Gesellschaft

Erdbeben in Venezuela: Eine Mutter verlor ihre Familie

Sabrina Pérez (vorne im Bild) sucht gemeinsam mit Nachbarn (2 Männer im Hintergrund) in den Trümmern nach Überlebenden.
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Nur eine Tochter von Gabriela hat überlebt. Auch die damals 21-jährige Sabrina (vorne im Bild) geht gemeinsam mit Nachbarn in die Trümmer.

Wochenlang gräbt Gabriela mit bloßen Händen in den Trümmern ihres Hauses. Heute hilft sie anderen. Aber frisches Wasser, Medikamente und Hilfsgüter fehlen weiterhin in La Guaira.

von Isabella Terán

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erzählt vom Verlust geliebter Menschen und insbesondere vom Tod mehrerer Kinder. Wenn dich solche Berichte über Tod, Trauer und den Verlust von Angehörigen sehr belasten oder dir nahegehen, lies den Text bitte nur, wenn du dich gerade dazu in der Lage fühlst – und vielleicht nicht allein.

Ein schwarzer Bildschirm zeigt den Namen von Gabriela Pérez. Die Internetverbindung beim Zoom-Interview mit Venezuela ist schlecht. „Ich kann dich hören“, sagt sie und ihr Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. 

Was Gabriela verloren hat

Eine Frau mit grünem Bauhelm hockt inmitten der Trümmer. Sie sammelt Habseligkeiten in einen blauen Wäschekorb aus Plastik.
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Gabriela sucht in den Trümmern nach Überlebenden und Habseligkeiten.

Gabriela hat bei den zwei schweren Erdbeben im Juni 2026 ihre vier Kinder und ihre Mutter verloren. Nur sie und ihre älteste Tochter haben überlebt.

„Fast 14 Jahre habe ich zusammen mit meiner Mutter und meinen vier Kindern in einem Wohnhaus gelebt“, erzählt Gabriela. Es gehörte zu den Gebäuden, die durch das Erdbeben vollständig eingestürzt sind. Anschließend ist es abgebrannt. 

Gabriela lebt in La Guaira, einem der besonders stark betroffenen Bundesstaaten an der venezolanischen Küste. Am 24. Juni 2026 gegen 18 Uhr ist Gabriela nicht zuhause. Als die Erde bebt, fährt sie sofort los. „Ich hatte große Hoffnung, sie lebend zu finden“, sagt sie. Sie durchsucht die Trümmer mit ihren bloßen Händen. 

Erdbeben 2026 in Venezuela

Laut dem US Geological Survey ereigneten sich am 24. Juni 2026 zwei Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5. Die Diakonie Katastrophenhilfe nennt in ihrem Bericht vom 15. September 2026 unter Berufung auf die venezolanische Regierung 5.208 Todesopfer.

Dort trifft sie ihren Freund Hernán, der ebenfalls nach seiner Familie sucht. „Er und andere Nachbarn haben mir mit Händen, Bohrmaschinen und Schaufeln geholfen, nach meiner Familie zu suchen.“ 

Sie suchen nicht nur Stunden und Tage, sondern wochenlang. Erst nach einem Monat findet Gabriela die ersten Leichen. Es sind die ihrer zwei Söhne, eine ihrer drei Töchter und ihre Mutter. Ihre zweite Tochter findet sie Mitte August. Sie war erst acht Jahre alt.  

Fehlende staatliche Unterstützung für die Erdbeben-Opfer in Venezuela

5 kleine Holzkästen stehen vor einem Plakat mit Bildern der verstorbenen Familie von von Gabriela. Im Hintergrund die Fahne Venezuelas, im Vordergrund Menschen, die diesen Menschen gedenken, eine Frau macht das Foto als Selfie.
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Nach der schweren Suche ist die Beerdigung der geliebten Familie für Gabriela (vorne im Foto) auch eine bürokratische Herausforderung.

Für die Bestattung ihrer Familie werden Dokumente verlangt. „Sie fragten zum Beispiel nach der Geburtsurkunde meiner Kinder“, erzählt sie. Dabei hatte sie mit ihrem Zuhause alles verloren. Gabriela erzählt, von staatlichen Institutionen weder Hilfe noch Empathie bekommen zu haben. „Nicht mal ermutigende Worte bekamen wir vom Staat. Dabei hätte sogar eine Umarmung gereicht“, sagt sie.

Menschen helfen anderen Menschen

Gabriela erinnert sich vor allem an die Menschen, die geholfen haben: „Es gab den Venezolaner, der mit Arepas zum Essen kam und sie verteilte. Es gab die Frau, die Kaffee gekocht und angeboten hat.“ Diese Menschen spenden Gabriela Hoffnung. 

Eine Nachbarin von Gabriela zeigt ein persönliches Fundstück aus den Trümmern. Es scheinen Bilder zu sein.
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Nur wenige Erinnerungsstücke konnte Gabriela aus den Trümmern bergen.

Tausende Venezolanerinnen und Venezolaner kommen aus anderen Regionen, um zu helfen. Sie erinnern Gabriela an ihre Mutter und ihre Großmutter. „Sie waren auch so: Immer hilfsbereit und mit gutem Willen“, sagt sie. 

Besonders präsent ist ihr ein Sprichwort, das ihre Mutter oft zu ihr gesagt hat: „La vida continúa, para atrás ni para coger impulso.“ Übersetzt bedeutet das: Das Leben geht weiter. Zurück geht man nicht – nicht einmal, um Schwung zu holen. Diese Redewendung ist in Venezuela weit verbreitet. Für Gabriela hat sie nach den Erdbeben eine neue Bedeutung bekommen.

Ihre beste Hilfe in der Trauer ist es, sich nützlich zu fühlen und selbst anderen zu helfen. Ihre älteste Tochter hat auch überlebt. Gabriela sagt: „Wenn ich zerfalle, zerfällt sie auch. Deswegen muss ich stark bleiben.“ 

Wie es nach dem Erdbeben weitergeht

Das motiviert Gabriela. Sie hilft betroffenen Kindern und ihren Nachbarn. Die sind für sie inzwischen wie eine Familie. Gemeinsam suchen sie weiterhin nach Vermissten und verteilen Hilfsgüter. Dabei denkt Gabriela immer wieder an ihre Kinder und ihre Mutter. „Das gibt mir Kraft“, erzählt sie.

Gabriela wünscht sich mehr internationale Aufmerksamkeit für die Menschen in ihrem Land. Sie beschreibt fehlende Hilfsgüter, Medikamente und vor allem frisches Wasser. „Die Menschen dürfen La Guaira nicht vergessen“, fordert sie. 

Zerstörung - nur noch ein Haus steht, einige Helfende in den Trümmern.
Diakonie Katastrophenhilfe/AVESSOC
Das Doppelbeben in Venezuela am 24.06. hat besonders die nördliche Region La Guaira hart getroffen. Die Zerstörung in dem Bundesstaat, der für das südamerikanische Land auch als Tor zur Welt gilt, ist massiv. La Guaira erstreckt sich als schmaler Küstenstreifen entlang der zentralen Karibikküste etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Caracas entfernt.

Auch Michael Frischmuth, Programmleiter der Diakonie Katastrophenhilfe und Regionaldirektor Europa, Lateinamerika und Asien, warnt davor, dass die Aufmerksamkeit zu schnell nachlässt. „Das Interesse für diese Krise und deren Folgen ist heute noch wichtig“, sagt er. 

Ein Notfallteam der Diakonie Katastrophenhilfe war nach den Erdbeben vom 24. Juni vor Ort und erhob im betroffenen Bundesstaat Yaracuy die Schäden.
Diakonie Katastrophenhilfe
Ein Notfallteam der Diakonie Katastrophenhilfe war nach den Erdbeben vom 24. Juni vor Ort und erhob im betroffenen Bundesstaat Yaracuy die Schäden.

Er erklärt, was mit den Spenden aus Deutschland bisher passiert ist: Damit konnte die Diakonie Katastrophenhilfe bis August 2026 „mehr als 20.000 Menschen in Venezuela unterstützen“. Im Mittelpunkt stehe dabei die Sicherung der Basisversorgung mit:

  • Trinkwasser

  • Ernährung

  • Hilfsgüter

  • medizinische Notversorgung 

  • psychosoziale Begleitung

„Die Menschen sind weiterhin in Not und wir werden als Hilfsorganisation da noch viele weitere Jahre arbeiten“, betont Michael Frischmuth. 

Eine Frau und ein Mann in den Trümmern - sie suchen mit ganzem Körpereinsatz
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Nachbarinnen und Nachbarn haben Gabriela bei der Suche geholfen.

Deswegen baut Gabriela ihre Zukunft in der Hilfe für andere auf: Sie will sich ein neues Zuhause in Venezuela kaufen. Aktuell sammelt sie über die Crowd-Funding-Website „Help them directly“ dafür Gelder. 

Dort möchte sie ihr Leben wieder aufbauen und ganz von vorne anfangen. Doch ihr neues Zuhause soll nicht nur ihr selbst gehören. Sie möchte eine Stiftung gründen, die langfristig Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt – insbesondere Kinder, etwa durch psychologische und psychopädagogische Betreuung. Die Stiftung soll den Namen ihrer vier Kinder und ihrer Mutter tragen. 

Sie bereut es, viel gearbeitet und deswegen Zeit mit ihren Kindern verpasst zu haben. „Das Leben kann sich in weniger als einer Minute ändern. Geld ist nicht alles. Geld ist nichts wert. Was am wertvollsten ist, ist die Zeit mit deinen Liebsten“, betont sie. 

Hinweis der Redaktion: Das Gespräch wurde auf Spanisch geführt, die Zitate wurden übersetzt und sprachlich geglättet.