, wenn sie an eine bestimmte Autofahrt mit ihren Eltern zurückdenkt und sie ihren Eltern eröffnete, dass auch sie Steinmetzin werden möchte. „Meine Mutter ist direkt auf die Bremse getreten und beide waren komplett entsetzt.“ 

Luisa Lüttich bei Steinmetzarbeiten außen
privat

Der Beruf sei hart, erklärten ihr die Eltern. Vor allem, wenn sie sich als Steinmetzin später selbständig machen wolle. Das weiß auch Luisa Lüttig. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Berufswunsch abbringen. Die einzige Bedingung ihrer Eltern war: Sie sollte ihre Lehre nicht in der heimischen Werkstatt, sondern in anderen Steinmetzbetrieben absolvieren.

Bei Minusgraden auf dem Baugerüst

Die Göppingerin begann mit 15 Jahren ihre Ausbildung, mit 18 Jahren hielt sie ihren Gesellenbrief in der Hand. In dieser Zeit lernte sie verschiedene Betriebe in Deutschland und der Schweiz kennen.

Sie erinnert sich: „Ich saß bei Minus 12 Grad auf einem Gerüst in Zürich und habe eine Fassade restauriert. Aber ich kann definitiv sagen, dass ich auch bei der Kälte meinen Job geliebt habe.“ 

Handwerk gilt als Männerdomäne

Obwohl es für sie nicht immer ganz einfach war: Vor allem in einem Beruf, der bei vielen noch als Männerdomäne gilt. Das ärgerte sie manchmal. „Als Frauen im Handwerk haben wir ein härteres Standing, weil uns gewisse Berufe nicht zugetraut werden. Aber das sind für mich altbackene Vorurteile.“ 

Heute arbeitet die 27-Jährige im Betrieb ihrer Eltern in Göppingen und ist Steinmetzin und Steinbildhauermeisterin in der fünften Generation. 

Ich wollte immer etwas mit meinen Händen schaffen.

Sie ist begeistert, wie vielfältig ihr Beruf dabei ist. „Viele denken bei Steinmetzen nur an Grabsteine. Aber wir sind auch in der Denkmalpflege, im Baubereich, in der Bildhauerei oder auch in der Gestaltung von Bädern und Fußböden tätig“, erklärt sie. 

Sie ist fasziniert vom Stein als Material, denn kein Stein gleiche dem anderen. Steine seien über Millionen von Jahren entstanden und entstehen immer weiter. Deshalb fühle sie eine gewisse Ehrfurcht, dass sie aus Steinen etwas Bleibendes erschaffen kann. 

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Grabmale sind ihre Leidenschaft

Am liebsten arbeite sie mit Kalkstein, verrät Luisa. Dieser sei nicht ganz so hart und sie könne die Oberfläche so polieren, dass sich Effekte im Stein widerspiegeln. In der Werkstatt ihrer Eltern benutzt sie Krananlagen und Maschinen, um Steine zu bewegen und zu bearbeiten. Für die Feinarbeiten nimmt sie beispielsweise Hammer und Meißel zur Hand. 

Luisa hat diese Blume auf einem Grabstein erstellt
Luisa Lüttich

Grabmale erstellen, ist ihre besondere Leidenschaft. Luisa Lüttig sagt, „viele wissen, wovon ich spreche, wenn ich sage 'Trauer ist etwas, was einen übermannen kann'. Es ist ein einschneidender Prozess und es tut weh.“ 

In Beratungsgesprächen mit Hinterbliebenen versucht sie sich ein Bild von der verstorbenen Person zu machen und herauszufinden, wie sich die Trauernden das Grab vorstellen. Sie möchte jeden Grabstein so persönlich wie möglich gestalten, damit sie darin Halt finden können, wenn sie das Grab besuchen. „Wenn ein Grab oder ein Grabstein diesen Menschen ein Stück weit widerspiegelt, ist es ein großes Geschenk. Und ich habe die Ehre, dass ich das machen darf.“

Ein Löwenbaby als Grabstein
Luisa Lüttich

Es kommt auch immer wieder vor, dass sie Geschichten von Beratungsgesprächen in Gedanken mit nach Hause nimmt. Vor allem, wenn es um verstorbene Kinder geht. Einmal, erzählt sie, habe sich ein junges Elternpaar für ihre Tochter ein Löwenbaby als Grabstein gewünscht. „Das kleine Mädchen hatte ein Kämpferherz, aber hatte es leider nicht geschafft. Was kann da schöner und süßer kämpfen als ein kleiner Löwe?“ 

Etwa zwei Wochen lang arbeitete Luisa Lüttig an dem Stein, bis sie das Löwenbaby auf das Grab setzen konnte. Solche Momente bewegen sie. „Es macht einem bewusst, wie kostbar das Leben ist.“

Als „Steinfluencerin“ auf Social Media

Ihren Alltag zeigt Luisa Lüttig auch in den Sozialen Medien. Auf Instagram ist sie unter dem Namen @stein_fluencerin unterwegs. Nicht, weil sie unbedingt bekannt werden wollte, sondern sie wurde viel mehr vor einer Freundin überredet, Einblicke in das jahrtausendealte Handwerk zu geben.

Zuerst war sie skeptisch, weil sie sich selbst als kamerascheu bezeichnet. Doch als die ersten positiven Kommentare unter ihren Fotos erschienen, machte sie weiter. 

Ich möchte meinen Beruf so zeigen wie er ist, authentisch und unverfälscht.

Unter ihren Fotos findest du neben Werkzeugen und Werkstatt auch staubige Schuhe, Steinarbeiten, fertiggestellte Grabsteine oder auch Tipps und Tricks zum Steinmetzhandwerk. 

Vorurteilen gegenüber dem Handwerk begegnen

Mit ihrem Instagram-Profil möchte Luisa vor allem junge Menschen für das Handwerk begeistern. Ihrer Meinung nach denken viele, im Handwerk werde man nicht nur ständig dreckig und müsse früh aufstehen, sondern werde auch schlecht bezahlt. 

Steinmetzin Luisa Lüttich
privat

Die Göppingerin sieht das anders: „Ich bin 27 Jahre alt und habe mein Haus fertig gebaut. Ich glaube, das können wenige von meinen studierenden Freundinnen und Freunden so von sich behaupten.“ Sie ist stolz auf das, was sie bisher erreicht hat. Kritische Kommentare unter ihren Fotos auf Instagram versucht sie zu verdrängen: „Man muss nicht jede Meinung annehmen. Das habe ich im Laufe der Jahre gelernt.“ Etwa 6.500 Menschen folgen ihr mittlerweile auf ihrem Profil. Das treibt sie an. 

Botschafterin für Handwerksberufe

Steinmetzin Luisa Lüttich
Inga Geiser

Der Erfolg in den sozialen Medien motivierte Luisa Lüttig, sich im Jahr 2022 für den Titel Miss Handwerk zu bewerben – und prompt gewann sie. Rückblickend sei es ein ganz besonderes Jahr gewesen, erzählt sie. Auf einmal sei sie so umso präsenter in den Medien gewesen, habe zahlreiche Interviews gegeben und nicht nur als Frau ihr Handwerk repräsentiert, sondern sei auch Botschafterin für alle Handwerksberufe in Deutschland gewesen. 

Sie ist kreuz und quer durch Deutschland gereist, war bei verschiedenen Veranstaltungen eingeladen und konnte dort unter anderem auf ihr Steinmetzhandwerk aufmerksam machen. 

„Das hat mir sehr viel bedeutet, weil es leider ein aussterbender Beruf ist. Es gibt einfach nicht mehr so viele von uns. Und das ist sehr schade.“ Umso größer sei für sie die Ehre gewesen, den Titel als Miss Handwerk 2022 tragen zu dürfen. 

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Rund 5.000 Steinmetzbetriebe gibt es bundesweit. Die Anzahl der Frauen habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Luisa wertet das als Erfolg. Denn auch in ihrem Handwerk sind mittlerweile viele Hilfsmittel und Maschinen verfügbar, die den Steinmetzberuf für Frauen erleichtern

Jedoch entscheiden sich ihrer Meinung nach immer noch zu wenige junge Menschen für ein Handwerk. Sie plädiert für eine Art verpflichtendes Handwerkspraktikum in der Schulzeit, auch für Gymnasiasten. „Es gibt mehr als 130 Handwerksberufe und die wenigsten Schülerinnen und Schüler haben bisher einen einzigen in ihrem Leben gesehen. Da haben sie etwas verpasst.“

Für Luisa Lüttig ist mit ihrem Beruf als Steinmetzin und Steinbildhauermeisterin ihr Traum in Erfüllung gegangen. Künftig möchte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann den Betrieb ihrer Eltern übernehmen. Und – sie möchte auch weiterhin in den Sozialen Medien tätig sein, um für das Handwerk zu werben. Denn sie sagt: „Ich gehe jeden Abend glücklich nach Hause.“