Gesellschaft

Vom Flüchtlingskind zum Inklusionsbeauftragten

Mohamed Zakzak im Studio von Alpha&Omega
EMH

Als Elfjähriger kam er allein nach Deutschland: Mohamed Zakzak wuchs im Kinderheim auf. Zielstrebig trotze er Gewalt, Ausgrenzung und Krankheit. Heute ist er ein Vorbild für junge Menschen.

von Bettina Ditzen

Mohamed Zakzak ist Inklusionsbeauftragter der Stadt Pforzheim. Er kam selbst als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus dem Libanon nach Deutschland und kämpfte sich von der Förderschule zum Studium der Sozialen Arbeit hoch. 

Als Sozialarbeiter hat er viele straffällig gewordene Jugendliche begleitet und weiß, was bei der Integration von Zugewanderten oft hakt - insbesondere bei jungen Männern. 

„Mein Name ist Programm. Es geht alles zack, zack“, sagt Mohamed Zakzak. Er muss lachen, wenn er auf seinen Nachnamen angesprochen wird. „Ich bin schnell, auch wenn ich im Rollstuhl sitze“, sagt er. Manchmal werde er sogar gefragt, ob er einen Motor am Rollstuhl habe, erzählt er mit einem Augenzwinkern. 

Mohamed Zakzak hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Er wurde im Libanon geboren, mitten im Bürgerkrieg. In einer Zeit, in der Gewalt, Bomben und Angst zum Alltag gehörten. Mit nur drei Jahren erkrankte er schwer und lag neun Monate im Koma. 

Die Ärzte gaben ihm weniger als ein Prozent Überlebenschance. Doch er überlebte – und musste das Leben neu lernen: 

  • krabbeln
  • aufstehen
  • weitermachen

Schon früh wurde ihm klar: Das Leben ist nichts Selbstverständliches.

Allein nach Deutschland

Ein Junge sitzt am Küchentisch und lächelt in die Kamera.
privat
Nachdem Mohamed im Kinderheim war, fand sich eine Pflegefamilie für den Jungen.

Mit elf Jahren schickten ihn seine Eltern alleine nach Deutschland. Ihre Hoffnung: Der Sohn solle Sicherheit sein und ein besseres Leben haben. Der Libanese sollte bei seinem Onkel aufwachsen. Doch der Plan scheiterte, Zakzak landete im Kinderheim

Dort erfuhr er Gewalt und hatte Angst. Doch es gab auch helle Momente, etwa als ein Jugendlicher ihn vor Übergriffen bewahrte. „Ich habe ein Erlebnis gehabt, wo einer mich in sein Zimmer mitnehmen wollte. Ich war hilflos aufgrund meiner Behinderung und der Jugendliche hat sich zwischen uns gestellt.“ 

Diese Erfahrung prägt ihn bis heute. „Der hat mich beschützt, er war mein Engel.“

Vom Förderschüler zum Studenten

Wegen seiner Gehbehinderung musste Mohamed Zakzak wieder ins Krankenhaus. Dort blieb er fast ein ganzes Jahr lang. Niemand wollte ein behindertes Kind mit Migrationshintergrund aufnehmen.

Erst nach einem Jahr fand sich eine Pflegefamilie. Seine Pflegemutter war noch vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Sie vermittelte ihm Werte wie 

  • Durchhaltevermögen
  • Verantwortung
  • Selbstständigkeit

Man darf fallen, aber man darf nicht liegen bleiben.

Dieser Gedanke kommt Mohamed Zakzak, wenn er zurückblickt. Und so kämpfte er sich von der Förderschule über das Wirtschaftsabitur bis hin zum Studium der Sozialen Arbeit. 

Rückkehr in eine fremde Heimat

Erst als junger Erwachsener konnte er wieder Kontakt zu seinen Eltern aufnehmen. Sechs Jahre lang wusste er nicht, ob sie noch lebten. Das erste Telefonat mit seinem Vater fühlte sich fremd an, weil er sich an seine Heimatsprache kaum noch erinnerte

Anfang der 1990er-Jahre besuchte er dann erstmals seit seiner Flucht wieder seine Heimat. Das hat ihn erstmal überfordert. „Ich habe meinen Onkel auf arabisch beleidigt, statt ihn zu begrüßen, aber das war mir nicht bewusst“, erzählt er. Er hat seine Geschwister kennengelernt, die erst nach seiner Flucht geboren wurden. 

Auf einmal hatte er wieder eine große Familie. Es sei eine sehr emotionale Reise gewesen, gibt er zu. Doch für ihn ist klar: „Der Libanon ist meine Heimat, Deutschland ist mein Zuhause.“ Seine Identität umfasst beide Länder. Dieses Gefühl kennen viele junge Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland..

Arbeit mit straffälligen Jugendlichen

Mohamed Zakzak arbeitet heute als Inklusionsbeauftragter der Stadt Pforzheim und setzt sich für Menschen mit Behinderung ein. Gleichzeitig begleitet er straffällig gewordene Jugendliche. Viele von ihnen sind Männer mit Migrationshintergrund, die wegen Diebstahls, Gewalt- oder schwerer Straftaten verurteilt wurden. 

In seinen Gesprächen falle häufig der Begriff „Ehre“. Doch viele, die ihm gegenübersäßen, könnten „Ehre“ gar nicht genauer erklären, erzählt er. 

Gewalt als scheinbare Stärke

Einige der jungen Migranten, mit denen er arbeite, würden in einer Parallelgesellschaft leben. Sie seien auf der Suche nach einer Heimat, die sie auch in kriminellen Gefügen fänden. 

Viele junge Menschen interpretieren Gewalt als etwas Positives.

Mohamed Zakzak fordert eine bessere Integration der jungen Menschen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft. Seiner Meinung nach sollte bereits in der frühkindlichen Bildung angesetzt werden, damit „Ehre“ viel mehr über „Leistung und Erfolg“ definiert würde. Mohamed Zakzak ist überzeugt: „Wer ein Auto knacken kann, kann auch ein Auto reparieren.“

Herkunft macht nicht kriminell

Nach seiner Erfahrung mit kriminellen Jugendlichen sind Straftaten aber nicht kulturell oder national bedingt. Entscheidend seien viel mehr soziale Faktoren wie Armut, Perspektivlosigkeit oder auch fehlende Vorbilder. 

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Nahezu alle Jugendlichen, mit denen er arbeitet, hätten selbst Gewalt oder Ausgrenzung erlebt. 

Diese Erfahrungen verarbeitete Zakzak in seinem Buch „Toxische Männlichkeit bei jungen Migranten“ aus dem Jahr 2025. Darin richtet er sich an Politik, Gesellschaft und Fachkräfte. 

Sein Appell: Weg vom Schubladendenken, hin zu mehr Präventions- und Integrationskonzepten – insbesondere in sozial benachteiligten Stadtteilen.

Nach schwerer Kindheit - Vorbild für Jugend

Sein eigener Lebensweg dient oft als Vorbild. Er erzählt, dass er immer wieder Ehemaligen begegne, die inzwischen studieren, arbeiten oder Familien gegründet haben. Wenn er solche Geschichten hört, fühlt er sich in seiner Arbeit bestätigt. Denn seine Botschaft ist: „Nicht woher du kommst, entscheidet, wer du bist. Sondern was du aus deinem Leben machst.“