Gesellschaft

VfB-Hymne: Warum „Stuttgart kommt“ mehr ist als Fußball

Blick von der Zuschauertribüne auf die MHP-Arena in Stuttgart bei einem Fußballspiel. Fans halten Schaals und Flaggen mit dem VfB-Logo hoch.
privat/Franciska Bohl

Fußball, Familie, Erinnerung: Die persönliche Geschichte hinter der VfB-Hymne „Stuttgart kommt“.

von Franciska Bohl

Wenn die Fans im früheren Neckarstadion (heute MHP-Arena) „Stuttgart kommt“ singen, ist das mehr als ein festes Ritual im Stadion. Zehntausende Stimmen verschmelzen zu einer. Kurz vor Anpfiff passiert immer das Gleiche: 

  • Menschen stehen auf
  • weiß-rote Schals gehen nach oben
  • die ersten Töne setzen ein

Der ganze wilde Süden strahlt in Weiß und Rot“, singen sie gemeinsam mit Wolle Kriwanek. Er auf der großen Videoleinwand und die rund 60.000 Menschen im Fußballstadion - ein riesiger Chor.

Ergänzender redaktioneller Inhalt von Youtube

Eigentlich haben wir hier einen tollen Inhalt von Youtube für dich. Wisch über den Slider und lass ihn dir anzeigen (oder verbirg ihn wieder).

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte von Youtube angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Das stiftet Identität und verbindet zu einer Gemeinschaft. Der Moment bedeutet: Gänsehaut. Besonders für einen Fan vom VfB Stuttgart: Benjamin Kriwanek. Denn für ihn ist die Hymne auch eine Erinnerung an seinen Vater

Dass dieses Lied heute wieder so selbstverständlich zum Spieltag gehört, wirkt fast folgerichtig. Und doch ist es das Ergebnis einer langen, keineswegs geradlinigen Entwicklung.

Wolle Kriwanek und der VfB: Vom Sonderschullehrer zum Stadionpoeten

Wolle Kriwanek (links) und Paul Vincent (rechts) beim Auftritt der Wolle Kriwanek Band beim Kraichgau Open Air im Waldstadion Eppingen am 29. August 1992.
Wikimedia/Peter Schmelzle
Wolle Kriwanek (links) und Paul Vincent beim Auftritt im Waldstadion Eppingen 1992.

Der Urheber der Hymne ist Wolle Kriwanek. Er war kein klassischer Stadionkomponist, sondern Rockmusiker, schrieb auf Schwäbisch, arbeitete als Sonderschullehrer und engagierte sich für Jugendliche, die selten im Mittelpunkt stehen.

Sein Zugang zur Musik war geprägt von Haltung. Er suchte Nähe statt Pathos, Direktheit statt Inszenierung. Vielleicht erklärt das, warum „Stuttgart kommt“ bis heute funktioniert: Das Lied wirkt nicht wie ein Auftrag, sondern wie ein Ausdruck.

Ein Lied, das bis heute im Fußballstadion nachhallt

„,Die Stimmung im Stadion kommt aus der Fankurve, nicht von der Haupttribüne‘, war immer seine Aussage“, erinnert sich Benjamin Kriwanek. Die Entstehungsgeschichte wirkt beiläufig: komponiert im Urlaub, am Strand in Kroatien. Doch gerade diese Unaufgeregtheit scheint Teil seines Charakters zu sein.

Was macht für dich eine gute Stadionhymne aus: Emotion, Geschichte oder Mitsingbarkeit? Schreib uns deine Gedanken dazu per Social-Media: 

Instagram

Facebook

Damals suchte der VfB ein Lied, „das die Fans mitsingen könnten“, so wünschte es sich das damalige VfB-Vorstandsmitglied Ulrich Schäfer. Zunächst sollte Wolle Kriwanek nur beraten. Er entscheidet sich anders. Er schreibt selbst – trotz Respekt vor der Aufgabe. Wichtig ist für ihn, woher die Energie im Stadion kommt: Diese Perspektive prägt das Stück.

Dass „Stuttgart kommt“ heute so präsent ist, war lange nicht absehbar. Über Jahre verschwindet das Lied aus dem Stadion. Der Verein probiert andere Hymnen, ohne dass sich eine dauerhaft durchsetzt.

Ein Song kehrt zurück: Warum „Stuttgart kommt“ heute wieder fester Teil der VfB-Spieltage ist

Erst zur Saison 2022/23 kehrt das Stück zurück – auch auf Druck aus der Fanszene. Besonders die Ultragruppe Commando Cannstatt setzt sich für die Wiederaufnahme ein.

Seither gehört das Lied wieder fest zum Ablauf. Und wirkt dabei, als sei es nie weg gewesen.

Man kann einem Menschen wohl kein größeres Denkmal setzen.

Benjamin Kriwanek

Für Benjamin Kriwanek ist diese Renaissance ambivalent. Sie bedeutet Anerkennung und Konfrontation

Benjamin Kriwanek lehnt an einer Wand, auf der groß das VfB-Logo angebracht ist. Er trägt ein weißes T-Shirt und einen roten VfB-Schaal. Der junge Mann lächelt in die Kamera.
privat/Franciska Bohl
„Der VfB ist einfach mein Verein“, sagt Benjamin Kriwanek.

Jedes Mal, wenn die Stimme seines Vaters im Stadion erklingt, ist auch der 20. April 2003 präsent. An diesem Tag stirbt Wolle Kriwanek unerwartet an einem Aneurysma, zu Hause, im Kreis seiner Familie.

„Ich freue mich, dass das Lied jetzt so eine Würdigung erfährt, denn man kann einem Menschen wohl kein größeres Denkmal setzen“, sagt Benjamin Kriwanek. Gleichzeitig gelingt es ihm meist nicht, mitzusingen. Dennoch ist er dankbar für all das, was ihm sein Vater hinterlassen und an Werten vermittelt hat.

Viele Vereine suchen nach der einen Hymne. Nur wenige finden sie.

„Stuttgart kommt“ erfüllt Bedingungen, die sich kaum planen lassen:

  • Es spricht aus der Perspektive der Fans.
  • Es verzichtet auf Überhöhung.
  • Es entsteht aus einem persönlichen Zugang, nicht aus Marketinglogik.

Vielleicht liegt darin seine Stärke. „Das Lied ist identitätsstiftend. Und es spiegelt die Liebe und Treue zum Verein und zu seinen Fans wider, die er auf Augenhöhe gesehen hat“, sagt Benjamin Kriwanek. 

Das Lied behauptet nichts – es verbindet. Und genau deshalb trägt es weiter. Eine Hymne, von der Benjamin Kriwanek nie geahnt hätte, „dass sie solche Dimensionen annimmt“.