Gesellschaft

Wehrpflicht? Warum Jugendliche jetzt streiken

Person mit roten Haaren hält ein Schild in die Kamera mit dem Text: „Wehr dich gegen Wehrpflicht!“
epd-bild/Christian Ditsch
Demo gegen Wehrpflicht im Dezember 2025 in Berlin

Eine neue Jugendbewegung kämpft gegen die Wehrpflicht. Deswegen gehen Schülerinnen und Schüler auf die Staße. Aber es geht um mehr als nur den Militärdienst.

Kriege und Krisen: Die Debatte um die Wehrpflicht nimmt wieder Fahrt auf. Sie wird vor allem in Politik und Medien geführt. Viele junge Menschen fühlen sich dabei übergangen.

Am 5. Dezember 2025 hat die Bundesregierung erste Schritte zur möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht beschlossen. Junge Männer müssen nun dafür vorgesehene Fragebögen ausfüllen, ab Juli 2027 ist eine Musterung vorgesehen. 

Stimmung unter jungen Menschen zur Wehrpflicht

Laut einer von Greenpeace beauftragen Umfrage lehnt die Mehrheit der 16- bis 25-Jährigen die Rückkehr zur Wehrpflicht ab. Viele sehen Grundrechte in Gefahr.

Auch viele Schülerinnen und Schüler der Oberstufe am Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm erzählen: Ein Dienst bei der Bundeswehr komme für sie grundsätzlich nicht in Frage. Ihrer Meinung nach soll der drohende Wehrdienst weiterhin eine freiwillige Entscheidung bleiben. 

Die Skepsis speist sich aus mehreren Fragen:

  • Wird Deutschlands Sicherheit wirklich durch den Zwang erhöht?
  • Wer entscheidet über die Lebensplanung junger Menschen?
  • Welche Alternativen gibt es?

Proteste gegen Wehrpflicht

Die Initiative „Schulstreiks gegen Wehrpflicht“ mobilisiert Schülerinnen und Schüler am 5. März zu bundesweiten Schulstreiks. Sie versteht sich als unabhängige Initiative ohne Parteizugehörigkeit. 

Eine Gruppe von Jugendlichen bei der Demo gegen den Wehrdienst in Berlin Kreuzberg. Auf den Schildern steht beispielsweise: Frieden beginnt mit Freiheit oder Lieber Zukunft bauen als Panzer
epd-bild/Christian Ditsch
Schülerinnen und Schüler haben bereits im Dezember 2025 bei Demos gegen den geplanten Wehrdienst ihrer Wut und ihrem Frust Luft gemacht.

Die Aktionen in den Städten organisieren vor allem Schülerinnen und Schüler vor Ort. Außerdem werden sie auch von Schülervertretungen, Gewerkschaften und deren Jugendverbänden sowie weiteren politischen und Friedensorganisationen unterstützt.

Im Mittelpunkt ihrer Forderungen stehen: 

  • Keine Wehrpflicht, keine Zwangsdienste
  • Geld für Bildung, Soziales und Umweltschutz statt für Aufrüstung
  • Keine Bundeswehr an den Schulen
  • Kriegsdienstverweigerungsberatung für alle Abschlussjahrgänge
  • Streikrecht für Schülerinnen und Schüler
  • Abrüsten statt aufrüsten

Bereits am 5. Dezember 2025 gab es einen Schulstreik gegen Wehrpflicht. Nach Angaben der Organisation waren damals Schülerinnen und Schüler in rund 90 Städten und Regionen auf die Straße gegangen. In Frankfurt versammelten sich laut Angaben der Polizei rund 600. 

Mit dem erneuten Streikaufruf am 5. März soll der Druck auf die Politik weiter erhöht werden. „Es muss darum gehen, das Risiko für Eskalationen zu minimieren“, sagt Bela aus der Presseabteilung der Initiative. Er ist sich sicher: „Dazu trägt die Wehrpflicht aber nicht bei.“ Er sieht die Wehrpflicht als eine „eine Maßnahme zur Kriegsvorbereitung“ und „die Jugend ist nicht bereit“ dafür, „den Kopf hinzuhalten“.

Neues Wehrdienstgesetz ab 1. Januar 2026

  • Seit Januar: Fragebögen an alle 18-Jährigen
  • Musterung aller Männer ab Jahrgang 2008
  • Wehrdienst 6 Monate, 2.600/Monat
  • Verweigerung möglich

Bundeswehr besucht verstärkt Schulen

Die Initiative will aber nicht nur an Streiktagen aktiv sein. Sie kritisiert verstärkte Besuche von Jugendoffizieren an Schulen. Auch auf Berufsinformationsmessen präsentiere sich die Bundeswehr deutlich stärker.

Die Forderung: Schulen sollen ein neutraler Ort bleiben. Schülervertretungen sollen über Besuche abstimmen oder sie ablehnen können. 

Wie stehen alternative Dienste dar?

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die Wehrpflicht und jeden Schritt zu ihrer Wiedereinführung, sondern auch gegen sogenannte Zwangsdienste, z.B. in Form von Ersatzdiensten. „Diese sind nicht im Interesse der Jugend“, sagt Bela von der Initiative. Ihn stört, dass „sie dort zu schlecht bezahlter Arbeit gezwungen werden und gleichzeitig elementare Rechte wie das Streikrecht vorenthalten werden“. Das löse keine gesellschaftlichen Probleme.

Die Kritik zielt damit grundsätzlich auf den staatlichen Zwang.

Spannungsfeld: Schulpflicht trifft Versammlungsfreiheit

Mit dem Aufruf zum Schulstreik stehen die Jugendlichen wieder vor denselben juristischen Fragen wie Fridays for Future: Dürfen Schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit demonstrieren? Kinder und Jugendliche haben auch das Recht auf Versammlungsfreiheit. Gleichzeitig gilt aber die Schulpflicht

Diese beiden Prinzipien stehen in einem Spannungsverhältnis. Eine Demonstration darf eine Behörde nicht allein mit Verweis auf die Schulpflicht verbieten. Doch wer während der Unterrichtszeit fehlt, begeht aus schulrechtlicher Sicht eine Pflichtverletzung.

Wer für den Schulstreik dem Unterricht fernbleibt, setzt ein politisches Zeichen. Juristisch bleibt das jedoch heikel. „Eine politische Überzeugung ist keine Entschuldigung für das Fernbleiben vom Unterricht“, sagt der Verwaltungsrechtler Wilhelm Achelpöhler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Schulschwänzen gilt als Ordnungswidrigkeit. Theoretisch kann also ein Bußgeld verhängt werden.

Im Zentrum der Streiks steht eine Machtfrage: Wie viel Mitsprache haben junge Menschen bei politischen Entscheidungen, die ihr Leben direkt betreffen? Die Initiative „Schulstreiks gegen Wehrpflicht“ sagt klar: Reformen dürfen nicht über die Köpfe der Jugend hinweg beschlossen werden.