Gesellschaft

#SkinnyTok und co: Wie junge Menschen in die Magersucht rutschen

Junge Frau blickt im Spiegel an sich selbst herunter. Sie sieht zweifelnd oder krank aus.
gettyimages/KatarzynaBialasiewicz

Byebye Bodypositivity - es gelten wieder Schlanksein und Schönheitsdruck: Eine Expertin erklärt den Zusammenhang zwischen Social Media und Essstörungen.

Schönheits- und Körperideale verändern sich ständig“, erklärt Micaela Neumann vom Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen. Dort berät sie Menschen mit Essstörungen. 

Heutzutage spiele aber Social Media bei den Schönheitsidealen eine ganz große Rolle. Aktueller Trend seien: 

  • exzessiver Sport,
  • eine besonders gesunde und proteinreiche Ernährung und
  • auch die Frage, wie bestimmte Körperformen durch Sportverhalten erzielt werden können. 

Micaela Neumann macht in der Beratung die Erfahrung, dass diese Videos Magersucht befeuern können.

Essstörung durch Social Media – kann das sein?

Micaela Neumann in ihrem Büro am Schreibtisch.
Katharina Hirrlinger
Micaela arbeitet in der diakonischen Anlauf- und Beratungsstelle für Essstörungen.

Der Weg in die Essstörung ist schleichend. Auf eine erste Recherche zum Abnehmen folgt meist das Abonnieren von Influencern, die sich mit dünnen Körperformen auseinandersetzen. „Dann gerät man in eine Bubble aus gesunder Ernährung und Sport.“ 

Aus dieser kämen die Betroffenen nur schwer wieder raus, da sie das Gefühl hätten, nur wenn sie „so perfekt“ wie die Influencer sind, würden sie glücklich

„Doch egal wie ich mich verhalte und wie ich esse – ich erreiche das nicht“, würden viele Betroffene bemerken. 

Hast du mit deinem Körperbild oder beim Essen Probleme? Dann hol dir Hilfe bei den Beratungsstellen der Diakonie und Caritas. Unter der Hotline 📱 0221 892031 vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit findest du montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr Unterstützung.

Telefonseelsorge: Rund um die Uhr Hilfe gibt es bei der Telefonseelsorge: 0800 1110111 / 0800 1110222 oder 116 123 

Was folgt, sei das Gefühl, versagt zu haben, was tiefer in die Essstörung treiben kann, erklärt die Expertin. „Jeder einzelne Beitrag für sich wäre gar nicht so schwierig, aber die große Summe an Beiträgen und das ständige Beschäftigen mit der Körperform führt dazu, dass die Personen immer tiefer reinrutschen.“

Social Media allein löse aber keine Essstörung aus, sondern könne vielmehr ein Antreiber für die Erkrankung sein, erklärt Micaela Neumann. Denn Magersucht ist eine „multifaktorielle“ Erkrankung, wird also durch verschiedene Faktoren – genetische, psychische oder soziale – ausgelöst

Immer mehr Magersüchtige

Die Zahl der Magersüchtigen hat in Deutschland stark zugenommen. Das stellt auch Micaela Neumann in der Beratungsstelle in Esslingen deutlich fest. Gerade seit der Coronapandemie seien die Zahlen stark in die Höhe gegangen. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr 97 Klientinnen und Klienten in die Beratung. 2024 waren es 73. Auch die Zahl der Beratungskontakte hat sich seit 2022 fast verdoppelt (von 263 auf 454). 

Warum haben so viele Jugendliche eine Essstörung?

„Essstörungen betreffen alle Gesellschafts- und Altersschichten. Aber trotzdem kann man sagen, dass viele Jungs und Mädchen, die unter einer Magersucht leiden, das Gymnasium besuchen“, sagt Micaela Neumann. Dort sei der Druck enorm hoch. 

Auch im Sport sei Magersucht ein Thema. Einer Klientin, die Leistungsturnen gemacht hat, wurde im Training gesagt, „dass ein paar Kilos weniger viel mit ihrer Leistung machen würden“, erzählt Micaela Neumann. 

Wie hilft die Diakonie Magersüchtigen?

Bei den Diakonischen Beratungsstellen können sich Angehörige und Betroffene melden. Je früher sie kommen, desto besser. Wenn die Essstörung bereits weit fortgeschritten ist, wird gemeinsam mit den Betroffenen nach einem Therapieplatz gesucht. Bei aktuellen Wartezeiten von fünf bis sechs Monaten, erfülle die Diakonie eine Brückenfunktion und berät so lange, bis der Klinik- oder Therapieplatz gefunden ist. 

Aber auch soziale Komponenten, unter die die gesellschaftlichen Körperideale fallen, spielen eine Rolle. „Viele Mädchen in den Schulen sagen, sie empfinden Druck, dass sie schlank, immer angepasst und höflich sowie sportlich sein müssen“, sagt Micaela Neumann.

#SkinnyTok-Verbot – wie sinnvoll ist das?

In den sozialen Medien zeigen unzählige „SkinnyTok-Videos“ beispielsweise hervorstehende Schlüsselbeine und Hüftknochen und auch der Slogan „Nothing tastes as good as skinny feels“ wird verwendet. 

Zwar führt die Eingabe von #SkinnyTok auf TikTok mittlerweile auf eine Seite mit Hinweisen, wohin man sich wenden kann, wenn man an einer Essstörung leidet, für Micaela Neumann ist das jedoch nicht die Lösung des Problems. Betroffene würden schnell Wege finden, solche Verbote zu umgehen.

Daher setzt Micaela Neumann auf Prävention. Regelmäßig geht sie in Schulen, um dort den Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz beizubringen, ihnen zu erklären, wie man Beiträge erkennt, die nicht der Realität entsprechen. Außerdem spricht sie mit Kindern und Jugendlichen über Diversität und Individualität von Körperformen und vermittelt: 

Das Ziel kann nicht sein, dass wir alle gleich aussehen und alle super schlank und durchtrainiert sind.

In den Präventionsangeboten erlebt Micaela Neumann auch, dass sich vor allem Mädchen zum ersten Mal mit dem Zusammenhang zwischen ihrer Psyche und ihrem Essverhalten auseinandersetzen.

Finanziert wird diese zusätzliche Präventionsarbeit hauptsächlich aus Kirchensteuermitteln. Dass sich ihre Arbeit lohnt, merkt Micaela Neumann schon alleine daran, dass immer wieder Kinder und Jugendliche später zu ihr in die Beratung kommen.

Wie kann Magersucht verhindert werden?

Ganz verhindern lassen sich Essstörungen nicht. Aber Kinder und Jugendliche psychisch zu stärken und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie gut so sind, wie sie sind, sei wichtig.

Wie erkennt man eine Magersucht?

  • Rückzug und Isolation von Familie und vor allem von Freunden
  • Nicht mehr an Mahlzeiten teilnehmen („Ich hab schon gegessen“)
  • Verzicht auf bestimmte Lebensmittel
  • Schnelle Gewichtsabnahme in kurzem Zeitraum
  • Aussagen über unwohlfühlen im eigenen Körper („Ich bin dick“)
  • Tragen von besonders weiten Kleidungsstücken, um den Gewichtsverlust zu verdecken

Sie sollten lernen: „Ich bin nicht meine Noten, nicht die Zahl auf der Waage und nicht die Kleidergröße, sondern ich bin einfach die Person, die ich bin“, sagt Micaela Neumann. 

Auch Eltern müssen Vorbilder sein und darauf achten, wie sie über Körper sprechen. Gemeinsame Mahlzeiten, entspanntes Essen und keine zu strengen Essensregeln stärken ebenfalls ein positives Verhältnis zur Ernährung. Der gesunde Umgang mit Streit und Konflikten gehöre auch zur Vorbildfunktion.

Hilfreich ist auch: Den eigenen Medienkonsum und die Themen, mit denen man sich in den sozialen Medien beschäftigt, regelmäßig zu hinterfragen und nicht nur Accounts zu folgen, die mit Körpern zu tun haben, rät Micaela Neumann.

Der Einfluss von Social-Media und Trends auf unsere Gesellschaft

„Ich bin nicht die Zahl auf der Waage.“ Dieser Satz fasst die Botschaft von Micaela Neumann zusammen, auch wenn er vielen Menschen schwerfällt.  Wo begegnet dir Leistungs- und Schönheitsdruck am stärksten? In sozialen Medien, in der Schule, im Sport, im Freundeskreis oder zu Hause? Und was müsste sich ändern, damit junge Menschen sich weniger über ihr Aussehen definieren? Wir sind gespannt auf deine Perspektive, als Mail in die Redaktion oder über unsere Social-Media-Kanäle: 

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