Glaube

Diakonisse mit Familie? In Speyer ist das möglich

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Muss eine Diakonisse ohne Familie leben? In Speyer längst nicht mehr. Drei Frauen erzählen von Glauben, Familie und dem Dienst an anderen.

Ein Leben ohne eigene Familie, dafür ganz im Dienst anderer Menschen: Das traditionelle Modell der Diakonissen findet immer weniger Nachwuchs. In Speyer geht die Gemeinschaft deshalb neue Wege. Drei Frauen erzählen, was sie verbindet.

Es gibt noch viel zu tun für den jährlichen Flohmarkt der Diakonissen. Schwester Charlotte Heiß öffnet einen Karton und sortiert Bücher auf einem Tisch. Seit fast 20 Jahren lebt die 90-Jährige im Diakonissen-Mutterhaus in Speyer.

Der Weg ins Diakonissen-Mutterhaus

Bereits während ihrer Schulzeit wusste die gebürtige Mannheimerin: Ich will evangelische Diakonisse werden. Damals besuchte regelmäßig eine evangelische Gemeindeschwester ihre Familie. „Wir waren ziemlich lang befreundet.“ Charlottes Eltern haben nichts gegen ihre Entscheidung.

Charlotte Heiß hat an vielen Orten gearbeitet: als Gemeindeschwester, Haushälterin, Krankenpflegerin, später Leiterin eines Schwesternerholungsheims. Seit sie ins Mutterhaus Speyer eingezogen ist, hat sich viel verändert.

Charlotte Heiß in der Mutterhaus-Kapelle
Florian Riesterer
Kapellendienst im Speyrer Mutterhaus der Diakonissen: Schwester Charlotte Heiß.

Warum können Diakonissen heute eine Familie haben?

In den 1930er Jahren leben noch rund 600 Frauen in der Speyerer Schwesternschaft. Doch seit Ende der 1960er Jahre geht ihre Zahl zurück. Immer weniger Frauen entscheiden sich dafür, auf eine eigene Familie zu verzichten, Tracht zu tragen, um sich aus christlicher Überzeugung heraus in den Dienst des Nächsten zu stellen.

Vor etwas mehr als zehn Jahren beschließen die Diakonissen Speyer daher, ihre Gemeinschaft zu öffnen. Seitdem können Männer sowie Frauen, auch mit Familie, Diakon oder Diakonisse neuer Form werden. Auch die sexuelle Orientierung spielt keine Rolle.

Ganz gleich, wo sie leben und was sie arbeiten. Einzige Voraussetzung ist die Zugehörigkeit zu einer Kirche der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.

Schwester Charlotte Heiss und Schwester Corinna Kloss auf einer Bank
Florian Riesterer
Schwester Charlotte Heiß im Gespräch mit Schwester Corinna Kloss (rechts).

Unser Glaube ist unser Zentrum

Das sagt Schwester Corinna Kloss. Die dreifache Mutter und leitende Pfarrerin der Diakonissen gehört zu den ersten Frauen, die 2017 nach der eineinhalbjährigen Ausbildung als Diakonisse neuer Form eingesegnet wird. 

Seitdem sind 32 Diakone und Diakonissen hinzugekommen. Viele von ihnen suchen Gleichgesinnte, „die ähnlich ticken, die sich engagieren für den Nächsten und das bewusst aus dem Glauben raus“. 

Die Diakonissen konkurrieren nicht mit den Kirchengemeinden, sagt Corinna Kloss. Bewusst finden die Gottesdienste im Mutterhaus samstagabends statt. Hinzu kommen zwei Andachten pro Woche.

Einmal im Monat lädt Corinna Kloss zu Treffen ein. Referentinnen und Referenten informieren dort Gäste beispielsweise über den ambulanten Hospizdienst oder das neue rheinland-pfälzische Bestattungsgesetz.

Sr. Corinna Kloss
Florian Riesterer
Schwester Corinna Kloss, leitende Pfarrerin der diakonischen Gemeinschaft.

Wie funktioniert die neue Gemeinschaft der Diakonissen?

Die Diakonissen beteiligen sich am Jahresfest der Einrichtung im Sommer und am Weihnachtsmarkt. „Einmal im Jahr besuchen wir ein anderes evangelisches Mutterhaus.“ Auch untereinander  halten die Gemeinschaftsmitglieder Kontakt.

„Man kann nur Gemeinschaft leben, wenn man ab und zu präsent ist“, sagt Corinna Kloss. Sie selbst trägt als Erkennungszeichen eine Kreuzbrosche. Wie oft die Mitglieder an Treffen teilnehmen, bleibt ihnen überlassen: „Es muss sich keiner rechtfertigen oder ein Attest vorlegen, wenn er nicht kommen kann.“

Die meisten Menschen seien ohnehin stark in der Kirchengemeinde oder Familie engagiert. Die meisten entscheiden sich erst gegen Ende 50 aus der „Rushhour des Lebens“ auszusteigen. Zur Gemeinschaft stoßen sie dann, wenn die besonders fordernde Lebensphase zwischen Beruf und Familie hinter ihnen liegt, sagt sie. 

Schwester Charlotte Heiß und Schwester Kaja Horr beim Flohmarkt
Florian Riesterer
Flohmarktstand: Schwester Charlotte Heiß und Schwester Kaja Horr auf dem Jahresfest der Diakonissen Speyer

Warum Charlotte sich „evangelische Nonne“ nennt

Langweilig wird auch Charlotte Heiß mit 90 Jahren nicht. Regelmäßig besucht sie Patientinnen und Patienten im benachbarten Diakonissen-Stiftungskrankenhaus, singt im Chor des Mutterhauses, kümmert sich um den Kirchendienst in der Kapelle. Früher saß sie an der Pforte. „Was eben grad gebraucht wird.“

Und dann ist da noch der jährliche Flohmarkt der Diakonissen. „Da bräuchte ich gar nicht aufzuhören.“ Geschirr, Besteck, Gläser, Bücher, vieles davon Hausrat verstorbener Diakonissen, finden beim Fest neue Besitzer.

Heiß sortiert, baut auf, kommt beim Verkaufen ins Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern. Nicht alle wissen heute noch, warum sie die Tracht trägt. Dann bezeichnet sie sich als „evangelische Nonne“. Damit können die meisten etwas anfangen.

Kaja Horr schneidet Äpfel
Florian Riesterer
Hat sich zur Diakonisse neuer Form ausbilden lassen: Hauswirtschaftslehrerin Kaja Horr.

Nach Schicksalsschlägen Halt im Glauben gefunden

Auch Kaja Horr hat sich für ein Leben als Diakonisse entschieden. Die 59-Jährige Friedelsheimerin ist seit Pfingsten eingesegnet: „Ohne meinen Glauben hätte ich die vielen Schicksalsschläge in meinem Leben nicht ausgehalten.“

Die Hauswirtschafterin arbeitet im evangelischen Hospiz Bad Dürkheim. Dort bietet sie auf Wunsch Aussegnungen an und betet mit den Hospizgästen, wenn sie möchten.

„Schwester Charlotte hat mich immer schon beeindruckt“, sagt Kaja Horr. Sie ist gemeinsam mit ihrer  Hündin Frieda für die Gäste da. 

Ein Leben im Schwesternhaus wäre für sie allerdings nie infrage gekommen. Umso mehr freut sie sich darüber, dass die Diakonissen in Speyer ihre Gemeinschaft geöffnet haben.

Besonders wichtig ist ihr der Zusammenhalt unter den Mitgliedern. Wie stark er sein kann, hat sie schon während ihrer Ausbildung erlebt: „Wir hatten in unserem Kurs eine Frau dabei, die währenddessen ihren zweiten Schlaganfall hatte. Alle haben sich rührend um sie gekümmert.“

Bei der Arbeit verzichtet Kaja Horr bewusst auf den Zusatz „Schwester“. „Das würde die Leute verwirren, ich bin ja keine Krankenschwester.“ In einigen Jahren will sie in Rente gehen und sich dann noch stärker bei den Diakonissen engagieren.

Kaja Horr mit gerahmten Fotos im Hospiz
Florian Riesterer
Bietet auf Wunsch Aussegnungen an. Kaja Horr mit Handporträts von Hospizgästen.

Was bleibt von der traditionellen Lebensform der Diakonissen?

„Ich habe die Aufgaben versucht zu erfüllen, so wie ich die Kraft dazu hatte“, blickt Charlotte Heiß auf ihr Leben zurück. 

Dass ihr Lebensmodell in seiner ursprünglichen Form zumindest in Speyer ausgedient hat, lässt sie nicht bitter werden. Im Gegenteil.

Die Schwestern heute können nicht mehr so wie wir leben.

„Von morgens bis nachts und immer da sein“, sagt Charlotte Heiß. Neue Formen seien deshalb nötig. „Wichtig ist, dass der Gedanke der Diakonie weitergeht und für die alten und kranken Menschen gesorgt wird.“ 

Dass mit den Diakonissen in Tracht und Häubchen auch das soziale Engagement verschwinden könnte, befürchtet die 90-Jährige nicht. „Es gibt immer wieder junge Leute, bei denen ich erstaunt bin, wo sie sich überall einsetzen. Sie müssen nur angesprochen werden.“

Schwester Charlotte Heiß liest Zeitung
Florian Riesterer
Hält sich auf dem Laufenden: Schwester Charlotte Heiß.

Tradition und Veränderung

Tradition bewahren oder neue Wege gehen? Die Diakonissen in Speyer versuchen beides. Wie findest du es, dass sich solche Gemeinschaften verändern? Diskutiere mit uns auf Social Media: 

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