„Querdenker“ sprachlos gemacht

Chef der Wormser Polizei: „Bin nicht besonders bibelfest“

Thomas Lebkücher beeindruckt „Querdenker“ mit einer biblischen Geschichte.
Polizeiinspektion Worms

Thomas Lebkücher glaubt nicht, dass er mit seinem beeindruckenden Auftritt die „Querdenker“-Menschen zum Umdenken bewegt hat. Aber was er erreichen wollte, hat er erreicht.

Sein Auftritt hat ihn über Nacht bundesweit bekannt gemacht: Thomas Lebkücher, Chef der Polizeiinspektion Worms, hat "Querdenkern", die eine als Gottesdienstgetarnte Corona-Demo abhielten, erklärt, wie das so ist mit den Grundrechten und dabei ein biblisches Gleichnis abgelassen. Das Video eines Augenzeugen darüber ging auf Twitter viral.

Dabei hält sich Lekücher selbst für nicht einmal besonders bibelfest. Aber er sei als Kind und als Jugendlicher Ministrant in der katholischen Kirche gewesen, erzählt er. Die Geschichte aus dem Garten Gethsemane sei in seinem Hinterstübchen hängengeblieben und ihm an jenem Tag spontan wieder eingefallen.

Denn Petrus sei, als er sich vor Jesus stellte, als Schutzmann aufgetreten, sagt der 42-jährige Polizeioberrat. Und das Gleichnis zeige, dass auch ein Schutzmann sehen musste, dass die zentrale Botschaft Jesu, nämlich die Nächstenliebe, stärker sei als körperliche Gewalt.

„Wenn man die Macht und die Wunder bedenkt, die Jesus Christus hat, hätte er sich seiner Verhaftung jederzeit entziehen können“, sagt der Beamte. Er ist in seiner pfälzischen Heimatgemeinde auch Ortsbürgermeister, bei den Freien Wählern aktiv und Vater von Zwillingstöchtern. „Er hat es aber aus Nächstenliebe nicht getan.“

Einsatztaktik: Erst mal ansprechen

Als am vergangenen Sonntag eine Gruppe von „Querdenkern“ vor dem Wormser Luther-Denkmal „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen und dabei weder Masken getragen noch den Mindestabstand eingehalten haben, habe Lebkücher sie erst einmal drei Strophen singen lassen, berichtet er.

„Wie es unsere polizeiliche Taktik in solchen Situationen ist, versuchen wir gezielt, die Personengruppen anzusprechen, sie auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen“, erklärt er in einer Audionachricht der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mainz.

Grundrechte müssen miteinander im Verhältnis stehen

Als die „Querdenker“ lamentieren und auf ihr Recht auf Religionsausübung pochen, erklärt der Polizist ihnen ruhig und sachlich, wie das so ist mit den verfassungsmäßigen Rechten: „Ein Grundrecht kann nie uneingeschränkt durch ein anderes Grundrechtgelten.“

Recht auf Religionsausübung sei ja gut und schön, aber andere hätten eben auch ein Recht auf Leben, und um das zu gewährleisten, müsse die Pandemie durchbrochen werden. „So funktioniert eine Gesellschaft.“

Betet so, dass ihr keinem anderen schadet.

Er bittet die Menschen, sich als gläubige Christen an die Regeln zu halten: „Denken Sie an das christliche Gebot der Nächstenliebe!“ Auf die Frage eines der „Querdenker“, was Jesus heute sagen würde, antwortet Lebkücher: „Er würde sagen: ‚Betet so, dass ihr keinem anderen schadet.‘“ Und dann schiebt er das Gleichnis nach.

Er erzählt die Geschichte, als Jesus im Garten Gethsemane verhaftet werden sollte und Petrus einem der römischen Soldaten mit dem Schwert ein Ohr abgehauen hat. Jesus habe dem Soldaten das Ohr wieder angelegt. Weil er eben von Nächstenliebe geprägt gewesen sei. „Das ist das fundamentale Gebot“, sagt Lebkücher, „und wenn wir uns alle daran halten, haben wir kein Problem.“

Primäres Ziel erreicht

Er glaube nicht, dass er mit seiner Botschaft durchgedrungen sei und bei den Leuten vor dem Luther-Denkmal ein Umdenken angestoßen habe, sagt Lebkücher. Vielleicht hat er da recht, denn in einschlägigen Diskussionsräumen im Internet war bereits die Behauptung zu lesen, Lebkücher sei gar kein Polizist, sondern ein Schauspieler, der sich eine Uniform angezogen habe.

Aber immerhin habe Lebkücher sein primäres Ziel erreicht, sagt er: „Sie haben wenigstens ihr Verhalten dahingehend angepasst, dass sie nicht mehr gesungen haben und wir in der Folge auch keine Anzeige vorlegen mussten.“