Gesellschaft

Der vergessene Krieg im Sudan: Ein Flüchtling erzählt

Sudanese in Rückenansicht
Florian Riesterer

Ein besseres Visasystem für Arbeitskräfte aus dem Ausland wünscht sich Tayeb: Dann würden weniger Menschen bei illegalen Einreiseversuchen sterben, sagt der 29-Jährige Flüchtling aus dem Sudan.

Seit 2023 tobt im Sudan ein Bürgerkrieg. 21 Millionen Menschen hungern, mehr als 12 Millionen sind auf der Flucht. Tayeb (Name von der Redaktion geändert) hat in Deutschland Asyl beantragt. Der 29-jährige Sudanese kritisiert das Visasystem für Fachkräfte als zu umständlich. Er sagt: Gut ausgebildete Sudanesen landeten so in den Händen von Schleppern.

„Wir haben ein Problem. Der Krieg im Sudan kommt in den Sozialen Medien nicht vor“, sagt Tayeb. Noch bevor der Krieg begann, war er mit seiner Familie nach Ägypten emigriert. Dort hat er gearbeitet, später in Saudi-Arabien - bis sein Arbeitsvisum auslief. Ägypten, wo seine Eltern immer noch leben, nimmt keine Sudanesen mehr auf. Laut UNHCR leben dort knapp eine halbe Million Flüchtlinge aus dem Sudan. Amnesty International wirft dem Land vor, Sudanesen rechtswidrig in ihr Heimatland abzuschieben.

Wegen Flugblättern im Gefängnis

„Ich kann nicht in den Sudan zurück“, sagt Tayeb. In seinem Heimatland hatte er Flugblätter verteilt, in denen er die aktuelle Regierung kritisierte. Deshalb landete er mehrfach im Gefängnis. „Ich traue mich nicht mal, etwas ins Internet zu schreiben.“ Und er ist sich sicher: Wenn er jemals wieder in den Sudan reisen sollte, droht ihm die Festnahme und Schlimmeres.

Tayeb hat Englische Literatur und Sprache studiert, spricht flüssiges Englisch, hat einen Bachelorabschluss in der Tasche. Doch die Hürden, ohne festen Arbeitsvertrag ein Visum für Deutschland zu bekommen und eine Chancenkarte für Arbeitssuchende zu erhalten, sind hoch. Wenn nicht eine Person in Deutschland bürgt, müssen rund 12.000 Euro auf einem Sperrkonto hinterlegt werden. „Zu viel“, sagt Tayeb. Eine Menge sudanesischer Fachkräfte gingen so dem deutschen Arbeitsmarkt verloren.

Pushbacks

  • Pushbacks bezeichnen rechtswidrige Zurückweisungen von Flüchtlingen, besonders an den EU-Außengrenzen.
  • EU-Mitgliedsstaaten dürfen ausländische Staatsbürger zwar daran hindern, unerlaubt die Grenze zu überschreiten.
  • Flüchtlinge dürfen aber in kein Land zurückgewiesen werden, in dem sie gefährdet sind. Dies kann auch ein Drittland sein, über das sie einreisen.

Falsche Arbeitsverträge

Noch schwieriger macht es der Krieg. Die deutsche Botschaft, wo Visa beantragt werden können, ist geschlossen. Das Auswärtige Amt verweist Sudanesen auf seiner Homepage nach Kenia, Äthiopien und Ägypten.

So suchen viele seiner Landsleute andere Wege aus dem Land. So genannte Travel Agencys versprechen Arbeitsverträge in Katar, Kuwait oder Saudi-Arabien, die sich aber nach der Ankunft als „fake“ entpuppen, schildert Tayeb. Die Fluchtroute über das Mittelmeer über Libyen wählen kaum noch Sudanesen, seit die paramilitärische Gruppe “Rapid Support Forces” (RFS) die Region zwischen Libyen, Sudan und Ägypten kontrolliert. Er ist sich sicher:

 You can not survive.

An der Grenze gestorben

Tayeb weiß von Flüchtlingen, die über Russland nach Deutschland kommen wollen. Viele sind an der bewaldeten EU-Grenze zwischen Polen und Weißrussland gestorben. „Wenn du zu jemand drei Tage keinen Kontakt hast, ist er sehr sicher tot“, hat ihm ein Freund erzählt. Polnische Grenzschützer feuerten mit Gummigeschossen auf ankommende Flüchtlinge, drängen sie nach Weißrussland zurück. „Ob du dich verletzt, ist ihnen egal, sie rufen keine Hilfe“, sagt Tayeb.

Der 29-Jährige warnt deshalb:

Ich empfehle Niemandem, illegal nach Deutschland einzureisen.

 Gleichzeitig richtet er einen Appell an die Bundesregierung: „Macht es den Menschen nicht zu schwer. Du kannst nicht sagen, du willst keine illegalen Flüchtlinge und gleichzeitig den Weg per Visum verbauen."

Menschen nicht kasernieren

Tayeb schlägt vor, die Integration der Flüchtlinge in Deutschland zu entbürokratisieren. Vieles sei sehr kompliziert, sagt Tayeb, der sich selbst schon passables Deutsch beigebracht hat. Deshalb kennt er Begriffe wie Ausländerbehörde und Arbeitserlaubnis. 

Die Menschen hier müssen mit anderen in Kontakt kommen, auch um die Sprache zu lernen. Das ist schwer. Wir dürfen Speyer nicht verlassen, dabei gibt es gute Angebote in Mannheim, Karlsruhe, Landau oder Neustadt“, sagt er zur Wohnsitzpflicht für diejenigen, deren Asylantrag läuft. 

Tayeb versucht, die Zeit so gut es geht, zu nutzen: „Ich begrüße die neuen Leute, helfe ihnen bei Papierkram, dolmetsche auf Englisch oder Deutsch. Ich kenne mich inzwischen ganz gut aus mit dem Gesetz.“ Hin und wieder fährt er mit dem Bus in die Speyerer Innenstadt, trinkt einen Kaffee, schaut den Menschen zu.

„Ich habe ein paar deutsche Freunde, aber es ist nicht so einfach, Freundschaften zu schließen.“ Manche sind freundlich. „Andere wollen nur wissen: Woher kommst du, arbeitest du, was machst du hier, hast du Geld oder nicht?“

Traurig über Rassismus

Dass ihn einige am liebsten gar nicht in Deutschland sehen wollen, weiß er. „Wir sind das Stadtbild”, sagt er und bezieht sich damit auf die vermeintlich rassistische Aussage von Kanzler Friedrich Merz im Sommer 2025. Er lacht, um gleich darauf wieder ernst zu werden. Ja, er verfolge die Nachrichten in Deutschland, lese Zeitung, kenne die entsprechenden Aussagen. „Das ist unhöflich und unfreundlich.“

Aber was könne er dagegensetzen, außer seinem Willen, hier zu arbeiten? Deutschland brauche Arbeitskräfte: in der Pflege, in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, im Handwerk. Er selbst wolle Mechatroniker lernen, anschließend seinen Master machen.

„Ich werde hier bleiben und arbeiten“, ist seine klare Ansage. „Und vielleicht in der Zukunft auch meine Kinder. Wenn sie das wollen.“