Gesellschaft

Venezuela: Journalistin hofft auf Regimewechsel

Der Demozug in einer der Hauptstraßen, das Foto zeigt den Demonstrationszug von oben
gettyimages/camacho9999
San Cristóbal, Venezuela – 12. Februar 2015: Am Tag der Jugend demonstrieren Studierende. Sicherheitskräfte der Staatspolizei und der Nationalgarde verhindern, dass sie einen Brief über die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und rechtlichen Probleme überbringen können.

Nach dem US-Angriff auf Venezuela und der Verhaftung von Nikolas Maduro ist die Zukunft des Landes offen. Eine ausgewanderte Journalistin ist vorsichtig optimistisch.

Stell dir vor: Es ist mitten in der Nacht, als laute Stimmen durch die Wände dringen. Schwere Schritte und das Schlagen einer Haustür verraten, dass Personen in dein Zuhause eindringen. Bewaffnete Männer stürmen dein Haus. Die Eindringlinge sind vom Militär. Ihr Ziel: Sie möchten dich festnehmen.

Bedrohung für Pressevertreterinnen in Venezuela

Solche Szenen gehören für Isabella Terán zu ihrer Kindheit und Jugend. Männer nehmen ihre Mutter ohne Vorwarnung in SUVs und Pick-up-Trucks mit. Dort musste sie sich Befragungen stellen. Und das nur wegen ihres Berufs, denn Isabellas Mutter ist Journalistin in Venezuela

Journalismus als Familie

Isabella, steht in einen Fliederfarbenen Blazer und weißer Bluse vor Violettem Hintergrund und und lächelt in die Kamera.
indeon

Das hat Isabella sehr beeindruckt - so sehr, dass sie in die beruflichen Fußstapfen ihrer Mutter treten möchte. Schon in Venezuela hat sie zusammen mit ihrer Mutter im Radiostudio gestanden. Diese berichtet vor allem über Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Themen. 

Flucht aus Venezuela nach Deutschland

Für das Regime von Ex-Präsident Nicolás Maduro ist das Grund genug, um Druck auf sie und ihre Familie auszuüben. 2017 wird die Lage für die angehende Journalistin Isabella zu gefährlich. Damals ist sie 17 Jahre alt. Sie lässt ihre Familie in Venezuela zurück und wandert nach Deutschland aus

Politik in Venezuela

Seit 1999 werden in Venezuela demokratische Strukturen allmählich abgebaut. Hugo Chávez regierte 1999 bis 2013. Sein Nachfolger Nicolás Maduro wurde von ihm persönlich zum Nachfolger ernannt. Es gab mehrere wichtige Zäsuren, die die Demokratie abgebaut haben: 2002 bis 2006:  Übergang von der „Bolivarischen Revolution“ zum „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ unter Chávez, 2015 die Entmachtung der gewählten Nationalversammlung und 2018/2019: Maduros Wiederwahl wurde von der Nationalversammlung für ungültig erklärt, ein Übergangspräsident eingesetzt, Maduro blieb aber faktisch im Amt. Damit funktionierten Wahlen und Institutionen nicht mehr, und Venezuela wurde de facto ein autoritär geführter Staat.

Seitdem verschärfen sich politische, soziökonomische und humanitäre Krisen, begleitet von massiven Menschenrechtsverletzungen. Quelle: bpb.de

Hier baut sie sich ein neues Leben auf. Anfang 2026 hat sie ihr Studium der Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main abgeschlossen, ihre journalistische Karriere verfolgt sie weiter. So ist sie etwa Teil des journalistischen Ausbildungsprojekts Medienstarter in Frankfurt vom Netzwerk Journalismus.

Aber ihre Eltern und ihre jüngere Schwester bleiben in ihrer Heimatstadt San Cristóbal, im Westen des Landes, zurück. Das sei keine leichte Entscheidung gewesen, sagt sie. In der Nacht zum 3. Januar 2026 haben die USA Venezuela angegriffen und Präsident Nicolás Maduro entführt. Seitdem ist die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez vorübergehend Regierungschefin. 

Im Interview mit Alexandra Barone von evangelisch.de und Selina Groß von indeon.de erzählt die 25-Jährige von dieser Entscheidung. 

Deine Mutter ist Journalistin. Wie war die Situation der Journalisten in Venezuela vor dem US-Angriff? Was erhoffen sich deine Mutter und ihre Kolleg*innen von der Zukunft?

Isabella: In Venezuela gibt es seit Langem keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr. Davon sind Journalist*innen besonders betroffen. Zensur gehört zum Alltag, kritische Berichterstattung über die Regierung ist praktisch unmöglich, ohne persönliche Konsequenzen zu riskieren - von Entlassung bis hin zur Festnahme. 

Journalist*innen leben in ständiger Angst, etwas „Falsches“ zu sagen und können ihren Beruf nicht frei ausüben. Auch während weltweit über die Festnahme Maduros berichtet wird– innerhalb Venezuelas nicht.

Meine Mutter wurde 

  • mehrfach zensiert
  • festgenommen und
  • später wieder freigelassen

Für Journalist*innen ist es extrem frustrierend, nicht frei arbeiten zu können und ständig Angst vor Repressionen zu haben. 

Für die Zukunft hoffen sie und ihre Kolleg*innen auf ein demokratisches Land, in dem sie ihren Beruf frei und ohne Angst ausüben können.

Was Journalismus leistet

Der Journalismus hat drei zentrale Aufgaben:

  • Informieren
  • Machtpositionen kontrollieren
  • Meinungsbildung in Debatten ermöglichen 

Kam der US-Angriff auf Venezuela für die Menschen vor Ort überraschend? 

Isabella: Viele Menschen ahnten dann schon, dass es irgendwann zu einer Invasion bzw. zu einem Angriff kommen könnte. Aber ohne zu wissen, was von einem Tag auf den anderen passieren würde

Auch meine Eltern in Venezuela haben mir immer wieder gesagt, wie angespannt sie täglich waren und wie groß die Unsicherheit darüber war, was als Nächstes kommen könnte. 

Den sogenannten „Angriff“ nehmen ich und viele Venezolaner*innen allerdings nicht als Angriff, sondern eher als Festnahme des Diktators wahr. Dennoch hat er uns überrascht und schockiert. Gleichzeitig hielten viele ein solches Szenario für möglich.

Wie stehen deine Familie und Freunde zu den USA und dem US-Präsidenten Donald Trump? Wie fühlen sie sich und blicken auf die Zukunft?

Isabella: Die Festnahme des Diktators Maduro hat uns alle zunächst schockiert, danach kam aber auch Freude auf. Vermutlich ist es normal, sich über die Festnahme eines Diktators zu freuen. Er 

  • hat ein Land zerstört
  • hat unermessliches Leid verursacht
  • ist für Tötungen sowie die Flucht von Millionen Venezolaner*innen verantwortlich

Doch sehr schnell folgte die Unsicherheit: Was kommt jetzt? Ist Trump die Freiheit und Demokratie Venezuelas wirklich wichtig? Ich spreche bewusst von Trump, weil seine Politik aus meiner Perspektive oft eher von eigenen Interessen als vom Wohl anderer Länder geprägt wirkt.

Keine Unterstützung für Trumps Politik 

Wir Venezolaner*innen dürfen uns über die Festnahme Maduros freuen. Das bedeutet aber nicht, dass wir Trump oder seine Politik unterstützen oder die Zukunft nun als einfach sehen. Unsere Priorität ist ein möglichst schneller demokratischer Übergang, der vor allem dem venezolanischen Volk dient.

Demokratie spielte für Maduro und sein Regime keine Rolle – jetzt hoffen wir, dass sie zumindest für Trump und die USA nicht in Vergessenheit gerät. Im Jahr 2024 hat das venezolanische Volk Edmundo González Urrutia zum Präsidenten gewählt. Das zu ignorieren, ist kein demokratisches Handeln.

Isabellas Weg in den Journalismus

Seit Ende letzten Jahres ist Isabella Teil der „Medienstarter“ vom Frankfurter Verein Netzwerk Journalismus. Das Projekt vermittelt jungen Menschen Grundwissen im journalistischen Arbeiten für Radio, für den TV-/ Video-Bereich und Social-Media und bringt sie mit Medien-Profis in Kontakt.

Warum willst du Journalistin werden – was beeindruckt dich an dem Beruf am meisten?

Isabella: Meine Mutter als Journalistin zu erleben und sie als Vorbild zu haben, hat mich schon früh zu diesem Beruf geführt. Durch meine Erfahrungen in Venezuela habe ich erkannt, wie wichtig Journalismus für die Demokratie eines Landes ist.

Journalismus ermöglicht Meinungsvielfalt und fördert den Dialog, etwas, das meiner Meinung nach heute in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wichtiger ist denn je.

Liebe zum Journalismus

Mich beeindruckt besonders die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erklären und Demokratie zu schützen. Und letztlich gibt es kaum etwas Besseres, als sich intensiv mit unserer Welt auseinanderzusetzen und das als Beruf ausüben zu dürfen.

Wie ändert die jetzige Situation in Venezuela deine Vorstellung von der Zukunft?

Isabella: Zum ersten Mal seit 26 Jahren Diktatur habe ich die Hoffnung, dass sich die Situation im Land tatsächlich verbessern könnte. Vielleicht sogar so weit, dass ich mir vorstellen kann, eines Tages zurückzukehren und meinen Beruf dort in einem freien Venezuela auszuüben.

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Die Lage in Venezuela und meine Auswanderung haben mich stark geprägt. Ich glaube, ich blicke dadurch anders auf die Welt als viele andere. Es ist nicht leicht, allein in einem anderen Land zu leben und für die eigenen Träume zu kämpfen, aber es ist auch eine große Bereicherung.

Ich kenne heute zwei sehr unterschiedliche Länder und Kontinente und habe vielfältige Erfahrungen gesammelt. Ich weiß die Pressefreiheit sehr zu schätzen und sehe es als Aufgabe des Journalismus und auch meiner eigenen Arbeit, Wahrheit sichtbar zu machen und Demokratie zu schützen.

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