Gesellschaft

Über 200.000 Euro verzockt - vom Kicken zum Kontrollverlust

Eine anonyme Person in einem dunklen Raum, ein schwarzer Kapuzenpulli, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Kopf voller Scham gesenkt, in der Hand ein schwarzes Smartphone
GettyImages/Yuliya Taba
Am Handy sind Sportwetten jederzeit verfügbar

Timo (Name geändert) hat über 200.000 Euro durch Sportwetten verloren. Mit Hilfe einer kirchlichen Suchtberatung kämpft er gegen seine Abhängigkeit.

Timo liebt Fußball. Schon als Kind steht er auf dem Platz. Mit 18 spielt er in der aktiven Mannschaft. Training, Sportheim, Spiele im Fernsehen. Dann dieser Moment: Teamkollegen wetten auf Tore. „Wenn noch eins fällt, gewinne ich 20 Euro.“ Harmlos, denkt Timo. Doch es ist der Einstieg in die Welt der Sportwetten.

Wie Timo in die Sportwetten-Sucht rutscht

Anfangs setzt er kleine Beträge. Zehn, fünfzehn Euro im Monat. Tippen gehört dazu. Austausch mit den Jungs. Ein bisschen Nervenkitzel. Doch irgendwann kippt es. Die Einsätze steigen. Der Reiz wächst. Timo verdient gut, hat viel Geld. Aus kleinen Beträgen werden große Summen. Er wettet fast nur online, meist Fußball, immer am Handy. Schnell, jederzeit verfügbar.

Gewinne bleiben im Kopf. Verluste nicht. Timo ist überzeugt: „Die nächste Wette klappt.“ Er rechnet Gewinne schon ein, bevor sie da sind. Setzt Geld, das er nicht hat. Aus einzelnen Tipps werden ganze „Kassenzettel“. 20 Spiele auf einmal. Alles muss aufgehen. Passiert das nicht, setzt er mehr, um Verluste auszugleichen. Ein klassischer Kreislauf.

Wie Freunde und Familie mit drin hängen

Nach außen wirkt Timo stabil. Job, Beziehung, Freundeskreis. Seine Sucht bleibt verborgen. Timo wettet, wenn seine Freundin aus dem Haus ist, im Büro, heimlich, das Handy in der Hand. Nach außen funktioniert alles, innerlich dreht sich alles um die nächste Wette. Die Geheimhaltung kostet Kraft. Ständig die Frage: Hat jemand etwas gemerkt? 

Er verzockt nicht nur eigenes Geld. Er nimmt Kredite auf, nutzt Dispo und Kreditkarten. Er leiht unter Vorwänden Geld von Familie und Freunden. Die Hürden sind niedrig. Das System macht es ihm leicht, weiterzuspielen.

Wie der Tiefpunkt kam

Im Sommer 2025 eskaliert alles. Die Polizei steht vor der Tür. Timo hat eine Gehaltsabrechnung gefälscht, um einen Kredit zu bekommen. Das Verfahren wird zwar eingestellt, aber durch die Ermittlungen erfährt sein Arbeitgeber von der Spielsucht. 

Timo verliert seinen Job. Noch am selben Abend verlässt ihn seine Freundin. Die Bilanz ist ernüchternd: Job weg, Beziehung zerbrochen, über 200.000 Euro verspielt. Dazu kommen Scham und Schuldgefühle. Timo fühlt sich am Ende. 

Das war der absolute Tiefpunkt.

Timo

Kurz zuvor gesteht Timo seinen Eltern alles. Sie sind enttäuscht, aber für ihn da. Endlich ist die Wahrheit draußen. Für Timo fühlt sich das fast wie eine Befreiung an. Jahrelang hat das Verheimlichen der Sucht Kraft gekostet. 

Aber: Die Sucht bleibt. Und die Schulden auch.

Links zu Beratungsstellen

Wie der Weg aus der Sucht funktionieren kann

Timo sucht sich Hilfe bei der Suchtberatungsstelle der Evangelischen Gesellschaft (eva) in Stuttgart. Er besucht eine offene Spielergruppe, trifft Menschen mit ähnlichen Problemen. Der Austausch hilft ihm. Er macht eine Einzeltherapie und erkennt: Ein Grund für seine Sucht war sein geringes Selbstwertgefühl. Bestätigung hat er sich über Gewinne geholt. Heute arbeitet er daran.

Timo kümmert sich um seine Schulden. Mit Unterstützung eines Beraters findet er Lösungen. Seine Schulden sind mittlerweile fast vom Tisch. Er hat wieder einen Job. Er sucht sich Hobbys, geht wandern, macht Sport. So schafft er sich bewusste Auszeiten. Das Ziel: nicht nur ablenken, sondern verstehen, warum die Sucht entstanden ist. 

Timo weiß: Die Sucht verschwindet nicht einfach. „Das ist nicht wie ein gebrochenes Bein, das nach ein paar Wochen verheilt“, sagt er. 

Die Sucht bleibt Teil meines Lebens.

Timo

Deshalb arbeitet er weiter an sich. Schritt für Schritt.

Warum es mehr Aufklärung über Sportwetten braucht

An WM-Tippspielen nimmt Timo bewusst nicht mehr teil. Zu groß ist das Risiko, in alte Muster zu rutschen. Er weiß, wie schnell aus einem harmlosen Tipp mehr werden kann. Wie schnell aus „nur ein bisschen Spaß“ ein fester Teil des Alltags wird – und irgendwann die Kontrolle übernimmt. Heute sieht er vieles kritischer. Die allgegenwärtige Werbung für Sportwetten, die Verfügbarkeit, die niedrigen Hürden, die Anreize wie Gratis-Spiele und Bonuszahlungen, gerade jetzt zur Fußball-WM.

Er findet: Es wird zu wenig darüber gesprochen, was wirklich passieren kann und wie schnell man in eine Sucht abrutschen kann. Für ihn ist klar: Es braucht mehr Aufklärung. Früher. Ehrlicher. Damit andere nicht, wie er, ganz unten ankommen.

Timos Geschichte zeigt: Sportwetten wirken harmlos, bis sie es nicht mehr sind. Der Weg in die Sucht ist oft leise. Schritt für Schritt. Kaum spürbar. 

Und der Weg raus? Der beginnt meist dort, wo es am schwersten fällt: bei der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst – und dem Mut, Hilfe anzunehmen.

Hast du schon einmal Erfahrungen mit Online-Sportwetten gemacht? Wo ziehst du für dich die Grenze – und würdest du merken, wenn du sie überschreitest?

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