Nicht nur Witze sind witzig

Interview: Jeder Witz kratzt an unseren Ängsten

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Menschen lachen über unterschiedliche Dinge, aber die Ursachen sind ähnlich: Sie haben etwas mit Angst zu tun, erklärt der Lachforscher Rainer Stollmann im Gespräch mit Renate Haller. Wer lacht, kommt schließlich in den Genuss von Glückshormonen.

Es gibt Menschen, die lachen über Blondinenwitze, andere finden die unterirdisch. Ist das nur Geschmackssache oder gibt es eine Voraussetzung für einen guten Witz?

Rainer Stollmann: Ein guter Witz hat eine Pointe und trifft auf eine Angst im Menschen. Lachen ist dazu da, Angst aufzulösen, es ist das natürlichste Mittel gegen die Angst. Die ist oft tief verborgen und dem Menschen gar nicht bewusst. Von 100 Witzen beschäftigen sich etwa 30 mit dem Tod, und davor haben wir alle ein bisschen Angst.

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Witz kommt von Wissen, sagt der Lachforscher Rainer Stollmann.

Auf welche Angst treffen die Blondinenwitze?

Rainer Stollmann: Sie treffen die Angst von Machos und Patriarchen vor der Emanzipation der Frau. Sie machen die Frauen dumm, damit sie keine Angst mehr haben müssen.

Haben sich die Menschen im Mittelalter auch schon Witze erzählt?

Rainer Stollmann: Laut Lexikon gab es die erste Witzesammlung in Athen etwa 400 vor Christus. Wenn Sie aber reinschauen, haben von 29 Witzen 27 keine Pointe. Richtig ist, dass der Witz eine städtische Erfindung ist und mit der Aufklärung zu tun hat, er ist eine relativ neue Erfindung des 18. Jahrhunderts.

Witz kommt von Wissen. Tatsächlich hätte ein Bauer im 16. Jahrhundert einen Witz nicht verstanden, weil er keinen Sinn für eine Pointe hatte. Auch die großen Komiker unserer Zeit machen übrigens nicht viele Witze. Loriot hat im strengen Sinne von Pointe keinen einzigen Witz gemacht. Helge Schneider marschiert um die Pointen herum, selbst wenn sie auf der Straße liegen.

Menschen sind Glücksucher und folgen dem Lustprinzip.

Worüber lachen wir bei Loriot und Helge Schneider?

Rainer Stollmann: Über Situationskomik und über das Groteske. Das ist auch der Schlüsselbegriff für die Lachkultur der früheren Bauern. Das Groteske ist im Unterschied zu einem Witz nicht auf einen Punkt zugeschnitten. Wenn man etwa an Bildergrotesken denkt, haben die oft etwas Labyrinthisches, etwa Weinranken, aus denen dann Gesichter hervorsprießen. Das ist eine andere Lachkultur als die des Witzes.

Rainer Stollmann

Der Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann ist Hochschuldozent i.R. der Universität Bremen. Habilitiert hat er sich 1995 über „Natur und Kultur des Lachens“. 

Einen Klassenclown gibt es überall. Warum versuchen Menschen, witzig zu sein?

Rainer Stollmann: Dazu gibt es eine interessante Studie. Zwei Pädagoginnen sind vor einigen Jahren in die Schulen gegangen und wollten herausfinden, wer der Anführer in einer Clique ist.

Ihre These war, dass es entweder die Schlauesten oder die Stärksten sind. Herausgefunden haben sie aber, dass es meistens die Lustigsten sind. Menschen sind Glücksucher und folgen dem Lustprinzip, nämlich demjenigen, der uns am besten unterhält.

Angeblich ist lachen gesund. Was passiert im Körper?

Rainer Stollmann: Lachen ist eine allgemeine Bewegung, der Blutdruck steigt, Endorphine, also Glückshormone werden ausgeschüttet, es wird alles belebt. Lachen ist aber kein Reflex, wie es oft heißt. Der Reflex auf Kitzeln, auf einen Scheinangriff, ist eine Fluchtbewegung.

Wenn man jemanden am Fuß kitzelt, zieht der ihn weg. Erst wenn man den Fuß leicht festhält, entsteht Lachen, es ist der Bruch des Schutzreflexes, eben auch ein Scheinangriff. Die nervöse Energie, die in den Reflex strömt, kann sich nicht verausgaben, weil der Reflex verhindert wird. Sie geht dann in das Zwerchfell, und das bringt den ganzen Körper zum Wackeln.

Eigentlich soll das Zwerchfell den Körper beim Atmen unterstützen, beim Lachen wird es im Grunde missbraucht. Man kann deshalb auch nicht zu lange lachen, es tut sonst weh.

Über was lachen Sie?

Rainer Stollmann: Ich lache am meisten mit meinen Enkeln. Kleine Kinder zeigen uns auf sehr liebenswürdige Weise die Naivität, die wir selber verloren haben. Sie sehen die Welt oft so verblüffend anders, als wir es gewöhnt sind. Und natürlich stecken sie uns an, weil sie selber so viel lachen.