Politik und Fußball

Fußball WM: Warum Politik zum Spiel gehören muss

Selina Groß
Kommentar von Selina Groß

Kann Fußball unpolitisch sein, wenn der Gastgeber Politik zum Teil des Spiels macht? Warum das Schweigen der Nationalspieler bei dieser WM für mich keine neutrale Position ist.

Es ist wieder so weit: Hol die Trikots aus dem Schrank, räum die Deutschland-Fähnchen aus dem Keller, kleb Panini-Bildchen ein. Es ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Anpfiff! Nach Russland und Katar jetzt Sommermärchen made in Hollywood. Football born in the USA (oder so).

Die Fußball-Weltmeisterschaft soll ein Fest des Sports sein. Doch es wird schwer, Sport und Politik voneinander zu trennen. Denn Donald Trump nutzt die größte Bühne des Fußballs für seine eigene Inszenierung. Während Verbände und Spieler schweigen, prägt er die öffentliche Erzählung rund um das Turnier nahezu allein.

Ich habe grundsätzlich Bock auf die WM. Ich bin sportinteressiert, mag es, bei internationalen Wettbewerben zuzusehen, und irgendwie glaube ich daran, dass Sport Menschen auch verbinden kann. 

Voraussetzung dafür ist aber, dass sich beide Seiten auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Eine echte Seltenheit. Was wir stattdessen sehen: Politiker nutzen den Sport zunehmend als Bühne und deuten ihn dadurch neu. 

Trump pfeift das Spiel

US-Präsident Donald Trump hat das auch schon vor der WM abgezogen. Beispiele dafür sind etwa Mixed-Martial-Arts-Kämpfe im Weißen Haus oder Siegerehrungen, bei denen Trump zuerst mit Erfolgen im Iran-Krieg prahlt (sieh dir das Posting unten an). Zur Belohnung dafür gibt es für ihn den FIFA-Friedenspreis. In diesem Sommer wird der Rasen zur Bühne. Zu einer großen Manege, die wir Donald Trump nicht einfach überlassen dürfen.

Schauen wir über die Public-Viewing-Bildschirme hinaus in die Staaten, wird das Bild größer, als es die Übertragung zeigt. Trotz aller Bemühungen, die USA auf Knopfdruck in eine lupenreine (und regelfeste) Fußballnation zu verwandeln und die perfekten Gastgeber zu sein, sind die Erwartungen, die Journalisten an die Stimmung vor Ort haben, sehr niedrig. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber einer überschattet alles: die Angst vor Trumps Einwanderungsbehörde ICE.

Zur Erinnerung: ICE steht wegen ihrer harten Abschiebungspolitik, problematischer Haftbedingungen und aggressiver Festnahmen in der Kritik. Die Behörde arbeitet unverhältnismäßig und menschenrechtswidrig, das sagen zumindest die tausend Protestierenden bei den Demonstrationen gegen ICE. Bei Einsätzen von ICE-Agenten wurden etwa zu Beginn des Jahres in Minneapolis zwei Menschen erschossen.

Das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ der WM 2006 wirkt damit hinfälliger denn je. Berichte über das Vorgehen von ICE sorgen bei einigen internationalen Fans und migrantischen Communitys für Verunsicherung. Die Sorge lautet, dass die politische Stimmung im Land den Charakter eines offenen Fußballfests beeinträchtigen könnte.

Elf Spieler, null Haltung?

Vergangene Woche stieg die deutsche Männer-Nationalelf in den Flieger und landete in Chicago. Gut, bei einem Kader, der aus 26 Millionären besteht, ist die Wahrscheinlichkeit einer ICE-Verhaftung auch recht gering. Trotzdem dürften Neuer, Kimmich und Co. während ihres Trainingslagers mitbekommen haben, was Trumps Einwanderungspolitik für Folgen hat und welche Kritik zur ICE geäußert wird. Und keiner von ihnen bezieht Stellung, äußert seine Meinung oder teilt seine Gedanken.

Dasselbe gilt auch für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ich wollte wissen, warum das so ist, und habe beim DFB nachgefragt. Die Antwort kurz und unmissverständlich. Sie antworten:

  • Das DFB-Präsidium ist sich einig, dass politische Debatten intern und nicht öffentlich geführt werden.
  • Wir wollen uns im kommenden Sommer in einem fairen Wettkampf mit den anderen qualifizierten Teams messen.
  • Wir wollen, dass die Fans weltweit im Stadion und auf den Fanmeilen ein friedliches Fest des Fußballs feiern.
  • Darüber hinaus werden wir uns nicht äußern und bitten um Verständnis.

Die Antwort verdeutlicht die Haltung des Verbandes: Politische Debatten sollen intern geführt werden. Aus Sicht des DFB steht nur das sportliche Turnier im Mittelpunkt. 

Genau hier beginnt jedoch die Diskussion, ob diese Trennung unter den aktuellen Umständen überhaupt möglich ist.

Nicht nur Top-Stars, sondern Vorbilder

Ich verstehe, dass nicht jeder Mensch mit seiner persönlichen Meinung an die Öffentlichkeit gehen will. Fußballer müssen sich fragen lassen, welche Verantwortung sie bei gesellschaftlichen Konflikten tragen. Denn sie sind nicht nur „irgendwelche Typen mit Talent“. Sie sind Personen des öffentlichen Lebens, Botschafter, Influencer, Idole.

Allein Josua Kimmich, dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, folgen auf Instagram 8,6 Millionen Menschen. Wer Millionen Menschen erreicht, beeinflusst öffentliche Debatten, unabhängig davon, ob diese Rolle bewusst gesucht wurde oder nicht.

Verantwortung dafür, den teils sehr jungen Fans nicht nur die Inspiration für den Berufswunsch oder den nächsten Friseurbesuch in die Timeline zu spielen, sondern auch echte Werte wie Respekt und Toleranz zu vermitteln. 

Ich verlange nicht, dass Kimmich sich politisch engagieren muss und etwa auf Demos geht oder an Kundgebungen teilnimmt. Aber für Menschenrechte einzustehen und das auch nach außen zu kommunizieren, ist ein realistischer Anspruch, der nicht vom Sport ablenkt.

Denn immer wieder heißt es: „Fußballer haben einen Job – und das ist, erfolgreich Fußball zu spielen.“ So formuliert es zumindest der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann im ARD-Interview mit Ingo Zamperoni. Für ihn habe die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Katar den Fokus verloren. Man müsse Sport und Politik eindeutig trennen.

Das Argument der Trennung von Sport und Politik hat nachvollziehbare Gründe. Nationalmannschaften sollen Sportler vertreten, keine Parteien. Gleichzeitig stellt sich bei dieser WM die Frage, ob Neutralität überhaupt möglich ist, wenn politische Akteure die Aufmerksamkeit rund um das Turnier aktiv für eigene Zwecke nutzen.

Jedes amerikanische Stadion ist eine Machtdemonstration – von Trumps Amerika, für Trumps Amerika und darüber hinaus. Ich weiß, dass ein einzelner Fußballverband wie der DFB und eine Handvoll Profis mit Statements im Gepäck nicht ausreichen, um die amerikanische Übermacht zurück ins Gleichgewicht zu bringen. 

Die WM wird auch von den Stimmen geprägt, die gehört werden. Wer die Debatte meidet, überlässt anderen die Deutungshoheit. Darin liegt das Risiko dieser FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 26. 

Laut sein durch Nagellack 

Wie sich konkret Haltung zeigen lässt, zeigt etwa die ehemalige Profifußballerin Ali Riley. Als sie 2022 bei der WM in Katar für Neuseeland als Kapitänin spielte, durfte sie wie alle anderen keine OneLove-Binde tragen. Als Statement lackierte sie sich daraufhin die Fingernägel in Regenbogenfarben. Ein kleines Detail, das durch den Mut der Spielerin und die mediale Aufmerksamkeit große Bedeutung erhielt.

Wir brauchen mehr solcher Stimmen im Fußball. Denn wenn nur Donald Trump die politische Erzählung dieser WM prägt, fehlt dem Turnier eine sichtbare Gegenposition.

Siehst du das auch so, oder bist du für die Trennung von Sport und Politik? Schreib uns deine Meinung auf unseren Social-Media-Kanälen:

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