Hochwasser in Hessen

Katastrophales Hochwasser in Büdingen – Was bleibt?

Jelenko Zrnic & Lara Hoffmann

Der Schaden durch das Hochwasser ist enorm. Doch wie regeln das die Menschen vor Ort? Wir haben große Anteilnahme und Hilfe erlebt. Ein Gastronom, ein Ladenbesitzer und eine Helferin von der Kirche erzählen davon.

Er steht in den Trümmern seiner Kneipe und schafft es trotzdem noch zu lachen und zu witzeln. So viel positive Einstellung finde ich bewundernswert. Jelenko Zrnic betreibt das Gasthaus zur Krone in Büdingen seit 17 Jahren. Wegen Corona hat er seit Monaten, wie so viele andere, geschlossen.

Seine Kneipe mitten in der Büdingen Altstadt wurde vergangenen Freitag, 29. Januar, vom Hochwasser geflutet. Fast alles ist zerstört. Jetzt räumt er mit Freunden und Familie auf.

Die Straße weiter hoch an der Ecke ist Michael Meiers Laden. Er verkauft Küchen und muss nach dem Hochwasser seinen ganzen Laden ausräumen. Seinen Schaden schätzt er auf rund 80.000 Euro.

Mittelhessische Stadt Büdingen vom Hochwasser besonders betroffen

Büdingen wurde Ende Januar hart von den Wassermassen getroffen. Die Hochwasser-Lage in Hessen gefährdet ganze Existenzen. Ich war vor Ort und dabei fällt mir auf, dass beide mir von der unglaublich großen Hilfsbereitschaft in Büdingen berichten. 

Hilfe und Gastfreundschaft während der Katastrophe

Lara Hoffmann

Und da kommt auch Marion Gengel-Knapp vom evangelischen Dekanat Büdinger Land ins Spiel. Sie hat mit ihren Kolleg*innen auf der Straße vor dem Café La Porta in der Innenstadt einen Stand aufgebaut.

Sie verteilen heißen Kaffee, Tee und Essen an die Helfer und Betroffenen, fahren aber auch mit Lastenrädern durch die Altstadt zu den vom Hochwasser betroffenen Geschäften, Restaurants und Wohnungen.

Auf dem Weg zum „Gasthaus zur Krone“ durch die nassen und teils noch schlammigen Straßen sehe ich überall Menschen, die anpacken und durchweichte Möbel nach draußen tragen. Es sieht schlimm aus, aber es entsteht auch bei mir das Gefühl: Ja, hier sind die Menschen gerade in dieser schweren Zeit füreinander da.

Pleite dank Hochwasser & Corona?

Lara Hoffmann

Jelenko Zrnic betreibt die Altstadtkneipe „Gasthaus zur Krone“. Er hat immer noch Hoffnung, auch wenn er mittlerweile denkt, dass viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe Corona nicht überleben werden, vor allem jetzt nach dem Hochwasser. Hier beschreibt er, wie er das Hochwasser und seine Auswirkungen erlebt: 

„Es ist noch schlimmer als katastrophal. Wir haben alles hier raus geräumt - Tische, Stühle, die Dinge im Keller, in der Küche. Alles ist kaputt. Ich habe alle Geräte auf die Tische gestellt, aber dann kam das Wasser rein und ist über einen Meter hochgestiegen und alle Geräte sind von den Tischen durch den Gastraum geschwommen.

Ich bin bis zum Ende hier gewesen.

Wie bei der Titanic bin ich der letzte gewesen, der rausgegangen ist. Bis ich wieder einen Lieferservice anbieten kann, dauert es glaube ich minimum noch vier bis sechs Wochen. Meine Küche muss erst wieder in Ordnung sein und das Gesundheitsamt muss das dann checken. 

Es haben so viele Leute gefragt, ob sie helfen können, beim Saubermachen und alles. Das ist ehrlich toll! Aber von der Stadt habe ich noch nichts bekommen. Ich habe gehört, dass sie ein Spendenkonto für uns alle machen wollen, aber das müssen wir abwarten.

Lachendes und weinendes Auge

Ich bin ein Kämpfer und ein positiver Mensch. Ich glaube in zwei bis drei Monaten starten wir wieder wie früher. Wenn nicht, dann stelle ich draußen einen Grill auf und verkaufe Ćevapčići. Ich glaube aber auch, viele Läden in der Altstadt werden kaputt gehen. Ich vielleicht auch, aber das müssen wir abwarten.“

Jelenko Zrnic bleibt optimistisch: „Geld ist auch nicht alles, wir brauchen Gesundheit und wir sollten ein bisschen locker bleiben. Es ist eine schwere Zeit für uns alle.“

Verkaufsware wird Dank des Hochwassers zu Müll

privat

Michael Meier hat einen Laden in der Altstadt, in dem er Küchen und Zubehör verkauft. Seit Wochen hat er wegen des Lockdowns geschlossen und jetzt nach dem Hochwasser muss er fast alles wegschmeißen.

„Wir mussten zu Fuß über den überschwemmten Marktplatz gehen und dann kamen wir an mein Geschäft, was ein bisschen höher liegt, und da war noch alles trocken.

So gegen halb 1 ist die Schutzmauer am Schloss umgefallen und dann habe ich gesehen, wie das Wasser die Gasse zu meinem Laden runtergelaufen ist und etwa eine halbe Stunde später war alles überflutet. In meinem Geschäft hatte ich circa 30 Zentimeter Wasser. Der Fußboden und die Küchen, das alles ist aufgequollen und kaputt.

Michael Meier
Das Hochwasser vor dem Küchengeschäft

Ich denke, dass sich der Schaden bei mir so um die 80.000 Euro beläuft, aber von der Versicherung bekomme ich nur maximal 55.000 Euro.

Ganz schlimm finde ich die betroffenen privaten Wohnungen, die jetzt absolut unbewohnbar sind. Wir reden hier von über 150 betroffenen Häusern.

Man weiß nicht, wie man es schaffen soll.

Und man darf gar nicht über all das nachdenken - wie lange das dauern und was es im Endeffekt alles kosten wird. Ich muss jetzt einfach Schritt für Schritt denken. Alles andere macht der Kopf nicht mit.

Hochwasser bedeutet auch, dass Fäkalien hochgeschwemmt werden

Und das ist ein Gestank hier. Der Schlamm ist noch in den ganzen Ecken und man weiß ja nicht, was da noch an Fäkalien und so drin war.

Trost durch große Hilfsbereitschaft

Kunden, denen ich vor 18 Jahren eine Küche eingebaut habe, würden heute auf der Matte stehen und mir helfen. Was ich für eine Anteilnahme über Facebook und alleine von meinen Kunden bekommen habe, das ist wirklich toll! Also wenn das kein Trost ist, weiß ich auch nicht. Das rührt mich schon.

Container voller zerstörter Güter

Michael Meier

Ich zähle heimlich mit und ich denke, dass hier in der Nachbarschaft schon mindestens 60 bis 70 Großcontainer mit kaputten Sachen rausgefahren worden sind. 

Bei den Aufräumarbeiten laufen Leute mit Körben und Brötchen rum und versorgen die Menschen. Das ist hier wirklich ein super Zusammenhalt.

Marion Gengel-Knapp ist vom evangelischen Dekanat Büdinger Land. Gemeinsam mit dem Malteser Hilfsdienst und Ehrenamtlichen verteilt sie Essen und heiße Getränke in der Altstadt. Vor dem Café La Porta haben sie und ihre Kolleg*innen einen Stand aufgebaut und fahren auch mit Lastenrädern direkt zu den Betroffenen.

Hilfe in Büdingen

Auf Facebook organisiert das Büdinger Bündnis für Demokratie und Vielfalt helfende Hände. 

Hier kommst du direkt zur Facebook-Seite

„Wir erleben eine riesige Welle von Hilfsbereitschaft in Form von abgepackten und frischen Lebensmittelspenden, wie Suppen und Kuchen. Mittwoch zum Beispiel hat die ditib-Gemeinde das Essen organisiert und wir können 40 bis 50 Portionen Linsensuppe und Kirchererbseneintopf mit Reis ausgeben. Es kommen auch immer wieder Ehrenamtliche stundenweise hier her und unterstützen beim Verteilen

Jede Spende hat ihren Wert und den geben diese Menschen an andere weiter. Und da bin ich wirklich dankbar und stolz auf die Büdinger und alle Menschen drumherum. Corona macht es nicht einfacher und trotzdem fragen die Menschen, ob sie helfen können. Alle packen mit an, auch die Leute vom Bauhof, die Polizei, das Ordnungsamt, die Feuerwehr.

Lara Hoffmann
Hife ist in Büdingen auch mit dem Lastenrad unterwegs.

Unbürokratische Hilfe

Evangelische und katholische Kirchengemeinde haben gemeinsam mit den Maltesern ein Spendenkonto für die Hochwasser-Geschädigten eingerichtet. 

Ev. Kirchengem. Büdingen
„Büdingen: Kopf über Wasser“
IBAN DE67 5066 1639 0004 5127 58
VR-Bank Main-Kinzig

Für eine Tasse heißen Kaffee ist jeder bisher dankbar gewesen. Eine tolle Sache sind auch die Lastenfahrräder 🔼, die der Malteser Hilfsdienst zur Verfügung gestellt hat, weil viele Menschen, die betroffen sind, sind in ihren Häusern am Arbeiten und die haben wenig Zeit und Kopf, um hierher zu kommen und was zu essen.“