Gesellschaft

Essstörungen bei Männern: Wenn ein Sixpack zum Durchschnitt wird

David im Gym, lächelnd in die Kamera. Dazu das Zitat: „Ich habe sogar die Kalorien von Zero-Getränken getrackt!“
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Bist du gut genug? Geht es nicht stärker, fitter, perfekt? Diese Gedanken zur Selbstoptimierung kann auch Männer in eine Essstörung treiben. Daniel ist wieder raus gekommen.

Morgens vor der Schule ins Fitnessstudio, nach dem Unterricht ins Tischtennistraining und abends auf dem Rückweg noch einmal aufs Laufband. Für Pausen, Freunde oder Mahlzeiten mit der Familie bleibt keine Zeit. Es muss immer weitergehen. Fortschritte sind das Einzige, was zählt – denn die Waage lügt nicht.

Rückblick auf das gnadenlose, jüngere Ich

Daniel beim Training i Fitnessstudio - er sitzt an einem Gerät, wo er an einer Schnur ziehen muss, an der viel Gewicht dran ist.
Selina Groß
Daniel beim Training 2026 im Fitnessstudio

Wenn Daniel heute trainieren geht, denkt er oft an seine „Daily Routine“ von damals zurück. „Ich war auf Effizienz getrimmt“, erzählt der 23-Jährige. „Mein Alltag war komplett darauf ausgelegt, optimal trainieren zu können.“

Sport habe er schon immer gemacht, Tischtennis begleitet ihn seit seiner Kindheit. Am Corona-Höhepunkt war Daniel 17 Jahre alt. Damals änderte sich seine Motivation für das Training. Aus Spaß am Spiel entwickelt sich das Ziel, abzunehmen. Viel abzunehmen.

Vom Spaß zum Zwang - plötzlich geht es nur noch ums Abnehmen

Denn Daniel wiegt zu diesem Zeitpunkt 150 Kilo, und im Lockdown 2020 kochen negative Gefühle gegenüber seinem Körper richtig hoch. Gefühle, die ihm nicht unbekannt sind: „Ich war schon immer übergewichtig und fand mich selbst widerlich und abstoßend. Ich habe versucht, meinen Körper zu bedecken und sogar Spiegel vermieden“, erinnert er sich. 

Ich wollte etwas ändern und nicht mehr nur als ‚der Dicke‘ gesehen werden.

Mehr Sport, wenig Essen - Daniels radikale Routine

In den ersten Monaten geht Daniel sehr viel spazieren, beginnt mit Home-Workouts und steigert sein Sportpensum schnell. Von Anfang an stellt Daniel auch seine Ernährung um. Er probiert verschiedene Diäten aus und entscheidet sich schließlich für Intervallfasten

Von da an dreht sich für Daniel alles nur noch darum, sein Kaloriendefizit einzuhalten.

Was sind Essstörungen

Bei Essstörungen geht es nicht nur um Essen und das Verhältnis zum eigenen Körper. Sie sind ernsthafte Erkrankungen. Es gibt verschiedene Formen und nicht jede Diät führt zu einer Essstörung. Aber die Übergänge zu krankhaftem Essverhalten sind schleichend. Wenn du dir nicht sicher bist, such dir Hilfe. Etwa beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) kannst du dich (auch anonym) beraten lassen.

Quelle: BIÖG

Als sich die Corona-Richtlinien lockern, kennt Daniels Mission der „Selbstoptimierung“ keine Grenzen mehr. Er meldet sich im Fitnessstudio an, spielt weiter Tischtennis und dokumentiert sein Training und seine „Zufuhr“ genau.

Mit „Zufuhr“ meint Daniel zu dem Zeitpunkt alles, was er isst und trinkt. Trotz des vielen Sports nimmt Daniel zu diesem Zeitpunkt nur etwa 1.800 bis 2.000 Kalorien täglich zu sich. Für einen Mann mit seiner Statur ist das zu wenig: Er wird zunehmend schwächer und unkonzentrierter und schläft schlecht. Doch er hört nicht auf, sich zwanghaft zu kontrollieren.

„Das ging so weit, dass ich angefangen habe, die Kalorien von Zero-Getränken mitzutracken“, sagt Daniel. „Ich habe damals 100 Gramm Haferflocken mit Proteinpulver als meine erste Mahlzeit gegessen. Das war gegen Mittag.“ Nach 18 Uhr habe er dann gar nichts mehr gegessen. Daniel nimmt seine Mahlzeiten größtenteils allein ein und verliert schnell Gewicht.

Essstörungen betreffen nicht nur Frauen

Der Sport- und Ernährungsmediziner Lutz Lührs aus Wiesbaden sind Veränderungen wie diese ein „absolutes Warnsignal“. Ein Warnsignal für ein krankhaftes Essverhalten. „Als Essstörung bezeichnet man ein von der Norm abweichendes Essverhalten“, erklärt er. Eine Essstörung erkennst du an gewissen Kriterien, wie etwa:

  • Übertriebenes Beschäftigen mit dem Essen
  • Abhängigkeit des Selbstwertgefühls vom eigenen Körper Gewicht
  • Angst vor bestimmen Lebensmitteln

Dieses Verhalten seien deutliche Anzeichen für eine solche Krankheit.

Lutz Lührs in seinem Behandlungszimmer am Schreibtisch.
Selina Groß
Lutz Lührs ist Sport- und Ernährungsmediziner am Wiesbadener Asklepios Gesundheitszentrum.

Auch wenn in Deutschland nachweislich mehr Frauen und Mädchen an Essstörungen erkranken, ist Daniels Geschichte kein Einzelfall. Laut Zahlen des BIÖG erkranken von 1.000 Jungen und Männern durchschnittlich etwa 10 an einer Binge-Eating-Störung, 6 an Bulimie und 2 an Magersucht.

Dieser „Trend“ nimmt in Deutschland seit der Pandemie immer stärker zu. Besonders in sozialen Medien wird das deutlich.

Perfekte Körper im Feed – Social Media verschiebt Ideale

Auch Daniel hat mit der sogenannten „Gym-Bubble“ auf Instagram und TikTok Erfahrungen gemacht. „Du vergleichst dich immer mit anderen. Suchst dir immer neue Vorbilder und rutschst immer tiefer ab.“

Während bei jungen Frauen eine besonders große Lücke zwischen den Oberschenkeln oder eine schmale Taille wieder das Ziel sind, eifern junge Männer breiten Schultern und definierten Bauchmuskeln hinterher. 

Das normale „Sixpack“ reiche schon lange nicht mehr aus, sagt Daniel. „Früher war der Körper von Spiderman das Ideal, was jeder haben wollte. Heute ist das nicht mal mehr eine Durchschnittsfigur.“ Er kritisiert, dass große Influencer*innen ihren Körper häufig als „natürlich“ trainiert darstellen. Er vermutet aber den Missbrauch von Anabolika oder Steroiden. Das verzerre aus seiner Sicht die Wahrnehmung dessen, was durch Training erreichbar ist.

Dass er heute so darüber denken kann, verdanke er vor allem seiner Freundin Tabea. Daniel lernt sie im Fitnessstudio kennen, und nach fünf Jahren Teufelskreis zeigt sie ihm, dass seine Leistung ihn nicht definiert und dass er auch mit ausgewogener Ernährung seine Ziele erreichen kann.

Tabea unterstützt Daniel beim Hanteltraining. Er liegt auf der Hantelbank und hat rechts und links je 35 Kilo in der Hand. Sie hilft ihm dabei, die Übungen sauber auszuführen.
Selina Groß

Trotzdem begleiten Daniels Verhaltensmuster und Gedanken rund ums Essen ihn noch immer im Alltag. Immer wieder erlebt er Momente, in denen er im Kopf Kalorien schätzt oder sein Essen strategisch plant. Allerdings müsse er sich jetzt seinen Problemen nicht mehr allein stellen: „Tabea und ich reden viel über dieses Thema. Das hilft mir sehr.“

Sorge um Freund*innen? So sprichst du Essprobleme an

Betroffene brauchen oft starke Unterstützung im Umgang mit ihrer Krankheit. 

Wenn du jemanden kennst, bei dem du starke Veränderungen im Essverhalten bemerkst und dir Sorgen machst kannst du so das Gespräch suchen:

  • Ich-Botschaften formulieren: Formuliere deine Beobachtungen aus der Ich-Perspektive und beschreibe, aus welchen Gründen du dir Sorgen machst.
  • Offen sein und Verständnis zeigen: Es kann für Betroffene eine große Erleichterung sein, jemanden zu finden, der zuhört und die eigene Situation versteht.
  • Bei der Recherche helfen: Sich gemeinsam schlau machen kann Angst nehmen und euch beiden dabei helfen, mit der Krankheit umzugehen.

Hattest du schon mal Berührungspunkte mit einer Essstörung? Schreib uns gerne deine Erfahrungen als Mail in die Redaktion oder auf Social-Media:

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