Soziales

Wettfieber zur WM: so rutschen Jugendliche in die Sucht

Junger Mann schaut gestresst auf sein Smartphone
GettyImages/Slavica

Sportwetten begegnen uns auf Social Media, an Fußballabenden oder im Freundeskreis. Für manche wird aus dem „kleinen Tipp“ schnell ein großes Problem.

von Dominik Mildner

Fußball schauen, mitfiebern, tippen: Für viele junge Menschen gehört das inzwischen zusammen. Gerade rund um große Turniere wie die Fußball-WM steigt die Lust, selbst eine Wette zu platzieren. Sportwetten-Apps sind nur ein paar Klicks entfernt, Werbung läuft vor Bundesligaspielen, Influencer posten ihre Tippscheine.

Warum Sportwetten so verführerisch sind

Für Veit Wennhak von der Evangelischen Suchtberatung in Frankfurt ist das längst Alltag. Im Fachdienst Frühintervention beim Glücksspiel berät er Jugendliche und junge Erwachsene mit Glücksspielproblemen.

„Viele denken, sie hätten irgendeinen Einfluss darauf durch Fußball-Wissen“, sagt Wennhak. 

Aber es ist ein reines Glücksspiel.

Veit Wennhak

Genau darin liegt für ihn eines der größten Probleme: Sportwetten werden oft nicht als Glücksspiel wahrgenommen. Die Werbung vermittle stattdessen das Gefühl, man könne mit genügend Wissen kontrolliert gewinnen.

Warum gerade junge Männer besonders gefährdet sind

Wennhak beobachtet in seiner Arbeit ein klares Muster: Besonders häufig suchen junge Männer Hilfe, die sport- und fußballaffin sind. „Für die ist das mittlerweile ganz normal, dass es so ein Sportwettangebot gibt“, sagt er.

Dazu kommt: Viele Wettanbieter richten ihre Werbung gezielt an genau diese Zielgruppe. Gerade online tauchen Sportwetten dort auf, wo junge Menschen ohnehin unterwegs sind – auf TikTok, Instagram oder YouTube.

Wer sich für Fußball interessiert, bekommt schnell passende Inhalte ausgespielt: Wett-Tipps, Quoten, Streamer mit Affiliate-Links, also Werbelinks bei denen der Streamer eine Provision pro Klick bekommt. „Das ist halt die neue Werbung“, sagt Wennhak.

Besonders kritisch sieht er, dass Werbung Sportwetten als cleveren Weg zum Geldverdienen verkauft. Dabei sei die Realität eine andere: 

Der Einzige, der bei Glücksspielen gewinnt, ist der Anbieter.

Veit Wennhak

Risikofaktoren Armut und Migrationsgeschichte

Besonders anfällig für das vermeintliche Versprechen des großen Jackpots sind die Menschen, die ökonomisch schwächer gestellt sind, sagt Wennhak. Denn dort sei die Idee da, mit einem Gewinn könne man seine finanziellen Probleme lösen. Deswegen vermutet Wennhak, zielt die Werbung auch auf junge Männer mit Migrationsgeschichte.

Die Firmen wüssten, dass „Jugendliche mit Migrationsgeschichte oftmals in unserer Gesellschaft sowohl ökonomisch, als auch in der Bildung marginalisiert werden“. Und dass sie deswegen besonders anfällig für solche Angebote seien.

Wie erkenne ich die Spielsucht?

Nicht jede Wette ist automatisch problematisch. Entscheidend ist laut Wennhak, ob negative Folgen entstehen. Das kann finanziell anfangen: kein Geld mehr für Alltag oder Miete, geliehene Summen bei Freund*innen oder Familie, steigende Schulden. Manche Jugendliche verkaufen Smartphones oder schließen Handyverträge ab, um schnell an Geld zu kommen.

Andere Folgen zeigen sich psychisch. Wer ständig verliert, erlebt Druck, Scham oder Angst. „Die Leute entwickeln dann tatsächlich Depressionen, Angststörungen und Ähnliches“, sagt Wennhak.

Hinzu kommt der soziale Rückzug. Viele Betroffene beschäftigen sich gedanklich fast nur noch mit Quoten, Spielen oder dem nächsten Wettschein. Schule, Ausbildung oder Freundschaften geraten in den Hintergrund.

Ein Warnsignal sei auch, wenn jemand ständig knapp bei Kasse ist oder immer höhere Einsätze braucht, um denselben „Kick“ zu spüren.

Der Kick hinter der Wette

Warum hören Menschen nicht einfach auf, wenn sie verlieren? Für Wennhak hat das viel mit psychologischen Mechanismen zu tun. Glücksspiel aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Dopamin, Endorphine und sogenannte „Fast-Gewinne“ sorgen dafür, dass Menschen weitermachen wollen.

Er vergleicht das mit Greifautomaten auf Festen wie der Frankfurter Dippemess': Man hat schon Geld investiert, also versucht man es nochmal. Und nochmal. „Jetzt möchten wir die Kohle ja schon gerne wieder zurückhaben“, beschreibt er die Gedanken vieler Betroffener.

Besonders riskant seien frühe Gewinne. Wer direkt am Anfang viel gewinnt, speichere dieses Gefühl oft dauerhaft ab. „Das verliert man nicht aus dem Kopf.“

Glücksspiel im Kinderzimmer

Das Thema beginnt oft früher als viele denken. Wennhak sieht Glücksspielmechanismen längst in Games und Apps angekommen. Er nennt Beispiele wie Lootboxen in Videospielen, Ingame-Käufe oder digitale Kartenpacks in Fußballsimulationen wie EA Sports FC 25.

Das ist Glücksspiel im Kinderzimmer

Veit Wennhak

Viele Spiele arbeiten mit Zufall, Belohnungen und Kaufanreizen. Kinder gewöhnen sich dadurch früh an Mechanismen, die später problematisch werden können. Deshalb rät Wennhak Eltern vor allem zu Gesprächen statt Kontrolle. Nicht heimlich das Handy durchsuchen, sondern offen über Risiken sprechen.

Fußball-WM und Werbung: Warum Großevents das Risiko erhöhen

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Große Turniere verstärken die Sichtbarkeit von Sportwetten zusätzlich. Rund um Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften steigen Werbedruck und Präsenz massiv an.

Wennhak spricht von einer „Normalisierung“, die seit Jahren vorangetrieben werde. Sportwetten würden inzwischen oft so dargestellt, als gehörten sie selbstverständlich zum Fußball dazu. Sportwettenwerbung sei aktuell während jeder Bundesligaübertragungen sehr präsent, und erreiche dadurch nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Positiv bewertet er deshalb Entscheidungen, solche Werbung bei großen Turnieren stärker einzuschränken.

Wann Hilfe sinnvoll ist

Viele Betroffene suchen erst Hilfe, wenn die Probleme bereits eskalieren. Wennhak erlebt Menschen, die ihre Miete nicht mehr zahlen können oder wegen Schulden unter massivem Druck stehen. 

Er hält es aber für wichtig, früher zu reagieren. „Wenn der erste Gedanke darüber aufblitzt, ob ich damit vielleicht ein Problem habe, dann gerne in die Beratung kommen“, sagt er.

Die Beratung arbeite nicht nur mit Abstinenz. Manche Jugendliche wollen zunächst lernen, ihr Verhalten besser zu kontrollieren. Dabei geht es unter anderem um Stressbewältigung, Freizeitgestaltung und alternative Wege, mit Langeweile oder Druck umzugehen. Denn genau diese Situationen seien oft Risikomomente.

Betroffene haben in Deutschland zudem die Möglichkeit sich selbst für Glückspiel sperren zu lassen. Das geht recht einfach über einen online-Antrag. Wennhak weißt hier aber darauf hin, dass diese Sperre natürlich nur bei legalem Glückspiel greift: „Wenn aber Leute unbedingt zocken wollen, finden sie immer einen Weg.“

Was Freund*innen und Familie tun können

Wer merkt, dass jemand im Umfeld abrutscht, sollte das Thema vorsichtig ansprechen. Vorwürfe oder Kontrolle führen laut Wennhak oft zu Abwehr. Besser sei ein ruhiges Gespräch über eigene Beobachtungen und Sorgen.

Sein Tipp: „Vorwürfe in Wünsche verwandeln.“

❌„Du verzockst dein ganzes Geld.“

„Ich mache mir Sorgen, weil du kaum noch Geld für dich selbst hast.“

Wichtig sei außerdem, Hilfe anzubieten, etwa gemeinsam zu einer Beratungsstelle zu gehen.

Kann man trotzdem „nur zum Spaß“ tippen?

Komplett verteufeln möchte Wennhak das Thema nicht. Kostenlose Tippspiele in Freundesgruppen sieht er deutlich weniger kritisch als kommerzielle Sportwetten. Entscheidend sei, aufmerksam zu bleiben: Wie viel Geld gebe ich aus? Warum spiele ich überhaupt? Und kann ich auch problemlos darauf verzichten? Denn Glücksspiel könne sich schleichend entwickeln.

Oder wie Wennhak es formuliert: „Glücksspiel kann süchtig machen. Insofern immer Vorsicht.“